Eine Lieferung muss ausgeladen werden: Bei der DRK-Tafel in der Hattsteiner Allee packen alle mit an. Aber auch "aus", vor allem wenn es darum geht, dass die Neu-Anspacher "Lebensmittelretter" um Claudia Bröse den Tafeln ein Drittel Lebensmittel abgreifen, wie Birgit Hahn (links, Usingen), Barbara Voss-Fels und ihre Kollegin Marion Kollrepp (Dritte und Vierte von links) beklagen.
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Eine Lieferung muss ausgeladen werden: Bei der DRK-Tafel in der Hattsteiner Allee packen alle mit an. Aber auch "aus", vor allem wenn es darum geht, dass die Neu-Anspacher "Lebensmittelretter" um Claudia Bröse den Tafeln ein Drittel Lebensmittel abgreifen, wie Birgit Hahn (links, Usingen), Barbara Voss-Fels und ihre Kollegin Marion Kollrepp (Dritte und Vierte von links) beklagen.

Usinger Land

Tafeln kämpfen um Lebensmittel

  • vonAndreas Burger
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DRK-Mitarbeiter in Usingen erheben Vorwürfe gegen Claudia Bröses Initiative in Neu-Anspach

Usingen/Neu-Anspach -Lebensmittel in die Tonne? Geht gar nicht. Und so sind in allen Kommunen inzwischen Organisationen unterwegs, die sich der unschönen und damit nicht verkaufbaren Bananen und Äpfel, den bald oder schon knapp abgelaufenen Produkten der Märkte annehmen.

An erster Stelle sind dies die "Tafeln", deren ehrenamtlicher Einsatz dafür sorgt, dass Menschen mit finanziell schwachem Sozialgefüge genug zu essen haben. Sie sammeln die Lebensmittel bei den Märkten ein, packen sie in Kisten und geben sie an festen Tagen an die Bedürftigen aus. Im Fall des DRK in Usingen und in Wehrheim geht dies nur mit einem entsprechenden Ausweis, der auch nur an Menschen ausgegeben wird, deren Einkommen nur 1,5-fach über dem Sozialhilfesatz liegt.

Seit Weihnachten am Start

Aber seit Weihnachten 2019 ist Sand im Getriebe, der für die beiden Aufgetischt-Rot-Kreuz-Vertreter Birgit Hahn (Usingen) und Barbara Voss-Fels mit ihrer Kollegin Marion Kollrepp auch einen Namen hat: Claudia Bröse. Letztere ist die Chefin der Freiwilligen-Agentur Neu-Anspach und hat viele Initiativen organisiert. Darunter auch die Organisation "Lebensmittelretter", die seit Weihnachten 2019 am Start ist.

"Claudia Bröse hat mich damals angerufen, ob sie zwischen den Jahren Lebensmittel bei Märkten abholen kann, da wir ja in dieser Zeit eine Woche zu haben", sagt Hahn. Nur: "Inzwischen greift sie täglich über ein Drittel der Lebensmittel ab, die wir dringend für die Tafeln benötigen. Und die Retter verteilen diese Waren an alle, da gibt es keine Bedürftigen-Struktur. Das heißt, auch Menschen, die einkaufen könnten, werden kostenfrei bedient. Das ist nicht in Ordnung." Zumal die Marge der gespendeten Waren sinkt, denn die Märkte werden bei Bestellungen immer vorsichtiger.

Das sieht auch Voss-Fels so. "Sie macht ja in Facebook sogar unverholen klar, dass sie sich selbst damit bekocht", berichtet sie. Damit gingen den Tafeln nicht nur die so notwendigen Lebensmittel verloren, sondern den Märkten natürlich auch Umsatz.

Bröse sieht, verständlicherweise, alles anders. "Wir holen jeden Tag Lebensmittel ab. Und meist nur dort, wo die Tafeln nicht sind oder was diese stehen lassen. Das haben wir mit dem DRK auch besprochen."

Da dürften jetzt Hahn und Voss-Fels Fragezeichen in den Augen haben: "Wir haben versucht, mit der Frau zu sprechen, aber entweder hat sie gesagt, dass sie das gar nicht ist, die diese Nahrungsmittel abholt - oder hat jedes Gespräch abgeblockt." Zudem würde die Tafel nichts "stehen lassen". "Wenn unsere Fahrer kommen, sind bei den Märkten die Waren schon von den selbst ernannten Lebensmittelrettern abgeholt worden", sagt Hahn. Von Absprachen könne angesichts der Funkstille überhaupt keine Rede sein.

Notbremse gezogen

Inzwischen haben einige Märkte die Notbremse gezogen. Der Nahkauf in Neu-Anspach etwa gibt Waren nur noch an Aufgetischt heraus, wie Marktchef Wolfgang Riegel betont: "Nur zwischen den Jahren haben wir den Rettern Waren gegeben, das haben wir eingestellt." Er habe sogar gehört, dass diese Fahrer verderbliche Ware in der Sonne stehen lasen würden. Bröse hat dennoch weiter versucht, einen Fuß in die Tür zu bekommen, wie sie bestätigt, und durch Kontaktaufnahme ein Umdenken erbeten.

Auch Edeka in Usingen und Rewe haben die Reißleine gezogen und unterstützen "Aufgetischt". "Dennoch fehlt uns durch das Abgreifen an unseren Ausgabe-Tagen ein Drittel Ware, die Warteliste der Bedürftigen wird immer länger", so Hahn. In Usingen wird montags, mittwochs und donnerstags an Bedürftige verteilt, in Wehrheim donnerstags.

Edeka-Chef Bernd Reckelkamm in Usingen gibt die Ware nur noch an Aufgetischt. "Es waren an einem Donnerstag mal Vertreter der Lebensmittelretter vor dem DRK da und wollten die Waren zuerst holen. Da bin ich dann dazwischen gekrätscht. Inzwischen kommen sie nicht mehr", sagt er. Reckelkamm betont allerdings auch, dass er die Debatte an sich überhaupt nicht führen wolle. "Am besten wäre es, wenn sich alle auf gewisse Tage einigen", findet er.

Bröse verweist darauf, dass auch andere Waren abholten. "Stimmt", sagt Hahn. "Etwa das Café Hartel. Aber mit denen sind wir in gutem Einverständnis und kommen uns nicht ins Gehege."

Zusammenarbeit beendet

Das Café Hartel holt seine Waren nur mittwochs, um den Tafeln nicht ins Gehege zu kommen, wie Ursel Oestreich als Leiterin betont. Mit der Leiterin des Ehrenamtsbüros habe und brauche sie keine Kontakte.

Das mit dem Kontakt hat auch Usingen beendet, denn eigentlich hatte vor Jahren Claudia Bröse die Ehrenamtsarbeit für die Stadt übernommen. Bürgermeister Steffen Wernard (CDU) ist auf Anfrage zugeknöpft: "Wir haben die Zusammenarbeit beendet."

Da die Tafeln wegen des Lockdowns zumachen mussten, wird dort nun die ganze Ausgabe wieder aufgebaut, denn viele Bedürftige sind verzogen oder nicht erreichbar. "Das ist derzeit eine große Aufgabe für uns. Aber dennoch fehlen uns die Waren an allen Ecken und Enden, denn wir haben mehr Kunden als Waren." Bröse bleibt aber dabei: Die Retter werden täglich die Waren abholen. In Facebook gibt's sogar den Versuch, über Spenden ein Fahrzeug dafür zu beschaffen. Von Andreas Burger

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