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Mit Hilfe des Traktors, den Wilfried Jannusch fuhr, hievten die Kerbeburschen in Friedrichsthal den Baum an seinen neuen Standort.

Friedrichsthal

Wenn der Baum steht, wird vier Tage Kerb gefeiert

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Die Friedrichsthaler Kerb ist mehr also nur ein Kirchweihfest. Es ist ein Fest der Traditionen und der Generationen, wie sich am Samstag zur offiziellen Eröffnung wieder einmal zeigte.

Vier Tage lang eine Kerb zu feiern, das ist inzwischen eine Seltenheit im Usinger Land. In Friedrichsthal gehört es zu der Art von Traditionen, an denen liebevoll und konsequent festgehalten wird. „Es lohnt sich“, sagt Oberkerbebursche Thomas Kreuz.

Der Lohn ist aber, im Gegensatz zu vielen anderen Veranstaltungen, kein finanzieller. „Es ist die Gemeinschaft, die es ausmacht und etwas für das Dorf anzubieten“, ist er überzeugt. Ginge es nach dem finanziellen Gewinn, dann hätte die Kerb als Veranstaltung schon längst aufgegeben werden müssen.

Seit 2015 bekleidet Kreuz das Amt des Oberkerbeburschen. Er sei einfach gefragt worden ob es er machen wolle, erzählt er, während er seine kleine Kasse am Samstagabend öffnet. Der Oberkerbebursch’, in vielen anderen Orten auch der Kerbewatz genannt, ist der Hauptorganisator. „Der Vereinsrings steht als Verein dahinter“, sagt Wilfried Jannusch, Chef des Vereinsrings. Und selbstverständlich auch Kerbebursch’; das gehört sich so.

Die Kerbegemeinschaft umfasst Mitglieder vom Baby bis zum Greis und jeder hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten mit. Für Thomas Kreuz bedeutet es, wenigstens ein Treffen mit der Kerbegemeinschaft zu organisieren und an den seit Jahren bekannten Ablaufplan zu erinnern. Dazu gehört seitens der Jugendlichen der „Rock in die Kerb“-Abend, aus dem dieses Mal ein „Wir sitzen vor dem Bürgerhaus und plaudern“ wurde. „Es sind Ferien“, zeigt der Oberkerbebursch’ Verständnis. „Da kommen auch nicht ganz so viele Besucher wie sonst“, sagt er ohne jede Wertung. Das gelte auch für Besucher aus bestimmten Bereichen.

„Seit Jahrzehnten ziehen wir zwei Mal durch den Ort, um die Leute zur Kerb abzuholen und sammeln bei dieser Gelegenheit auch Geld, für das die Spender etwas zu trinken angeboten bekommen“, sagt Kreuz.

Begleitet werden die Burschen dazu das erste Mal am Sonntag um 15 Uhr vom Musikverein Usinger Land. Laut genug ist es also, „doch es gibt Straßen, in denen bleibt hartnäckig die Tür zu, obgleich sich die Gardinen bewegen.“ Viele neue Gesichter gebe es also nicht, die zur Kerb kommen. Entstanden ist die Kerb übrigens tatsächlich als Kirchweihfest, erinnert sich Werner Reitz, ebenfalls seit Jahrzehnten Kerbebursch’. „Wir wollten zu den Gottesdiensten nicht immer nach Kransberg“, erinnert er sich.

Und dieses Ansinnen haben die Friedrichsthaler auch mit aller Geduld und Hartnäckigkeit durchgesetzt. Dass ging sogar so weit, dass sie sonntags gar nicht erst zum Gottesdienst erschienen bis sich der Pfarrer endlich nach „Neudorf“, wie es die Auswärtigen nennen, bemühten. Friedrichsthal hat also nicht nur in seiner Geschichte für die Kirche gekämpft, sondern tut es auch für die Kerb.

Sieben Euro Eintritt kostet der Samstagabend, der im Wesentlichen von den Kerbeburschen und zu späterer Stunde dann auch noch von einigen Besuchern entrichtet wurde. Zu den Eintrittskarten, die Kreuz an seine Mitstreiter gegen Bares verteilte, gab’s auch gleich noch eine Los-Liste, die die Gemeinschaft verkaufen sollte. „Viele kaufen die Loose selbst“, wusste Kreuz und bei 30 Cent Einsatz, um am Ende das Kerbetuch oder den Baum zu gewinnen, sogar ein preisgünstiges Unterfangen.

Das Tuch spendiert seit 2015 der Verein zur Heimat- und Brauchtumspflege und weil dessen Vorsitzender Alfred Meurer (ganz klar, auch ein Kerbebursche), die Tücher mittlerweile auf Vorrat kauft, hat er das für das kommende Jahr auch schon zu Hause liegen. Verlost wurde beides am Sonntagabend. Und wie wird man eigentlich in die Kerbegemeinschaft aufgenommen? „Ich habe einen Sohn gezeugt“, antwortet Kreuz lakonisch.

In der Tat besteht die Kerbegemeinschaft vielfach aus Familienmitgliedern, bei denen die Tradition von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. In der Familie Jannusch zum Beispiel sind es bereits drei Generationen, die das blaue Tuch und mit dem geflochtenen Knoten tragen und jedes Jahr nicht nur feiern, sondern auch fleißig mit organisieren.

„Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch Neue aufnehmen würden“, betont Kreuz. Diese zu finden sei nur nicht ganz so einfach.

Zur Organisation gehörte auch das Baumschlagen am Samstagmorgen, eine 16 Meter lange Fichte, die am Samstagabend mit vereinten Kräften und der Hilfe von Wilfried Jannuschs Traktor vor dem Bürgerhaus aufgestellt wurde. Die „Kerbejungfern“, wie Kreuz sie bezeichnet, hatten den Festkranz gewickelt und mit bunten Bändern verziert, der ebenfalls unter der kleinen Baumkrone aufgehängt wurde. Mit dem Schlachtruf und Musik von Werner Erkers Partyband, konnte die Kerb offiziell beginnen.

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