Vanessa Wallisch beobachtet ihre Sportskameradin Milena Arnold beim Kugelstoß-Training auf der Sportanlage der TSG Wehrheim am Oberloh.
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Vanessa Wallisch beobachtet ihre Sportskameradin Milena Arnold beim Kugelstoß-Training auf der Sportanlage der TSG Wehrheim am Oberloh.

Usinger Land

Steiniger Weg liegt vor den Sportvereinen

  • vonMatthias Pieren
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Die drei großen Sportvereine im Usinger Land haben schwer an den finanziellen Folgen der Pandemie zu knabbern.

Usinger Land -Die Turn- und Sportgemeinden Usingen, Wehrheim und Niederreifenberg sind nur drei von vielen Sportvereinen im Hochtaunuskreis. Die Namensgleichheit als TSG ist keinesfalls die einzige Gemeinsamkeit, die die drei Großsportvereine im Usinger Land wie eine Klammer eint.

Alle Sportvereine dürfen seit vergangener Woche ihren Mitgliedern wieder Trainingsmöglichkeiten in den Sportarten anbieten, die unter dem Dach des jeweiligen Vereins zusammengefasst sind. Die sportliche Gemeinschaft und auch die Möglichkeit, sich unter dem olympischen Motto "Schneller, höher und stärker - beziehungsweise weiter" miteinander messen zu können, wurden viel zu lange schmerzhaft vermisst.

Doch was von tausenden Mitgliedern im Usinger Land sehnsüchtig erwartet wurde, der Neustart des Vereinslebens nach dem dritten Lockdown, bereitet den Verantwortlichen in den Sportvereinen heftiges Kopfzerbrechen. Die gern "zitierte Normalität nach Corona" ist im Trainingsalltag nämlich keinesfalls durch einfaches Schalter umlegen wieder herzustellen.

Die Mitgliederzahl ist bei den drei TSG aus Niederreifenberg (knapp 1000, minus 70 seit Anfang 2020), Wehrheim (1515, minus 85) sowie Usingen (aktueller Stand 1733, minus 140) gar nicht so massiv eingebrochen. Die Zahl der Austritte war demnach in allen drei Vereinen nicht ungewöhnlich hoch. "Da aber kein Spielbetrieb und kaum Trainingsmöglichkeiten möglich waren, gab es anders als in gewöhnlichen Jahren kaum Eintritte", teilt dazu Thomas Wagner, Vorsitzender der TSG Wehrheim mit.

In Usingen fehlt die Laurentiuskerb

Im Vergleich zu den weggebrochenen Einnahmen durch die abgesagten Vereinsfeste war der Rückgang bei den Mitgliederbeiträgen absolut zu verschmerzen. "Wir spüren die weggebrochenen Einnahmen durch die Absage der Laurentiuskerb sowohl 2020 wie auch 2021 schmerzhaft", sagt dazu Matthias Drexelius als Vereinsvorsitzender der TSG Usingen.

Aktuell treibt die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes den Verantwortlichen viel größere Sorgenfalten auf die Stirn. Von den Kommunen, dem Landkreis und dem Landessportbund gehen pausenlos Verordnungen und Vorgaben per E-Mail bei den Vorstandsmitgliedern ein, die nun umzusetzen sind.

Große Sorge vor dem Verlust von Trainern

Eines wird den Abteilungsleitern und Vorstandsmitgliedern der Großvereine bei der aktuellen Organisation des Trainings-Neustart klar: die alte Normalität aus der vorpandemischen Zeit wird sich in alter Form so schnell gar nicht erreichen lassen. "Wir sind gespannt, wer von unseren Trainerinnen und Trainern überhaupt wieder zur Verfügung stehen wird und wie viele Mitglieder überhaupt bereits jetzt mit dem Training wieder einsteigen wollen", sagt der Vereinsvorsitzende der TSG Niederreifenberg Karl Breitung.

Manche Trainer seien noch nicht geimpft, andere gehören zu einer der Corona-Risikogruppen. Nicht wenige Mitglieder wollen vorerst nicht mehr in der Halle trainieren und hoffen auf Outdoor-Training. Noch können der TSG-Vorstand und die Abteilungsleitungen gar nicht einschätzen, wie die Bedürfnislage der Mitglieder sei.

Parallel zum abwartenden Verhalten einiger Mitglieder erwartet Breitung auf der anderen Seite ein die Pandemie leugnendes Verhalten anderer Mitglieder. "Wir müssen den Spagat dabei stehen, beiden Seiten gerecht zu werden. Wir wollen keine Mitglieder verprellen, aber wir wollen und müssen auf der anderen Seite ganz klar auch die Hygienevorschriften einhalten und die Entwicklung der Pandemie im Blick behalten", so Breitung.

