Stuhlbein mit Knoten: Ein Gag, der auch Armin Ludwig trägt.
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Stuhlbein mit Knoten: Ein Gag, der auch Armin Ludwig trägt.

Firma Thonet im Hessenpark

Wenn aus Stangen Stühle werden

  • VonFrank Saltenberger
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Der Kaffeehaus-Stuhl der Firma Thonet ist eine Design-Ikone. Wie der Bugholz-Klassiker hergestellt wird, war jetzt im Hessenpark zu sehen.

„Wenn der Sitz rund ist, ist der Stuhl alt“, sagte Armin Ludwig. Er muss es wissen, denn er biegt noch heute Buchenrundhölzer zu Stühlen, dass die Hessenpark-Besucher nur so staunten. Wenn der Sitz rund ist, dann geht er nämlich auf den von Michael Thonet entworfenen Wiener Kaffeehaus-Stuhl Nr.14 zurück.

Aber so selten ist der nun wieder nicht, denn bis in die 1930er Jahre wurde der Klassiker weltweit über 50 Millionen Mal verkauft. Der Name Thonet steht seit der Mitte des 19. Jahrhunderts für epochemachendes Design aus Wien, aber was hat dies mit dem Hessenpark und den Dampftagen vom Wochenende zu tun, wo zwei Mitarbeiter der Firma vorführten, wie das Holz in Form gebracht wird?

Das geschieht mit heißem Dampf, und somit passte das Verfahren schon einmal zum Dampftag. Und obwohl der Name Thonet weltweit mit dem Kaffeehaus-Stuhl und Wien verbunden ist, wurde die Firma Thonet nach dem Zweiten Weltkrieg vom Urenkel des Firmengründers im hessischen Frankenberg neu gegründet. Dort ist auch heute noch der Sitz des Familienunternehmens. Da lagen also zwei gute Gründe vor, das alte Handwerk einmal vorzuführen.

Armin Ludwig und sein Kollege Danny Billing hatten rund um die Uhr interessierte Zuschauer vor sich, die alles ganz genau wissen wollten. Was für Holz wird verwendet? Vor allem Buchenholz. Und wie schafft man es, eine harte Holzstange so zu verbiegen, dass sie nicht bricht, exakt ihre Form hält und keine Biegespuren und Stauchungen zu erkennen sind? „Wer ganz genau hinschaut, kann schon erkennen, dass das Holz auf der Innenseite des Bogen leicht gestaucht ist“, sagte Ludwig und ließ die Besucher mit dem Finger über das Holz streichen. Zeit für Erklärungen hatte der Fachmann genug, denn die Stangen, welche die beiden zu Stuhllehnen bogen, müssen jeweils vorher drei Stunden in einem Druckkessel 105 Grad heißem Wasserdampf ausgesetzt sein.  

Dann muss alles ganz schnell gehen: „Maximal vier Minuten haben wir Zeit, das Holz in Form zu bringen“, erklärte Ludwig, kurz bevor es spannend wurde. Die Zeit war rum, Billing öffnete den Kessel, es zischte, er holte eine Stange heraus und verschloss den Kessel wieder. Jetzt musste jeder Handgriff sitzen. Am oberen Ende der Form wurde die Stange eingespannt, an den beide Enden gefasst und umgebogen, wozu ein weiteres Formeisen mit zahllosen Klemmen an der Stange befestigt wurde. Beides wird in die Form gedrückt und schon war die Hälfte der vier Minuten herum. Einige Klemmen wurden wieder gelöst, andere verblieben, und wieder einmal hatten es die beiden rechtzeitig geschafft. Nur die hohen Rückenlehnen wurden an diesem Tag produziert, für andere Teile wäre der Aufwand zu groß gewesen, aber nach dem gleichen Prinzip werden auch die anderen Teile geformt. „Ist das ein Gag?“, wollte ein Zuschauer wissen und zeigte auf den Knoten im Bein eines Stuhles. „Nein“, erwiderte Ludwig und setzte sich drauf: „Der hält meine 100 Kilo schon aus.“

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