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Gunter Demnig legte letzte Hand an die gesetzten Stolpersteine an.

Erinnerung

16 Stolpersteile in Usingen verlegt

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Wer durch die Stadt läuft, stolpert mitunter über kleine goldene Plaketten im grauen Pflaster des Bürgersteigs. Seit Samstag gibt’s von ihnen noch mehr. Es sind Steine, die an Menschen erinnern sollen – Stolpersteine.

Die Erzählung „Verschüttete Milch“ sollte in die Geschichte eingehen. Nicht wegen der vermeintlichen Originalität ihres Inhalts, sondern vielmehr deshalb, weil sie aus der Feder einer Zwölfjährigen stammt. Weil die junge Autorin imstande war, sich in das Mädchen Lieselotte hinein zu versetzen, das in den 30er Jahren von ihren eigenen Freundinnen gedemütigt und gequält worden war.

Weil: „Die Eltern hatten gesagt, Juden darf man bespucken, weil sie Juden sind.“ Josefine las ihre Geschichte von der verschütteten Milch vor rund 50 Zuhörern vor, die gekommen waren, um der Verlegung neuer Stolpersteine in der Stadt beizuwohnen.

Es war das dritte Mal, dass sich die Arbeitsgruppe Stolpersteine aufmachte, um in der Stadt jene goldenen und mit Namen versehenen Pflastersteine vor solche Häuser zu setzen, in denen früher Juden gewohnt hatten. Hoffentlich an den richtigen Adressen, denn bei manchen Hausnummern habe es durchaus Schwierigkeiten gegeben, die betreffenden Häuser ausfindig zu machen, räumte Mirjam Andres ein. Die geschichtskundige Gymnasiallehrerin an der Christian-Wirth-Schule hatte maßgeblich die Namen derer recherchiert, um die es am Samstag ging. Über 16 Namen war Andres im Verlauf ihrer Nachforschungen gestolpert, die nun als Stolpersteine in die Gehwege vor den jeweiligen Häusern eingelassen wurden.

„Wir möchten mit diesem Projekt an die jüdischen Mitbürger erinnern, die aufgrund der Menschen verachtenden Ideologie der Nationalsozialisten und ohne eigenes Verschulden rechtlos wurden“, begründete Mirjam Andres in ihrer Ansprache die Aktion. „Wir wollen damit unseren

Respekt ausdrücken

, um ihnen wenigstens einen Teil ihrer Würde zurückzugeben.“

Das Projekt war vor vier Jahren ins Leben gerufen und von der Stadt Usingen, den Schulen und vielen einzelnen Bürgern durch Spenden und Teilnahme unterstützt worden. Andres sprach besonders jenen Eltern ihren Dank aus, die ihre Kinder an dem Bildungsprojekt „Kultur macht stark“ hatten teilnehmen lassen.

Im Rahmen dieses Projekts des Bundesministeriums für Bildung hatte die Schriftstellerin Ursula Flacke unter dem Motto „

Jeder ist anders

, und das ist gut so“ den Kindern eine Schreibwerkstatt angeboten. Darin griff sie die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft auf und beleuchtete mit den Kindern die Geschehnisse in Usingen aus verschiedenen Blickwinkeln.

„Dabei sind ganz tolle Texte entstanden“, sagte Flacke am Samstag anlässlich der Stolperstein-Verlegung. Einige Auszüge, die sie schon an Ort und Stelle verlas, deuteten bereits an, in welche Tiefen die Schüler in der Schreibwerkstatt vorgedrungen waren. Josefines Beitrag setzte dem die Krone auf. Das komplette Ergebnis erscheint als Buch, das am 3. November in der Hugenottenkirche vorgestellt wird.

Während der Erfinder der goldenen Pflastersteine, der Kölner Künstler Gunter Demnig, die Stolpersteine kunst- und fachgerecht verlegte, begleiteten Ursula Flacke und Manfred Kling die Aktion mit einem jüdischen Lied.

Jetzt erinnern die goldenen Inschriften vor dem Haus Bahnhofstraße 20 an den in Auschwitz ermordeten Otto Lilienstein und seine nach Frankreich geflohene Ehefrau Hilde. Vor der Nummer 18 wird der Familie Alfred, Dina, Ernst Günther, Helga und Eva Lilienstein gedacht, denen die Flucht das Leben gerettet hatte.

Julius und Lilli Hirsch betrieben ein Modegeschäft in der Obergasse 5 (heute Schlosspassage), von wo aus sie nach Plünderungen und Überfällen mit ihren Kindern Kurt und Paul die Flucht angetreten hatten. Hedwig Weil, eine Verwandte, wurde nach Polen verschleppt und ermordet.

Ebenfalls unfreiwillig zur Flucht gezwungen sahen sich Karl und Alice Rosenthal und ihre Kinder Richard und Cäcilie. Der Kaufmann hatte in der Obergasse 11 das Möbelgeschäft seines Schwiegervaters betrieben, zu dessen Verkauf er gewaltsam gezwungen wurde. Später zog dort das Textilhaus Schäfer ein.

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