Wie umgehen mit Maskenverweigerern?

Das schwierige an der sehr emotionalen Lage sei, dass die Maskenverweigerer eigentlich ganz liebe Menschen seien. Durch ihre Haltung aber eine eigene Dynamik in die Situation bringen. Der Vereine wissen um die Auflagen, denen sie nachkommen müssen. Sowohl Mitglieder wie Trainer als auch der Vorstand müssen sich nun komplett anders aufstellen.

Keine Frage: Die Vereine müssen sich neu definieren, Konflikte innerhalb der Abteilungen und Mannschaften aushalten und Lösungen finden. "In der Pandemie haben sich die Mitglieder und deren Einstellungen verändert", beschreibt Karl Breitung die neue Ausgangslage. "Das Vereinsleben bildet eben einen Querschnitt durch die Gesellschaft ab. In der neuen Situation hoffen wir auf Sensibilität, Konfliktfähigkeit und Toleranz aller Mitglieder für einen gelingenden Neustart."

Kindeswohl ist auch Aufgabe der Vereine

Als Vorsitzender der TSG Wehrheim berichtet Thomas Wagner von ähnlichen aktuellen Herausforderungen, wie in den beiden anderen Großvereinen in Usingen und Niederreifenberg.

"Ein Großteil unserer Trainer ist geimpft. Doch wir können niemanden zwingen, sich impfen zu lassen", sagt Thomas Wagner. "Der Vereinsvorstand hat natürlich den Wunsch, dass sich alle Trainerinnen und Trainer sowie die Betreuerinnen und Betreuer impfen lassen und auch hinter den Vorgaben der von uns aufgestellten Hygienekonzepte stehen."

Wagner zeigt sich erleichtert, wenn mit der Aufnahme des Sportbetriebes endlich gerade auch den Kindern und Jugendlichen im Ort wieder ein Ausgleich und Betätigungsfeld in der Freizeit ermöglicht wird. Das soziale Miteinander, die Gemeinschaft und das Erlernen sowie Erleben von Regeln sei für Heranwachsende enorm wichtig. Zuletzt lag alles auf Eis.

Wie sein Niederreifenberger Kollege Karl Breitung spricht aber auch Wagner eine andere sensible Aufgabe an, vor der derzeit alle Sportvereine stehen. "Wir müssen derzeit parallel den Schwierigkeiten beim Neustart des Trainingsbetriebes auch die Schutzkonzepte im Falle von Kindeswohlgefährdungen umsetzen", sagt Thomas Wagner. "Ganz ohne Frage ist das absolut notwendig. Doch wir erleben gerade, wie schwierig es bereits ist, alle Corona-Vorgaben innerhalb des Trainings umzusetzen und die Trainer für die aktuellen Situation und die besondere Verantwortung zu sensibilisieren."

Wenn nun zeitgleich - wie vom Kreis gefordert - auch die Schutzkonzepte zum Kindeswohl umgesetzt werden müssen, befürchtet Wagner, dass einzelne Trainerinnen und Trainer abspringen. "Ich habe die Sorge, dass sich mancher Trainer überfordert fühlen könnte", so der TSG-Vorsitzende aus Wehrheim.

Fehlende Trainer führen zwangsläufig zum Ausfall des so lange ersehnten Trainings. Was gerade vor dem Hintergrund, dass aktuell viele Kinder und Jugendliche durch die Pandemie vom Radar der Öffentlichkeit verschwunden waren, besonders heikel wäre. Wie es den Kindern in den zurückliegenden Monaten erging, ist noch gar nicht bekannt.

Was viele Ehrenamtliche in den Vereinen bei der aktuell vieldiskutierten Frage der Kindeswohlgefährdung gar nicht im Blick ist: Es geht dabei keinesfalls nur um mögliche körperliche, sexuelle oder psychische Übergriffe beim Training. Wie Kinderärzte, Lehrer und Teamer von Kindergruppen sind es gerade auch Trainer, die beim Vereinssport eventuell Anzeichen von Kindeswohlgefährdung im Alltag der Kinder wahrnehmen.

"Deshalb ist die Aufnahme des Trainingsbetriebes gerade für Kinder und Jugendliche als Ausgleich so enorm wichtig", sagt Wagner. "Wenn der Regelbetrieb ganz langsam anläuft werden wir uns mit den Betreuern und Trainern den Fragen der Kindeswohlgefährdung widmen. Aber alles zur gleichen Zeit ist fast nicht machbar." Von Matthias Pieren

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