Die kommende Woche an den Start gehenden Impfzentren in Hessen haben jetzt schon mehr Anfragen um einen Termin, als Impfstoffe bereit stehen.
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Die kommende Woche an den Start gehenden Impfzentren in Hessen haben jetzt schon mehr Anfragen um einen Termin, als Impfstoffe bereit stehen.

Usinger ist sauer über die Probleme bei Impf-Anmeldung

Zehn Millionen Anfragen legen Server lahm

  • vonAndreas Burger
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Unzufriedenheit der Bürger wächst, aber die Impfdosen reichen nicht aus

Inzwischen haben die Beschwerden über die Vorgänge um die Impfungen schon epische Maße angenommen. Nicht nur der Kreis oder die Bürgermeister zeigen sich etwas "erstaunt", welche Vorgaben und Vorgänge aus Land und Bund die kommunale Ebenen erreichen, es sind vor allem die Betroffenen selbst, deren Geduldsfaden am Ende ist.

Wie gestern morgen. Ein Usinger etwa wollte Anfang der Woche seine über 90-Jährige Schwiegermutter für eine Impfung online anmelden - und hat eine Odyssee hinter sich, die Blutdruck und Gesichtsfarbe in sehr ungesunde Bereich treibt.

Er versuchte es online über die beiden angegebenen Pforten. Füllte alles aus und - war dann plötzlich raus aus dem System. Nichts ging mehr. Also telefonierte er mit Ministerien und bekam die Antworten "man sei nicht zuständig" oder neue Telefonnummern. Also rief er den Anbieter der Plattform, e-kom21 an. "Mal davon abgesehen, das dort Deutsch nicht die erste Fremdsprache ist und ich alles dauernd wiederholen musste, bekam ich immerhin zwei Termine genannt, von denen er einen per Mail bestätigen sollte. Der aber zuerst als Mail ankommen sollte. Was aber nicht kam. Weder Mail noch Termin. Er telefonierte weiter und - erreichte nichts. "Wenn ich bis heute (Freitag, die Red.) keine Info bekomme, klage ich mich durch alle Instanzen", wetterte der Usinger. Immerhin habe das Ministerium lange genug Vorlaufzeit gehabt, eine ordentliche Plattform mit genügend Surferkapazität zu erstellen. "Wenn diese Aktion jetzt noch ein älterer Bürger durchmachen soll, dann weiß ich was da rauskommt. Und wenn ich aus dem Ministerium höre, dass man nicht zuständig sei, platzt mir sowieso der Kragen. Auch wenn die e-kom21 Anbieter ist, hat das Ministerium als Auftraggeber sowieso die Verantwortung."

Zweigleisig gefahren

Hat sie. Wie Michael Schaich als Sprecher des Innenministeriums klar sagte. Und nimmt sie auch wahr. Aber die Fehler lägen an Stellen, die von der Landesregierung nicht behoben werden könnten. "Wir haben schon im Dezember, als die Bundesregierung die Telefonnummern zur Registrierung nannte, für Hessen ein zweites ,Gleis' auf den Weg gebracht, falls Möglichkeit eins nicht reibungslos funktioniert. Und es hat sich gezeigt, dass dies wichtig war."

Und Schaich holte aus: "Eigentlich hat der Kommunaldienstleister e-kom21 viel Erfahrungen auf diesem Gebiet. Aber nachdem wir alleine in Hessen mit über zehn Millionen Anfragen über die Kontaktstellen - also Telefon und Internetplattformen - überrannt wurden, ging alles in die Knie." Seit diesem Mittwoch habe man technisch aufgerüstet - nun solle alles funktionieren. "Schon nach drei Tagen war klar, dass zu viele Termine wollen." Zu viele, die noch gar nicht an der Reihe wären, aber dennoch die Surfer überrannten,

Aber, und das ist ein großes Aber: Die Impfzentren sind bereits jetzt mit ihren Impfdosen am Ende, bevor am 19. Januar die Impfungen starten: Mehr Terminanfragen als Impfstoff. Was bedeutet: Man kann sich zwar registrieren und Kontaktdaten hinterlegen, alleine: Es wird wohl aber erst einmal keine Termine geben, bis die neuen Lieferungen eintreffen.

Und Schaich nennt auch Zahlen, die so manches Problem mit der Registrierung oder Anfragen erklären. Alleine die letzten Tage wollten zehn Millionen (!) Menschen in Hessen entweder die Registrierung online vornehmen oder stellten Fragen am Telefon. Nun werden im ersten Schwung bekanntermaßen nur die über 80-Jährigen, Rettungsdienste und Kliniken versorgt.

"Wir reden eigentlich über 7000 Fälle bei Rettungskräften, 20 000 Menschen im ambulanten Pflegebereich und hessenweit über 400 000 Menschen über 80 Jahre." Bewerten will Schaich das Aufkommen an den Melde-Schnittstellen nicht, aber die zehn Millionen Aufrufe sind weit über den Zahlen Betroffener, die in der ersten Runde wirklich geimpft werden sollen.

Er könne jeden Ärger eines Bürgers verstehen, und die Mitarbeiter versuchten auch, Lösungen für jedes Problem zu finden. Das eigene hessische Callcenter sei inzwischen mit 300 Mitarbeitern besetzt.

"Wir haben auch immer wieder darum gebten, dass Angehörige ihren älteren Verwandten helfen, den Termin-Vorgang zu unterstützen. Wir wissen, das eine solche Terminierung viele überfordert. Die Plattform wurde deshalb auch einfach gehalten." Aber man bitte dringend darum, das sich alle, die noch nicht impfberechtigt seien, nicht über die Plattformen registrierten. "Das nimmt eben allen, die einen Termin brauchen, die Kapazität weg."

Auf die Zuteilung der Impfdosen selbst habe das Land keinen Einfluss. "Uns werden 49 000 Impfdosen für Hessen angeliefert. Die Hälfte müssen wir auf Weisung einlagern für die zweite Impfwelle. Es stehen also etwas weniger als 25 000 Impfdosen zur Verfügung, die in den regionalen Zentren verteilt werden, abzüglich 5000 Dosen für die Altenheime und Kliniken mit ihren besonders gefährdetem Klientel. Und wir kommen nun an die Grenze, denn die zugeteilte Menge geht zu Ende." Und: "Die Umfragen zeigen, dass die Impfbereitschaft deutlich zunimmt."

Damit ist auch die oft gestellte Frage beantwortet, warum das Impfzentrum in Bad Homburg nicht startet: Zu wenig Impfstoff für alle. "Wir könnten an allen 28 hessischen Impfzentren täglich 30 000 Impfungen vornehmen - wenn der Stoff vorhanden wäre."

Was also bedeutet, das momentan Termine nicht gemacht werden. Betroffene Gruppen können sich registrieren, aber ohne Impfstoff keinen Termin.

Schaich weiter: "Klar ist aber auch, dass für die Bürger nur die Frage zählt: Impftermin ja oder nein? Und momentan lautet die Antwort eher nein. Aber wir haben Signale bekommen, das es in den nächsten Tagen und Wochen deutlich größere Lieferungen geben soll." Andreas Burger

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