Kriegsende im Taunus

In ungeahnter Härte

Am 8. Mai ist es 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg endete. Auch wenn die Kampfhandlungen da längst vorbei waren: Am 31. März 1945 spitzten sich die Ereignisse im Neu-Anspacher Stadtteil Arnsbach zu.

Von Professor Eugen Ernst

Viele wollen sich nicht an diese schreckliche Zeit erinnern, und doch gehört sie als Unkultur zu unserer Kultur oder besser zu unserer Zivilisation. Zu unserem Menschsein gehört allemal auch, dass wir das Böse um uns und in uns erkennen und die Bilder einer unseligen Vergangenheit in unserem Inneren zulassen, dass wir uns erinnern. Nahezu 100 Millionen Menschen weltweit verloren im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Angehörigen, ihre Heimat, ihre Zukunft. Wir sehen junge Leute teilweise begeistert „zu den Waffen eilen“, verführt von einem „Führer“, der die schlimmsten aller Verbrechen in die deutsche Geschichte eingebrannt hat, Narben, die nie wieder zu beseitigen sind.

Wir wollen uns heute lediglich auf die Vorgänge in dem Ortsteil Arnsbach beschränken. In dem kleinsten unserer Ortsteile wütete die Front an jenem Karsamstag in ungeahnter Härte. Es war ein Geschehen, das die meisten Soldaten, wenn sie nicht gerade selber an der Front in vorderster Linie waren, kaum erlebt haben. Es sind Augenzeugen, deren Erlebnisse am Nachmittag des 31. März 1945 festgehalten werden müssen.

Im Falle von Arnsbach geht es vor allem um eine Fahnenjunkergruppe, die offenbar noch den Krieg gewinnen wollte und sich in dem Hohlwegsystem von Arnsbach verschanzte. Mit von der Partie waren eine Reihe versprengter Wehrmachtsoldaten, auch Offiziere. Erschütternd, wie sie eine Reihe von fast 50-jährigen sogenannten Volkssturmmännern, die man unterwegs aufgelesen und zur Verteidigung mit herangezogen hatte, zum Widerstand verpflichtete.

Ernst Bach bestätigt diese Vorgänge in seinen Schilderungen: „Meine Mutter kochte für zwei Mitvierziger vom Volkssturm eine Milchsuppe mit eingerührtem Mehl. Das, was man damals eben noch hatte. Ein 18-jähriger Fahnenjunker suchte laut brüllend im Hof nach den beiden Abtrünnigen. Als sie sich in der Haustür zeigten, drohte er ihnen, wenn sie nicht kämpfen wollten, würden sie wegen Wehrkraftzersetzung erschossen. Es war erbärmlich mit anzusehen, wie ein 18-Jähriger die hungrigen, gestandenen Männer zusammengeschissen hatte.“ Erwin Müller erinnert sich daran, wie die unerfahrenen, in Uniformen gesteckten Jugendlichen aus der Fahnenjunkerschule in Weilburg schon am Karfreitag, dem 30. März 1945 „Quartier genommen“ hatten. Sie waren offenbar sehr stolz auf einen von den Amerikanern bei Schmitten erbeuteten Panzerspähwagen.

Der 31. März 1945 war ein heller warmer Frühlingstag, der Vormittag geprägt durch eine ganz eigenartige Ruhe. Alle Menschen spürten, dass ein Verderben in der Luft lag, von dem niemand wissen konnte, wo es sich als gewaltiges Gewitter entladen würde. Erwin Müller hatte mit seinem Bruder Ewald und zwei weiteren Freunden am Ortsausgang von Arnsbach noch an dem Vormittag „ein bisschen Krieg gespielt“. Sie hatten ja ein paar Tage zuvor auf dem zerbombten und verlassenen Merzhäuser Flugplatz ein paar Militärutensilien, mit denen sie herumfuchtelten. Von Kriegs- und Heldentaten hatten sie wie alle Buben viel gehört und bei Geländespielen im Jungvolk ein wenig geprobt.

