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Schweine lieben Schnee, aber die Kälte nicht – daher verbringen sie die Zeit lieber im Stall auf dem Naturkornhof von Werner Etzel in Wehrheim.

Nutztierhaltung

Überzogen oder dringend überfällig? Landwirte äußern sich zur Tierwohl-Debatte

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Wer einen Schweinebraten mit dem Label „Tierwohl“ kauft, tut etwas für das Tierwohl, oder doch nicht? Der Staat plant jedenfalls ein eigenes Tierwohl-Siegel, was mancher Landwirt im Usinger Land begrüßen würde. Andere finden die Tierwohl-Debatte überzogen.

Usingen - Tierwohl und Tiergesundheit waren die Hauptthemen der Messe „Internationale Grüne Woche“, die auch Politiker und Bürger aus dem Usinger Land besucht haben. Bisher gibt es freiwillige Siegel wie die Brancheninitiative „Tierwohl“, eine eigene Haltungskennzeichnung der großen Handelsketten. Unternehmen wie Aldi oder Edeka „führen mit einem Beitrag von 6,25 Cent pro Kilogramm verkaufter Schweine- und Geflügelfleischware einen Gesamtbetrag von rund 130 Millionen Euro jährlich ab“, heißt es auf der Internetseite initiative-tierwohl.de. „Mit diesem Budget wird der Mehraufwand der zugelassenen Tierhalter für die Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen finanziert.“

Der Staat plant ferner ein Tierwohl-Siegel bis Mitte der Legislaturperiode (etwa Oktober). Doch was sagen die Landwirte im Usinger Land zu diesen Entwicklungen?

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Miriam Preiß, die auf dem Stockheimer Hof Rinder aufzieht, findet die Debatte „ziemlich überzogen“, wie sie sagt. „Es ist übertrieben, weil die heutigen Standards in Deutschland sehr hoch sind. Neue Ställe werden so gebaut, dass sich Tiere darin wohlfühlen. Nur so erbringen sie die Leistung, die erwartet wird“, sagt Preiß. Unter wohlfühlen versteht sie, dass die Tiere genug Licht und Luft haben, sich ablegen und reichlich fressen können.

Konsens in der Gesellschaft

Bei Preiß gehen rund 70 Rinder „in den Kindergarten und in die Schule“, danach kehren sie auf ihren Ursprungshof zurück, wo sie kalben und dann als Milchkühe im Einsatz sind. Diese Höfe befinden sich in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Stockheimer Hof, weite Wege müssen die Tiere somit nicht zurücklegen. 80 Hektar Land gehören zum Hof, die als Weidefläche (45 bis 50 Hektar) beziehungsweise zur Futtergewinnung genutzt werden. Zum Teil werde auch Weizen und Raps angepflanzt, die dann durch Mühlen weiterverarbeitet werden.

Werner Etzel vom Naturkornhof in Wehrheim ist ein Tierfreund, weiß aber auch, dass seine Schweine ihn im Alter von acht Monaten Richtung Paderborn wieder verlassen werden. Dort ist der Hof, auf dem die Tiere nach Bio-Vorgaben geschlachtet werden. Etzel ist verantwortlich für rund 1800 Schweine (600 Tiere verteilt auf drei Ställe) und von der „Tierwohl-Debatte“ hält er sehr viel. „Dieses Thema eint unsere Gesellschaft. Alle wollen gerne, dass es Tieren gutgeht, das ist Konsens. Der eine stimmt in diesen Konsens ,umsonst‘ ein, der andere zahlt gerne dafür“, sagt Etzel.

Keinen Cent

Dass die Bundespolitik in Berlin die Einführung einer weitergehenden Tierwohl-Kennzeichnung vorantreibt, begrüßt er und setzt sich selbst auch aktiv dafür ein. „Diese neue Kennzeichnung würde endlich einen Strich unter den Kennzeichnungsdschungel ziehen, den es momentan gibt. Die Entscheidung, welcher Betrieb welches Kennzeichen erhält, dürfte noch ein zähes Ringen werden.“

Die neue Kennzeichnung für Fleisch würde sich an den Erfahrungen orientieren, die bei der Kennzeichnung von Eiern gemacht wurden, so Etzel. „Es ist ein bekanntes System, das der Verbraucher verstanden hat.“ Ob man nun mit Ziffern oder mit Farben wie bei einer Ampel arbeite; beides sei denkbar.

Etzel hat sich übrigens selbst an der Brancheninitiative „Tierwohl“ beteiligt – und bis heute keinen Cent gesehen, wie er sagt. „Das Geld, das eingenommen wurde und verteilt werden sollte, hat nur für 47 Prozent der Anträge gereicht“, sagt Etzel.

Für die Landwirte Sabine Wagner und Jörg George mit Milchziegen-Betrieb in Wernborn ist das Tierwohl-Label „viel heiße Luft“. Denn „die Bezeichnung Tierwohl ist in Deutschland nicht markenrechtlich geschützt, beziehungsweise gesetzlich oder wissenschaftlich definiert“.

Zielführend seien solche Gütesiegel nur dann für den Verbraucher, wenn sie verpflichtend und klar definiert seien und man sich darauf verlassen könne.

„Wir selbst stellen das Wohl unserer Tiere an erste Stelle, noch vor unser eigenes. Das kann man in Zeiten der Massentierhaltung wohl nicht von jedem Tierhalter verlangen“, sagen Wagner und George. Und deshalb werde es Tierwohl in der Fleischerzeugung erst dann geben können, „wenn der Mensch anfängt darauf zu verzichten, Billigfleisch in uneingeschränkter Menge kaufen und essen zu wollen“.

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