Tobias Blechschmidt ist neuer Pfarrer der Gesamtpfarrei St. Franziskus und Klara im Usinger Land.
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Tobias Blechschmidt ist neuer Pfarrer der Gesamtpfarrei St. Franziskus und Klara im Usinger Land.

Der neue Pfarrer im Usinger Land muss den Rotstift ansetzen

Tobias Blechschmidt will die Kirchenführung "anders denken"

  • vonMatthias Pieren
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Die 40 Gebäude der katholischen Kirche reißen den Haushalt in ein Minus

Ob auch seinem Anfang in diesen Corona-schweren Zeiten ein Zauber innewohnte, wie bei vielerlei Begrüßungen so gerne aus dem Gedicht "Stufen" von Herrmann Hesse zitiert wird, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Tatsache ist, dass Pfarrer Stefan Blechschmidt am ersten Sonntag im März feierlich vom kommissarischen Bezirksdekan Andreas Unfried in sein Amt eingeführt wurde. Tatsache ist auch, dass unter den katholischen Christen im Usinger Land große Erleichterung und Freude darüber herrscht, dass der 35-Jährige eigentlich nahtlos die Nachfolge des Ende Januar in den Ruhestand verabschiedeten Paul Lawatsch (69) angetreten hat.

Tatsache ist auch, dass der gebürtige Frankfurter bei seinem ersten Gespräch mit dieser Zeitung einen zuversichtlichen, tatkräftigen und aufgeschlossenen Eindruck vermittelt - was gut tut in einer Zeit, in der auch in den elf Kirchorten des Usinger Landes das Gemeindeleben durch die Pandemie still ruht.

Vorstellungsrunden in allen Kirchorten geplant

Zugleich fegt erneut eine ungemütlich steife Brise durch das gesamte Kirchenland, die durch Erschütterungen im Erzbistum Köln ausgeht. "Zum Einführungsgottesdienst war die Kirche wegen der Corona-Hygieneregeln leider halbleer", sagt Blechschmidt. "Wir wollen deswegen zeitnah in allen Kirchorten einen Gottesdienst feiern, damit ich auch Gemeindemitgliedern vor Ort begegnen kann, so weit das eben möglich ist."

Der junge Mann überrascht vor allem auch durch seine klare Sprache. Diese macht gewiss auch allen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden sowie allen anderen Gemeindemitgliedern der katholischen Kirche im Usinger Land Hoffnung, dass trotz der anspruchsvollen Großwetterlage sein Blick und Handeln Kurs halten werden.

Das Hauptaugenmerk möchte Blechschmidt vor allem auf die Gemeindemitglieder und das kirchliche Gemeindeleben richten. Doch gleich zu Beginn seiner Tätigkeit zwingt die Finanzlage und der vom Bistum eingeschlagene Prozess der kirchlichen Immobilien-Strategie (Lesen Sie dazu auch nebenstehenden Text) zu schmerzhaften Einschnitten.

"Ich will hier nicht lediglich der Verwalter einer Körperschaft öffentlichen Rechts oder Insolvenzverwalter Gottes sein, sondern ein Seelsorger für die Menschen", formuliert der neue Pfarrer sein Selbstverständnis.

"Ich bin überzeugt, dass die Menschen heute nicht mehr aus Sonntagspflicht in die Kirche gehen. Sie kommen in die Kirche, wenn sie einen qualitätsvollen Gottesdienst in Gemeinschaft mitfeiern können. Sie spüren sehr gut, ob sie persönlich angesprochen werden und ob dieser etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat."

Einladung zur Mitgestaltung

Dabei sei nicht einmal die Frage entscheidend, ob dem Bistum noch genügend Priester zur Verfügung stehen. Im Westerwald finden nach seinen Worten in vergleichbaren Kirchorten nur noch einmal pro Monat Eucharistie-Feiern statt. Diese seien dann aber auch gut besucht.

"Kurz und mittelfristig wird es auch in den elf Kirchorten des Usinger Landes nicht mehr allwöchentliche Gottesdienste geben können", so Blechschmidt. "Ich möchte Gemeindemitglieder dazu einladen, bei der Gottesdienst-Gestaltung mitzuwirken und sich zu beteiligen. Das stärkt die Gemeinschaft, stärkt und prägt Gemeindeleben."

Und wie will der junge Mann ein so weiträumiges, lebendiges Gebilde, wie die Großpfarrei mit 11 Kirchorten leiten? "Das Leitungsbild früherer Pfarrgemeinden funktioniert nicht mehr - ein autoritäres und klerikales Pfarrerbild erst recht nicht", formuliert Blechschmidt sein Selbstverständnis.

Viele Menschen stehen stellvertretend für Kirche

Kirche müsse lernen, Gemeindeleitung anders zu denken. Das gehe nur miteinander. Ein Pfarrer könne nicht alles leisten, wissen, und überall präsent sein. Viele Menschen stünden heute für die Kirche. "Wir sind kooperativ unterwegs, mit einem Team von Haupt- und Ehrenamtlichen", beschreibt er die Struktur. Und wie steht's mit der Ökumene? Ist eine gemeinsame Abendmahlfeier im Usinger Land mit dem neuen Pfarrer überhaupt denkbar? "Der Frage nach gegenseitiger Teilnahme an Eucharistie- und Abendmahlfeiern stehe ich offen gegenüber. Einladende Gottesdienste kann ich mir gut vorstellen", sagt Blechschmidt. "Ich werde keine evangelischen Christen abweisen, die bei der Eucharistiefeier teilnehmen möchten. Ebenso setze ich es in die Eigenverantwortung von katholischen Christen, an einer Abendmahlsfeier in der evangelischen Kirche teilzunehmen."

Harte Sparmaßnahmen

Bereits zwei Wochen nach der Einführung als Gemeindeleiter musste der 35-Jährige gegenüber den im Pfarrgemeinderat und Verwaltungsrat engagierten Ehrenamtlichen ein nach seinen Worten "erschreckende Ergebnis" der nunmehr abgeschlossenen Jahresrechnung für 2021 mitteilen.

"Wir werden mit Glück in diesem Jahr noch eine schwarze Null im Haushalt haben", berichtet Blechschmidt von der zusammen mit dem für die Finanzen zuständigen Verwaltungsleiter der Pfarrei Michael Herden vorgenommenen Abschlussrechnung. "Ab 2022 werden wir deutlich in die roten Zahlen rutschen, weil wir mit den rund 40 Kirchengebäuden in unserer Pfarrei über unseren Verhältnissen leben." Entscheidend: In den vergangenen fünf Jahren wurden für einen ausgeglichenen Haushalt mit 100 000 Euro rund ein Drittel der Rücklagen aufgebraucht. Es bestehe akuter Handlungsbedarf, so das ernüchternde Fazit des neuen Gemeindeleiters und des hauptamtlichen Verwaltungsleiters.

"Es wird nochmals enger", fasst Blechschmidt die Konsequenzen im Gespräch mit dieser Zeitung zusammen. "Die Unterhaltungskosten für die derzeit 40 Immobilien in der Gesamtpfarrei fressen die verbleibenden Rücklagen von 200 000 Euro schnell auf. Es besteht akuter Handlungsbedarf." Er wolle gewiss nicht der "Insolvenzverwalter Gottes" sein. Aber vor dem Hintergrund der Finanzlage müsse sich die Pfarrei von Gebäuden trennen. Man habe keine andere Möglichkeit, als jetzt zu handeln. Neben den wegschmelzenden Rücklagen gehe die Zahl der Katholiken gravierend zurück, gleichzeitig seien die Kosten für Instandhaltung immens. "Was zugemacht wird, kann ich derzeit nicht sagen, weil ich es selbst noch nicht weiß."

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