Vor dem Pfarrhaus in Rod am Berg steht diese imposante Winterlinde.
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Vor dem Pfarrhaus in Rod am Berg steht diese imposante Winterlinde.

Die Linde als Baum des Jahres ist ein kleines Wunderwerk

Viele Dörfer haben ihren Treff unter diesem Baum

  • VonEvelyn Kreutz
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Lieder, Gedichte und Bräuche beweisen den Stellenwert

Wie vor dem evangelischen Pfarrhaus in Rod am Berg kann man derzeit überall den betörenden Duft der Lindenblüten wahrnehmen. Der lockt auch Bienen, Hummeln und andere Insekten an. In vielen Orten im Usinger Land sind besonders imposante Lindenbäume als Naturdenkmale ausgewiesen.

Forstwirtschaftlich spielen Linden zwar eine untergeordnete Rolle. Aber für Slawen, Kelten und Germanen war die Linde ein heiliger Baum mit großer Symbolkraft. Die lindernde Wirkung der Lindenblüten wird in der Naturheilkunde bis heute genutzt.

Bis zu 1000 Jahre alt

Botanisch unterscheidet man die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und die bei uns häufigere Winterlinde (Tilia cordata), die kleinere Blätter und deutlich mehr Blütenstände hat und etwa 14 Tage später blüht. Einzeln stehende Exemplare können ein Alter von bis zu 1000 Jahren erreichen und bis zu 40 Meter hoch werden. Zu den älteren Exemplaren zählt auch etwa die Hälfte von derzeit 43 Naturdenkmalen in den Kommunen des Usinger Landes. Am Ortseingang von Obernhain kennzeichnen sie den alten Dorfplatz, in Oberlauken stehen sie außerhalb am Friedhof an der Dorfkirche.

Schon zu Urzeiten galt der Lindenbaum als Zentrum des kulturellen Geschehens. Als sogenannter Thingbaum schützte er vor Unrecht und diente als Gerichts- und Richtbaum. Unter der Linde wurden Feste gefeiert, und man versammelte sich unter ihr. Wer kennt nicht das Volkslied "Kein schöner Land", in dem es heißt: ". . . wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit"? Es schildert das Idealbild freundschaftlicher Zusammenkünfte, steht für die Hoffnung und den Schutz Gottes. Dass beim Bombenangriff auf Merzhausen an Weihnachten 1944 keine Menschenleben zu beklagen waren, war Anlass dafür, dass 50 Jahre später wurde vor der Kirche eine Friedenslinde gepflanzt wurde.

"Am Brunnen vor dem Tore, da steht eine Lindenbaum", heißt es in einem anderen Volkslied. Beim Tanz oder Treffen unter der Dorflinde haben früher manche Paare die ersten Liebesbande geknüpft. Einige schnitzten ein Herz mit ihren Namen in die Rinde. Die Herzform findet sich auch in den Lindenblättern wieder, und man kann sie auch in der Kronenform einiger Lindenbäume erkennen.

Apropos Bande knüpfen: Lindenbast diente jahrhundertelang zur Herstellung fester Schnüre und Stricke, auch von Taschen, Schuhen, Säcken und Kleidung sowie zum Veredeln von Obstbäumen. Lindenholz war in der Spätgotik das bevorzugte Material für Bildhauer und Schnitzer. Tilman Riemenschneider hat daraus den berühmten Creglinger Marien-Altar geschaffen. Im Musikinstrumentenbau werden daraus Harfen, die Tastatur von Klavieren, Zungen von Orgelpfeifen und auch oft der Massivholz-Korpus von elektrischen Gitarren und Bassgitarren hergestellt.

Vielseitig nutzbar

Umfassende Literatur gibt es über die Linde als Kraftbaum, der harmonisierend, ausgleichend, balancierend und Angst vertreibend wirkt. Slawischen Wahrsagerinnen und die Schamanen der Skythen nahmen unter der Linde Platz, wickelten drei Lindenblätter um die Finger und verfielen in prophetische Trance, wenn sie Zukünftiges erfahren wollten. Dass es in der Siegfrieds-Sage ausgerechnet ein Lindenblatt war, dass nach dem Bad des Helden in Drachenblut auf dessen Rücken klebte und ihn an dieser Stelle verwundbar machte, passt in die damalige Denkweise.

Als Heilmittel war die Linde schon im Mittelalter bekannt. Bis heute zählen die wohlschmeckende Blüte und die Blätter zu den bekannten Hausmitteln. Sie wirken entzündungshemmend, harn- und schweißtreibend, krampf- und schleimlösend und sind Bestandteil von Erkältungs-, Entspannungs- und Magen- und Darmtees. Beliebt ist auch der aromatische Lindenblütenhonig. Lindenblüten-Shampoo wird bei trockenem Haar und empfindlicher Kopfhaut empfohlen.

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