Messerstecher aus dem Usinger Land erwartet heute das Urteil

Verteidigung stellt viele Beweise der Anklage in Frage

  • vonAlexander Schneider
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Haftstrafen für die beiden Hauptangeklagten gefordert

Tag 24 im Prozess vor der achten Jugendstrafkammer des Landgerichts gegen drei junge Männer aus Neu-Anspach, Friedrichsdorf und Wehrheim: Gegenstand der Anklage in dem Verfahren, das auf acht Tage angesetzt war und vermutlich heute mit der Urteilsverkündung endet, geht es um versuchte Tötung, gemeinschaftliche Körperverletzung sowie Bedrohung. Am Dienstag nahm die Kammer zunächst die Schlussvorträge der Staatsanwaltschaft, der Nebenklage sowie des Verteidigers des Hauptangeklagten entgegen.

Danach soll der Neu-Anspacher für sechseinhalb und der Friedrichsdorfer für viereinhalb Jahre ins Gefängnis, beide wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung mit einer das Leben gefährdenden Behandlung durch vier Messerstiche in den Rücken des Opfers, wuchtige Tritte gegen den Kopf sowie Bedrohung mittels einer Schreckschusswaffe. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft müssen sich die beiden die Tatbeiträge des jeweils anderen zurechnen lassen, beide hätten insofern gemeinschaftlich gehandelt und den Tod des Opfers billigend in Kauf genommen.

Totschlag ist vom Tisch

Vom Vorwurf des versuchten Totschlags war die Anklagevertreterin abgerückt, beiden sei ein strafmildernder Rücktritt von der Tat zugute zu halten. Sie hätten Gelegenheit gehabt, ihr Werk zu vollenden, hätten es aber nicht getan.

Für die Staatsanwältin waren das Opfer und dessen Ehefrau absolut glaubwürdig, während den Angeklagten überhaupt nicht zu glauben sei. Sie hoffe, dass das Gericht das ebenso sehe und sich nicht von der "Zermürbungstaktik" und den "Nebelkerzen" der Verteidiger beeindrucken lasse. Es sei klar, dass der Neu-Anspacher mit dem Messer zugestochen und mit der Schreckschusswaffe geschossen habe.

Der Friedrichsdorfer habe die Tritte gegen den Kopf des Opfers zu verantworten, während der Wehrheimer nur der gefährlichen Körperverletzung schuldig sei. Bei ihm, der zum Tatzeitpunkt noch jugendlich war, soll es mit einem dreiwöchigen Dauerarrest getan sein.

Der Verteidiger des Neu-Anspachers forderte Freispruch für seinen Mandanten. So belastbar wie von der Staatsanwältin beschrieben, seien die Aussagen des Opfers und seiner Ehefrau nicht, als dass man den jungen Mann dafür verurteilen könne. Das Ehepaar habe sein Aussageverhalten mehrfach geändert und unterschiedliche Angaben zum gleichen Sachverhalt gemacht.

Dem sei das Gericht aber nicht nachgegangen, wie auch andere Beweise, die den Angeklagten entlasten könnten, nicht erhoben worden seien. Der Verteidiger wies auf Fehler in der Polizeiarbeit hin, die trotz ihrer Offensichtlichkeit Eingang in die Hauptverhandlung sowie das Plädoyer der Staatsanwältin gefunden hätten. So sei unbeachtet geblieben, dass das Opfer noch im Krankenhaus gegenüber Polizisten die Vermutung geäußert habe, seine Frau könne hinter der Sache stecken.

Falsche Erinnerung?

Noch in der Nacht sei deren Bruder am Tatort erschienen, um die Kleidung seines Schwagers einzukassieren, habe aber einen Platzverweis bekommen. Auch davon habe das Gericht erst durch eine beiläufige Aussage eines Polizisten Kenntnis erhalten. Der Verteidiger unterstellte weder der Polizei noch der Staatsanwältin, vorsätzlich falsch ermittelt und falsche Schlüsse gezogen zu haben. Die Erinnerung spiele Menschen, die sich zum gleichen Vorgang äußern sollten, oft unbewusst einen Streich, wirklich zutreffend sei Erinnerung Studien von Kognitionswissenschaftlern zufolge nur binnen der ersten 30 Sekunden.

Seiner festen Überzeugung nach könne sein Mandant nicht der Messerstecher sein. Bei der Schwere der Stichverletzungen hätte sich Blut an der Kleidung finden müssen. Das sei aber nicht festgestellt worden. Auch hätten das Opfer und seine Ehefrau auf Bildvorlagen andere Männer als Täter für wahrscheinlicher gehalten. Auch darauf sei weder in der Hauptverhandlung noch im Plädoyer der Staatsanwältin eingegangen worden, so der Anwalt.

Heute nun sollen ab 13.40 Uhr die Anwälte der beiden anderen Angeklagten plädieren, dann wird sich die Kammer zur Beratung zurückziehen und wohl am frühen Abend das Urteil sprechen, es sei denn, eine andere Kammer erklärt die 8. Jugendstrafkammer in dieser Sache für befangen, diesen Antrag hat der Verteidiger des Neu-Anspachers gestellt. Alexander Schneider

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