Leiterhaus

Ein Unikat gerät ins Wanken

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Cratzenbach gilt nicht unbedingt als der Ort mit den meisten Sehenswürdigkeiten im Hochtaunuskreis. Dennoch verfügt der Ort über ein einzigartiges Gebäude, von dem sich in ganz Hessen kein weiteres mehr findet. Allerdings ist das Haus in einem eher schlechten Zustand.

Auf den ersten Blick ist es ein unscheinbares Häuschen. Mehr lang als breit, gleicht das Leiterhaus einem überdimensionierten Schuppen. Allerdings einem, der eine intensive Abmagerungskur hinter sich hat und auf Grund fehlender Muskulatur mittig im Rumpf etwas durchhängt. Die Umgebung des Leiterhauses in Cratzenbach ist grün und ruhig.

Nur wenige Menschen verirren sich hierher, sofern sie nicht zu den wenigen Anwohnern oder gar Spaziergängern gehören. Die Dachschindeln des Schuppens sind von Moos und Flechten bedeckt, die breiten Bretter stehen weitgehend einträchtig nebeneinander und schließen sich an einen über zehn Meter langen horizontal verlaufenden Balken an, auf dem das Satteldach aufliegt. Die übrigen Balken entlang der Straße sind im Vergleich dazu dünn wie Zahnstocher, teilweise abgebrochen. Ob sie auch noch den nächsten Winter überstehen werden?

Die teilweise fehlenden Balken geben den Blick auf ein chaotisches Inneres frei. Steine und Hölzer türmen sich wahllos übereinander, abgebrochen, verrottend. Dazwischen alte Plastiktöpfe und ein Autoreifen, dessen Profil geradezu hilfesuchend aus dem Steinhaufen lugt.

Wer hier unwissend entlang kommt, dem dürfte der Schuppen lediglich auf Grund seiner enormen Länge ins Auge fallen. Vielleicht auch noch wegen der Hausnummer 1, die recht unscheinbar an der zugestellten Eingangstür prangt. Ein Schuppen mit eigener Adresse? In der Tat. Denn dieser „Schuppen“ ist das letzte noch original bestehende Bauwerk seiner Art in ganz Hessen, das vom Beginn eines ersten geordneten, gemeindlichen Feuerwehrwesens durch den Bau von sogenannten Leiterhäusern zeugt.

Doch was ist ein Leiterhaus überhaupt? Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) gehörten diese speziellen Bauten zur gängigen Infrastruktur der Dörfer – so weit sich diese in den Territorien Nassau, Solms-Braunfels, Hessen-Kassel, Teile von Kurmainz und Hessen-Darmstadt befanden. Südlich des Mains schienen diese Bauten unbekannt zu sein.

In den Gebäuden lagerten die wichtigen Leitern, Haken, Gabeln und in abschließbaren Räumen manchmal auch Eimer, Pechkränze, Äxte, Fahnen und Fackeln für die Feuerwehr. Kurzum, das Leiterhaus war der Vorläufer eines modernen Feuerwehrgerätehauses.

Das Leiterhaus in Cratzenbach ist aber nicht nur das letzte seiner Art, auch seine Entstehungsgeschichte ist durchaus mysteriös. Nachgefragt beim Landesamt für Denkmalpflege gibt es zwar die Auskunft, dass das Haus in der Denkmaltopographie verzeichnet und das letzte Original seiner Art am Ursprungsstandort ist (ein weiteres Leiterhaus hat im Hessenpark ein neues Zuhause gefunden). Doch damit erschöpfen sich die Auskünfte auch schon.

Wann das Haus gebaut wurde, wem es gehörte oder welches Inventar dort genau lagerte, all diese Informationen sind offenbar verloren. Nachgefragt beim Eigentümer Willi Hofmann, kann dieser ebenfalls keine Informationen liefern. „Das Haus habe ich von meinen Eltern schon übernommen“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Weitere Informationen über das Baujahr oder dessen Geschichte habe er nicht. Lokalhistoriker Erwin Buhlmann fand zwar einen Hinweis auf das Leiterhaus aus dem Jahr 1848. Ob es sich dabei aber auch um das Erbauungsdatum handelt, ist ungewiss.

Weilrod verfügt folglich über ein besonderes Kulturdenkmal, das verloren zu gehen droht. Und auch wenn das Landesamt das Leiterhaus zum Denkmal erklärte, am Verfall aktiv etwas ändern könne die Behörde nichts. „Ein Auge darauf zu haben ist Aufgabe der unteren Denkmalbehörde“, sagte Dr. Dieter Griesbach-Maisant im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist zuständig für die Inventarisierung beim Landesamt und fand einige wenige allgemeine Hinweise, was die Besonderheit der inzwischen verschwundenen Leiterhäuser in Hessen betrifft. Auch Gregor Maier, Kulturamtsleiter beim Hochtaunuskreis, weiß um die Bedeutung des Leiterhauses in Cratzenbach. Doch der Erhalt sei Sache des Eigentümers und der Denkmalpflege.

Die Leiterhäuser waren oftmals vereinfachte Überdachungen direkt an eine Hauswand gebaut. Eigenständige Schuppen wie in Cratzenbach gehörten bereits zu den besseren Gebäuden.

Die untere Denkmalbehörde des Kreises hat nach Auskunft der Pressestelle das Haus ebenfalls im Fokus und will sich nun mit dem Landesamt beraten. Das Ziel solle es sein, das Haus auf Dauer vor dem endgültigen Zerfall zu retten.

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