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Die Haartracht hatte nach der Pause ausgedient, Bastian Fiebig (links) dürfte sich noch mehr darüber gefreut haben als Stefan Weilmünster.

Allegro Musikfestival

Virtuos gespielt

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„Allegro“, das Musikfest im Taunus, machte es sich in der alten Barockkirche Anspachs gemütlich. Da passten auch die barocken Gewänder. Aber nur bis zur Pause, dann flogen die Fetzen.

Im historischen Gewand der Zeit um 1700, einen altdeutschen Tanz spielend, marschierten die „Vierfarben Saxofonisten“ in die evangelischen Kirche ein: Kniebundhosen, Hemd, Brokatweste, Justaucorps, mehrlagiges Kleid und künstliche Haartrachten im Sonnenkönig- oder Mozart-Look. Die Fächer, mit denen sich die Musiker bei jeder Gelegenheit Luft zufächelten, waren keine dekorativen Accessoires, sondern erwiesen sich zugleich als sehr nützlich.

Aus alter Zeit entrückt oder von der Hitze verwirrt fabulierte der Altsaxofonist über die Entstehung des Saxofons als Horn des Herrn, das die Menschen vom Kirchgang abhielt, deshalb von der Kirche verboten und fortan als sündiges Teufelshorn gespielt worden sei. Von Adolphe Sax dagegen wollte er nichts wissen.

Nun gut, man musste ihm die Geschichte abnehmen, denn so virtuos wie die Vier ihre Instrumente spielten, mussten sie schon Jahrhunderte lang auf denselben geübt haben. Da sie die Zuhörer mit einer Fantasie von Orlando Gibbons in das frühe 17. Jahrhundert entführten, waren sie mit ihren Kostümen aus dem 18. Jahrhundert auf einmal sehr fortschrittlich gekleidet. Es folgte ein weiters Stück aus der Zeit „vor dem Kirchenverbot“. Der zu Ehren Gottes komponierende Bach hatte sein Italienisches Konzert allerdings nicht für Saxofone geschrieben, sondern für das Cembalo. Auf vier Holzbläserstimmen verteilt kam es noch „polyphoner“ herüber. Wie bedauerlich, dass Bach das Instrument nie kennenlernen sollte.Klarinette, natürlich, Oboe auch, aber von einem Saxofon wusste selbst Mozart noch nichts. Trotzdem ließen die „Barockmusiker“ vom Meister das Oboen-Quartett F-Dur auf ihren Teufelshörnern erklingen, gerahmt von den Ouvertüren aus „Le nozze di Figaro“ und der „Zauberflöte“.

Mit Mozarts Zauberflöte ging es auch in die Pause, und die entfaltete Zauberkraft. Denn zum zweiten Teil des Programms erschienen nun Susanne Riedl mit dem Tenor-, Jürgen Fass mit dem Bariton-, Bastian Fiebig mit dem Alt- und Stefan Weilmünster mit dem Sopransaxofon nicht mehr in historischen Gewändern, sondern in zeitgemäßem Zivil. Vor allem der, die „Backofenperücke“ tragende Fiebig schien sichtlich erleichtert. Und seine dubiosen Erklärungen von der Erfindung des Teufelshorns hatten sich bei den Temperaturen auch schon längst aufgelöst.

Musikalisch griff das zivile Quartett mit der Suite „Aus Holbergs Zeit“ von Edvard Grieg allerdings noch einmal auf den „alten Stil“ zurück. Grieg hatte seine Suite für Streichorchester geschrieben, das mussten die Bläser erst einmal ausfüllen. Aber wie viel besser es ist, wenn sich ein Komponist gleich auf das Saxofon einlässt, zeigte das Saxofonquartett von Paul Reade (1943-1997), der allerdings auch an einem konventionellen Viersatzmuster festhielt. Besonders der Vergleich der Elegie von Read mit dem Air von Grieg dürfte zugunsten des letzteren ausgefallen sein.

Mussten die „Vierfarben Saxofonisten“ auch Gershwins Amerikaner in Paris auf die vierstimmige Ebene der Saxofone herunterbrechen, so war der „Song for Tony“ für ihre Besetzung wie auf den Leib geschrieben. Komponiert hat ihn der Zeitgenosse Michael Nyman, und damit war es das modernste Stück des Programms und nicht das schlechteste obendrein. Man hätte das Stück dem „wohlgeborenen Publikum“ durchaus auch im historischen Gewand zu Gehör bringen können.

Das Konzert der vier Saxofon-Virtuosen war nicht nur musikalischer Hochgenuss, sondern enthielt auch die gleiche Dosis Unterhaltungswert und passte somit wunderbar in das Spektrum der „Schalmeienklänge“.

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