Über Mittag beobachteten sie, wie sich die jungen Soldaten an dem Hang des großen Hohlwegs fast lautlos in Schützenlöchern verschanzten. In der Mittagszeit saßen sie noch heil bei ihrer spärlichen Mahlzeit. Dann bezogen sie ihre Verteidigungslinie, wobei sie auch einen Splittergraben auf dem Hang benutzten, der ein paar Jahre vorher zum Zwecke des Luftschutzes für die Arnsbacher Bevölkerung angelegt worden war.

Der frühe Nachmittag des Karsamstags begann mit Granatfeuer auf diese Deckung, welche die Amerikaner durch einen Artillerieaufklärer längst ausgemacht hatten. Auch die Artillerie, die am Langhals Stellung bezogen hatte, beschoss Hausen-Arnsbach und den Waldrand vom Geiersberg bis zum Grünwiesenweiher, wobei sie auch Schrappnellgeschosse einsetzten. Derweil hatten sich in Arnsbach die meisten Menschen in ihren Kellern versteckt. Als der Vater von Erwin, Emil Müller, der spätere Bürgermeister von Hausen-Arnsbach, einen der Offiziere zur Rede stellte und ihm klar machte, dass die Aussichtslosigkeit einer Verteidigung hier offensichtlich sei, griff dieser nach seiner Pistole und drohte den Wehrlosen zu erschießen. Zwischenzeitlich erwiderten die Fahnenjunker das Feuer, so dass die Amerikaner jetzt wussten, wo sie ihre Hauptziele zu suchen hatten.

Beim Angriff näherten sich die Amerikaner diesem Widerstandsnest von Rod am Berg herunter sehr vorsichtig. Insgesamt brannten drei Scheunen. Doch Artilleriebeschuss hatte die Kampflinie der Fahnenjunker noch längst nicht zum Schweigen gebracht. Als die amerikanischen Soldaten durch den unteren Hohlweg eindrangen, kam es zu einem brutalen Nahkampf. Am Anfang des Beschusses hatte Emil Müller die Gefahr noch nicht übersehen können.

Eine Granate traf den Weidezaun seiner kleinen Schafherde hinter dem Haus. Als der Beschuss zunahm, flüchtete er sich zu seiner Familie in den Keller. Erst nach etwa zwei Stunden, als sie die amerikanischen Soldaten auf der Straße an ihrer Ausrüstung erkannten, verließen sie verzweifelt den Keller. Als Frau Müller vor die Haustür trat, riefen die Amerikaner „Hands up!“. Sie verstand nicht, rang aber verzweifelt ihre Arme aus Angst um ihren Mann. Im selben Augenblick erfasste der vorher so „tapfere“ Offizier, der ihrem Mann die Pistole vorgehalten hatte, die Buben Ewald und Erwin Müller fest an den Händen und zerrte sie auf die Gasse. In deren Schutz ging er ungeschoren in Gefangenschaft.

Helmi Föller, damals 23-jährig, berichtet, dass in ihrem Elternhaus, das wohl massivste Wohngebäude in dem Hohlwegbereich, ihre Familie und Nachbarn im Keller Schutz suchten. In der Wohnstube hatte der deutsche Befehlsgewaltige, ein Ritterkreuzträger, einen kleinen Stab von Soldaten versammelt. Ihr Vater, Fritz Föller, war gerade von einer gefährlichen Fahrt mit dem Pferdewagen von Usingen zurückgekommen, wo er schon am Vormittag einen Soldaten in das Krankenhaus gebracht hatte.

Er konnte sich nur auf ihm bekannten Feldwegen nach Hause bewegen, da die Hauptstraßen bereits beschossen wurden. Kaum hatte er seine Pferde im Stall, da stürmte der befehlshabende Offizier in den Keller und forderte alle dort vorhandenen Soldaten und Fahnenjunker sowie die Volkssturmmänner zum Nahkampf in den Hof. Wer sich geweigert hätte, den hätte er sofort erschossen.

