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Mit dem Beginn der Straßensanierung 2019 direkt in der Innenstadt – auch wie hier in der Kreuzgasse – wird es für viele Einzelhändler sehr schwer, denn schon jetzt sind die Umsätze um 35 Prozent eingebrochen.

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Usinger Gewerbeverein analysiert Fehler in Politik und Verwaltung

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Schaut man sich zum Jahresende die Entwicklung der Usinger Innenstadt an, wird’s bitter. Einzelhändler um Einzelhändler hat die Türen endgültig geschlossen, allein in den letzten fünf Jahren sind 38 Unternehmen für immer verschwunden. Der Chef des Gewerbevereins, Ralf Müller, begab sich mit der TZ auf Ursachensuche – und hat Vorschläge, die Innenstadt lebendig zu halten.

Usingen, so das Credo am Ende eines langen Gespräche mit dem Vorsitzenden des Gewerbevereins, Ralf Müller, ist nach wie vor ein lebendiger Einkaufsstandort. „Man bekommt fast alles“, sagte Müller.

Das Problem ist dem seit über zehn Jahren als Vorsitzenden agierenden Müller bekannt. „Wir haben in der Kernstadt Sortimente verloren, die weh getan haben – Kleidung, Elektronik und vieles mehr.“ Und alle an der Situation beteiligten müssten sich fragen: Haben wir genug getan?

„Ein klares nein. Und ich muss zugestehen, dass auch der Gewerbeverein nicht das letzte Notwendige unternommen hat, dem gegenzusteuern. Nur: Weder aus der Politik noch der Verwaltung kommen leise Hinweise, dass man an eine Veränderung der extrem schlechten Situation arbeitet.“ Und so forderte Müller gestern, dass 2019 ein Jahr des Gesprächs wird. „Die vier Großen, also Politik, Stadt, der Gewerbeverein und Vertreter des Handels müssen endlich an einen Tisch, zusammen mit Bürgern, um ein Konzept für die Zukunft der Innenstadt zu entwickeln, was den Handel betrifft.“

ISEK, also das Stadtentwicklungskonzept, sei ein sehr guter Anfang mit besten Ideen. „Aber wenn ich dort höre, dass man kein Augenmerk auf den Erhalt des Handels legen muss, dann ist was falsch, dann ist dies ein fatales Signal. Ein gesunder Mix aus Einzelhandel, Service und Gastronomie ist der einzige Garant, dass eine Stadt lebenswert bleibt.“ Müller verwies auf eine Allensbach-Studie, in der 80 Prozent der Befragten angegeben hätten, dass sie den Handel an Ort und Stelle für äußerst wichtig einstuften. „Dann identifizieren sie sich auch mit dem Ort."

Keine Lippenbekenntnisse

Gerade deshalb müsse dringen ein Gewerbekonzept bei, das die Zukunft klar beschreibe – und das nicht mit Lippenbekenntnissen ende. „Wenn wir drei Millionen Euro Zuschuss für eine zu teure Sporthalle aus der Stadtkasse nehmen, könnte diese auch günstiger gebaut werden, dafür aber eine Art Investitionstopf für Neu-Firmengründer entstehen. Zahlen wir doch einen Teil der Miete für den Anfang, dann kann die Innenstadt auch lebendig werden.“ So könne man den Leerstand auch in den kleinen Geschäften bekämpfen. „Wir haben in der Innenstadt keine großen Flächen. Also müssen wir alle mit dem arbeiten, was vorhanden ist.“

Und was Müller gar nicht mehr hören kann, ist die Argumentation, dass die Bundesstraßen an der Misere schuld seien. „Viele Kommunen haben einen lebendigen Handel an Bundesstraßen, aber dort steht die Politik hinter ihnen, mit Initiativen, Unterstützung und Geld.“ Seit vielen Jahren werde in der Innenstadt keine Verbesserung vorgenommen, immer mit Hinweis auf die Umgehung: „Aber wir müssen jetzt tätig werden. Nehmen wir die Scheunengasse, bauen sie um, sorgen für lebendiges Leben, sperren sie abends ab mit Ausnahme der Anwohner und sorgen für eine Art pulsierendes Leben. Jetzt. Nicht irgendwann.“ Die Gasse sei in einem desolaten Zustand. „Die Architekten Sticherling haben gute Ideen vorgelegt. Also jetzt ran und umsetzen. Das ist Aufgabe der Politik und der Verwaltung, wenn ihnen was am Gewerbe und einem guten Mix liegt.“

Nur: Ein gewerblicher Neustart in 2019 in der Innenstadt käme einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich. Denn „die Bauarbeiten an der Bundesstraße bisher waren ja noch eine Art Kindergeburtstag für den Handel, obwohl schon jetzt die Umsätze der Unternehmen um 35 Prozent eingebrochen sind. Aber wenn es 2019 bis an die Obergasse geht, dann wird es richtig hart, dann stehen Existenzen auf dem Spiel.“

Und Müller ist ganz froh, dass Bürgermeister Steffen Wernard (CDU) ihm signalisiert hat, bei neuen Aktionen mit im Boot zu sein. „Wir, und unter wir verstehe ich jeden einzelnen Händler, müssen selbst aktiv werden, Aktionen vorbereiten, Sonderveranstaltungen, um Menschen in die Stadt zu locken – trotz der Großbaustelle.“ Und dies zusätzlich zu den sowieso stattfindenden Festen. „Ja, das wird hart. Aber besondere Umstände fordern besondere Maßnahmen.“

Struktur ändern

Dass für den Chef des Vereins in der Struktur etwas nicht stimmt – und die werde von der Politik vorgegeben – macht er an Zahlen fest. Wehrheim, sei, als er ins Usinger Land gekommen sei, ein „Kuhkaff“ gewesen. „Und heute? Usingen rechnet mit 5,5 Millionen Gewerbesteuer, Wehrheim mit elf. Und wir haben fast 15 000 Einwohner, Wehrheim 9500. Das liegt nicht an Bundesstraßen oder dem fehlenden Engagement der Unternehmer. Das liegt vor allem an einem fehlenden Konzept und der Unterstützung der Politik.“

Aber Müller sagt auch: „Wir, Handel und Politik, sitzen doch nicht an verschiedenen Tischen. Wir haben ein Ziel und sollten gemeinsam arbeiten. Partner, nicht Feinde.“ Und deshalb müsse man 2019 an einen Tisch.

Müller nimmt aber auch die Einzelhändler in die Pflicht. „Das fängt beim Straßenkehren an, geht über gute Schaufenster und Sonderaktionen bis hin zu bestem Service. Wir können nicht immer nur nach der öffentlichen Hand rufen, wir müssen auch selbst die Situation ändern.“ Selbst aktiv werden, aber Hilfe von Politik und Verwaltung, das ist die klare Forderung Müllers.

 

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