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Aus dem Straßenrowdy wird ein Fußgänger

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Von: Alexander Schneider

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Weil er am Zebrastreifen ein haltendes Auto überholt hat und dabei fast eine Frau überfahren hätte, stand ein Grävenwiesbacher wegen Straßenverkehrsgefährdung vor dem Amtsrichter. Nur dumm, dass er da zwei Polizisten überholt hat.

Wie man sich als Autofahrer am Zebrastreifen benimmt, erfährt man in der Fahrschule: Man nähert sich dem Überweg in reduziertem Tempo, hält vor dem Streifen an und lässt Fußgänger passieren. Der 36-jährige Grävenwiesbacher muss an dieser Stelle im Unterricht gefehlt haben.

Er fuhr mit seinem Mercedes am 11. Februar gegen 6.10 Uhr in der Frankfurter Straße in Grävenwiesbach in Richtung Usingen, als vor ihm ein Mercedes mitten auf der Fahrbahn anhielt, kein Blinker, nichts, er stand einfach da. Der andere habe schon die ganze Zeit immer wieder gebremst, so dass er sich gefragt habe, ob der Fahrer vielleicht einen Parkplatz sucht, um zum Bäcker zu gehen, behauptete der Angeklagte.

Er sah sich aufgehalten und überholte den stehenden Wagen kurzerhand. Das verhalf ihm jetzt zu einer Verabredung mit Strafrichter Martin Gierke am Bad Homburger Amtsgericht. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn nämlich der fahrlässigen Straßenverkehrsgefährdung angeklagt, denn das andere Auto hatte völlig fahrschulmäßig am Zebrastreifen gehalten, um einer 44-Jährigen das Überqueren der Straße zu ermöglichen. Wenn die Frau nicht im letzten Moment nach links geschaut hätte, um sich bei dem Autofahrer zu bedanken, hätte sie die Scheinwerfer des anderen Autos womöglich zu spät gesehen und wäre überfahren worden.

Was die Sache für den Angeklagten nicht besser machte: Die beiden Herren im Auto waren Polizisten auf dem Weg zur Arbeit. Dumm gefahren, kann man da nur sagen. Alle Zeugen sagten nämlich, dass es „höllisch knapp“ und dass das Tempo des Mercedesfahrers „deutlich über 50“ war.

Der Angeklagte, der vorgab, „eigentlich ein ruhiger Fahrer zu sein“, aber etliche Einträge im Verkehrszentralregister hat, gab die Tat gleich zu Beginn zu, wiegelte aber ab. Er sei an diesem Morgen schlecht drauf gewesen. Der Hauskredit habe gewackelt, der Job auch, und das Kind habe Fieber gehabt, er habe alles im Kopf gehabt, nur nicht den Verkehr.

Was ihn nicht davon abgehalten hat, der Polizei bei seiner ersten Vernehmung vorzuhalten, sie kümmere sich um Kleinigkeiten, lasse Mörder aber frei herumlaufen. Der Beamte habe ihn so behandelt, „als hätte ich die Frau überfahren“. Dabei sei nichts passiert.

Gegenüber eben diesem Beamten soll er auch den Verdacht geäußert haben, dass der sich den Kollegen als Zeugen ins Boot geholt habe, denn eigentlich sei er doch alleine im Auto gewesen. Davon war nun keine Rede mehr. Von Reue oder gar einer Entschuldigung gegenüber der Passantin auch nicht. Das missfiel dem Staatsanwalt.

Die vom Gesetzgeber an den Tatbestand der Straßenverkehrsgefährdung gelegten Hürden seien zwar hoch, der Angeklagte habe sie bei diesem „Beinaheunfall“ aber alle genommen. Sein Verhalten sei rücksichtslos, grob verkehrswidrig und das Leben der Frau gefährdend gewesen. Nur durch Glück sei es nicht zu Unfall gekommen.

Der Verteidiger sah das anders. Rücksichtslosigkeit könne er nicht erkennen. Die zudem noch dunkel gekleidete Frau habe den Unfall im letzten Moment noch selbst abwenden können. Von einem Beinaheunfall könne also kaum gesprochen werden. Es komme nur ein Freispruch in Frage.

Das wiederum sah das Gericht anders. Es verurteilte den Mann wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung zu einer Geldstrafe von 1800 Euro und Führerscheinentzug für die Dauer von 12 Monaten.

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