Die deutschen Soldaten hatten kaum den Hof erreicht, als bereits hinter dem Wirtschaftsgebäude die Amerikaner mit ihren Maschinenpistolen hervorkamen und die fast hilflos agierenden deutschen Soldaten niederschossen. Viele Verwundete und Tote, auch Amerikaner, lagen nach dem Kampf im Hof und an beiden Seiten des Hohlweges. Der Ritterkreuzträger war in das Haus geflüchtet und auf der Straßenseite im letzten Moment mit zwei weiteren Soldaten aus dem Fenster geflüchtet – aber er kam nicht weit. Am beginnenden Wiesengrund wurden sie von amerikanischen Kugeln getötet.

Während dieser sinnlosen Nahkämpfe konnte vielen Verwundeten nicht mehr geholfen werden, Sanitäter und Ärzte gab es nicht. Nach dem Abflauen der Kämpfe hatte man einen der jungen Fahnenjunker ins Haus getragen, der sich stöhnend vor dem Stall wälzte. Bis zur hereinbrechender Dunkelheit lag der junge Offiziersanwärter Ernst Meier mit einem Bauchschuss auf dem Sofa im Wohnzimmer der Familie Föller. Noch während der letzten Kampfhandlungen hatte eine evakuierte Frau aus Frankfurt versucht, zu helfen. Aber es gab kein Verbandszeug und keine Fachkraft, die hätte eingreifen können. Eine Operation wäre ohne weiteres gelungen und hätte das Leben des jungen Mannes gerettet. Ernst Meier, im Zivilleben Student der Philologie, sagte es immer wieder stöhnend: „Ich will noch nicht sterben.“ Auf dem blutgetränkten Sofa brachte er am Ende seines jungen Lebens nur noch die Worte hervor: „Meine Gretel soll nicht weinen, ich hab sie sehr geliebt.“ Dann verstummte er.

Noch in der Nacht transportierten die Amerikaner ihre Toten auf einen Soldatenfriedhof auf linksrheinischer Seite bei Bingen. Am anderen Morgen, an dem in den befreiten Dörfern und Städten bereits die Osterglocken läuteten, erschienen Sondereinheiten in der Hauptkampflinie des Vortages. Sie häuften die zahlreichen deutschen Toten auf große Pritschenwagen, um sie ebenfalls zu einem Soldatenfriedhof zu bringen. In dem kleinen Frontabschnitt bei Arnsbach sollen insgesamt 116 amerikanische und deutsche Soldaten gefallen sein.

Die Eltern von Ernst Meier, ein Lehrerehepaar aus Flensburg, ließ den einst hoffnungsvollen Sohn nach einigen Monaten exhumieren und auf dem heimischen Friedhof an der Förde begraben. Sie besuchten später, immer noch in tiefer Traurigkeit, den Ort des sinnlosen Sterbens im Hof der Familie Föller.

Wenn Erwin Müller von dem Geschehen dieses Tages erzählt, von der fürchterlichen Angst, den Schrecken der Bedrohung des Vaters und den brennenden Gehöften, dann vergisst er auch dies nicht, ein kleines Lichtlein in dem Grauen dieser Vorgänge: Am Ostermorgen blieb ein amerikanischer Offizier eine Weile vor dem Haus Müller stehen, schaute hoch zum Fenster, an dem der für die Osterfeiertage geschlachtete Hase hing. Was seinen Vater sprachlos machte, war die Frage des Amerikaners, ob er diesen Braten für sich bekommen könnte. Was auch immer den Offizier dazu bewegte, wissen wir nicht. Emil Müller, heilfroh, dass seine Familie aus diesem fürchterlichen Schusswechsel lebend heraus gekommen war – und auch weil ihm gar nichts anderes übrig blieb – sagte sofort zu. Womit Emil Müller jedoch nicht rechnete: Kurz darauf erschien der Offizier wieder und brachte Zigaretten, Corned Beef in Dosen und für die Kinder Kaugummi und Schokolade.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare