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Pierre Diehl (Mitte) hat das Geschäft von Harry Dertinger übernommen und setzt auch auf die Hilfe von Mutter Beate.

Misere

Usingen: Der Innenstadt fehlt die Abwechslung

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Usingen und der Handel überzeugen. Zumindest auf den ersten Blick. Wer aber in der Innenstadt einen tieferen Blick wagt, erkennt schnell, dass es an vielen Stellen hakt: Viel Leerstand – und Vielfalt sieht anders aus.

Man sagt, der erste Eindruck zählt. Wenn es danach geht, dann kann Usingen immer noch punkten. Zumindest bei denen, die über die B 275 aus dem Wehrheimer Wald kommen. Wer die Obergasse entlang fährt, dem präsentieren sich eine Vielzahl malerischer Fachwerkhäuser, die sich aneinander reihen. Und das Geschäft mit Möbeln und Accessoires am Ortseingang lässt auf ähnlich schmucke Läden in der Innenstadt hoffen.

Bis zum Schlossplatz kann die Stadt immer noch einigermaßen mit ihrer Optik punkten, und auch ein Blick in die Wilhelmjstraße verheißt eine lebendige Stadt. Doch es ist derzeit mehr Schein als Sein, was spätestens ab der ehemaligen Schlosspassage klar wird. Die steht seit Jahren leer – nichts tut sich. Und auch im weiteren Verlauf der Obergasse ist es nicht etwa der schmucke Laden „Meyer Optik und Akustik“, der die Blicke allein fesselt, sondern der Buchstabensalat über dem ehemaligen Geschäft von Uhren Söhnge und auch der Leerstand nebst verdreckten Scheiben, die den Blick auf eine Innenbaustelle freigeben. Usingens Altstadt offeriert derzeit kein Werbebild. Rund 20 Leerstände sind auf einem Rundgang durch die Altstadt zu zählen, die meisten davon in prominenter Lage. Doch die wenigsten Hausbesitzer haben sich die Mühe gemacht, den Leerstand zumindest einigermaßen zu kaschieren. Im Gegenteil. Abgerissene Flyer, öde Flächen oder Scheiben, die lieblos mit Packpapier verkleidet sind, zeichnen ein düsteres Bild.

„Es ist eine Durststrecke, die wir derzeit haben“, sagt Petra Reuter, Wirtschaftsförderin der Stadt Usingen auf Nachfrage dieser Zeitung. Gewerbevereinschef Ralf Müller kann sich an eine ähnliche Situation vor etwa acht Jahren erinnern.

Dass die Baustelle in der Innenstadt, aktuell ist sie in der Kreuzgasse, das große Problem ist, sieht Müller nicht so. Vielmehr sind es die Versäumnisse der Stadt aus der Vergangenheit, rechtzeitig ein attraktives Umfeld für die Gewerbetreibenden zu schaffen. Nun sei es müßig, immer wieder zu versuchen, das tote Pferd zu reiten – und wie tot es ist, beweist die Nachfrage bei Reuter bezüglich der Anfragen für den Innenstadt-Standort. „Der ist gleich null“, gibt sie zu.

Einstige Zugpferde des Handels – Spielwarengeschäft, Eissalon, Modehäuser und Schuhläden – fielen ersatzlos weg, Usingen punktet mit 14 Friseuren, Immobilienbüros und Schnellrestaurants. Auch sie gehören in ein gesundes Stadtbild, sollten es aber wohl kaum bestimmen.

Bisher nur Ankündigung

Bei null steht auch die lange vor der Baustelle angekündigte gemeinsame Werbeaktion von Stadt und Gewerbeverein, die für die verbliebenen Händler in der Innenstadt trommeln sollte. „Der Vorstand des Gewerbevereins hat ein Konzept vorgelegt, dass mit den Innenstadthändlern noch abgestimmt werden muss. Da warten wir derzeit auf Rückmeldung“, sagt Müller. Aber offenbar hat’s keiner so richtig eilig, den Menschen in und um Usingen zu zeigen oder aber mitzuteilen, dass es in der Altstadt durchaus noch Gewerbe gibt. Und das wird auf Dauer nicht nur von den Stammkunden leben können.

Dass der Wochenmarkt auf den Neuen Marktplatz verlegt wurde, werden die Besucher vielleicht in dieser Woche über sogenannte Störer an den Ortseingangstafeln erfahren. Er ist aber schon die dritte Woche verlegt. Das Konzept des Gewerbevereins sieht ebenfalls Schilder an den Ortseingängen vor und neue Aktionen wie eine Baustellen-Modenschau, eine lange Genusstafel, eine Party oder eine Rallye durch die Stadt zu den Geschäften. Auch einen neuen Einkaufsführer könnte es geben. Geschehen ist noch nichts.

Dennoch: Es darf nicht nur schwarz gesehen werden. Im Gegenteil. Denn mit gutem Willen lässt sich, die letzten fünf Jahre einmal dazu gerechnet, auch so etwas wie ein Generationenwechsel feststellen. Bei der Familie Jenisch (Meyer Optik und Akustik) ist die nachfolgende Generation bereites fest im Geschäft etabliert, auch Schuhhändlerin Snezjana Maros gehört zu den „Jungen“ der Stadt. Der Jüngste im Bunde der Erneuerung ist Pierre Diehl (Lesen Sie auch nebenstehenden Text) – und er glaubt derzeit noch an die Zukunft des Standortes. Gleichwohl könnte auf Dauer eine Verschiebung des Zentrums stattfinden, denn der Neue Marktplatz ist derzeit Dreh- und Angelpunkt, ebenso der Riedborn. Der Vorteil: Beides liegt nah beieinander.

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