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Arbeiten Hand in Hand: Bürgermeister Gregor Sommer und Revierförster Björn Neugebauer wollen denn Wehrheimer Wald nachhaltig umgestalten.

Förster schlagen Alarm

So soll der Wald im Usinger Land vor zunehmenden Umwelteinflüssen gestärkt werden

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Den Schalter umlegen, bevor es zu spät ist: Landauf, landab erleben die deutschen Wälder eine heftige Umstrukturierung. Im waldreichen Taunus beschäftigt man sich besonders damit, den Wald vor zunehmenden Umwelteinflüssen zu retten und ihn gleichzeitig noch stärker für Erholungssuchende erlebbar zu gestalten. Die Kommune Wehrheim geht hier mit gutem Beispiel voran. Katastrophal haben sich der Dürresommer, Stürme und der Borkenkäferbefall im Bereich des Forstamtes Weilrod ausgewirkt. Vor allem der Käfer versuchen die Forstleute nun Herr zu werden, verbunden ist das aber mit großen Verlusten. Der größte Verlierer dabei ist die Fichte.

Usinger Land - Den Begriff der naturnahen Waldwirtschaft gibt es schon seit Jahrzehnten. Doch wie wichtig diese Umwälzung unter den Wipfeln ist, zeigt sich mit immer mehr Deutlichkeit. Björn Neugebauer ist zwar erst seit dreieinhalb Jahren als Revierförster in Wehrheim tätig, doch verfolgt er das Konzept mit Vehemenz. "Wenn uns jetzt die Natur nicht hilft, sind wir chancenlos und können zusehen , wie der Wald stirbt. Derzeit leben wir von der Hand in den Mund, können nur noch reagieren", warnt er.

Unkalkulierbare Stürme wie jener am 24. April, die Trockenheit des vergangenen Sommers und daraus resultierende ideale Bedingungen für Borkenkäfer - das sind nur drei von vielen Faktoren, die sich derzeit katastrophal für den Wald auswirken, berichtet Neugebauer. "Wir müssen den Wald an die klimatischen Bedingungen anpassen", unterstützt ihn Bürgermeister Gregor Sommer in dessen Bestreben.

Das Konzept des Mischwaldes steht dabei im Vordergrund: Laubbäume wie die Esskastanie sollen vor allem Fichten ersetzen. Denn Letztere haben den Unbilden des Wetters und der Tierwelt kaum noch etwas entgegenzusetzen, sie sterben ab oder fallen um wie die sprichwörtlichen Fliegen. "Wir wollen keine Kahlschläge, müssen die jetzt vorhandenen aber als Chance begreifen, dass wir in 40 Jahren nicht wieder vor dem gleichen Problem stehen wie jetzt", sagt Neugebauer. Die kahlen Flächen produzieren derzeit Wärme, Kohlendioxid und geben Nitrat ab, das ins Grundwasser geht. Für Mensch und Umwelt schlecht. "Die Bäume können das umsetzen, deswegen wollen wir zügig alles neu bepflanzen", sagt Neugebauer.

2,5 Milliarden Euro Schaden

Forstwirtschaft ist von langfristigem Denken geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht so sehr. Damals wurden Unmengen an Fichten gesetzt, die Menschen brauchten Bauholz. Noch heute erinnern große Bezirke mit Bäumen in streng preußischer Truppenaufstellung an diese Zeiten. Später waren die schnell wachsenden Bäume mit ihren flachen Wurzeln als Wirtschaftsgut gefragt.

Doch derzeit ist für waldreiche Kommunen damit kaum Geld zu verdienen. "Wir müssen die geschädigten Bäume fällen und auf den Markt werfen. Wegen einer Holzschwemme aus Österreich und Südtirol ist damit aber kein Gewinn zu machen", sagt Sommer. Und Neugebauer ergänzt: "Wir schippern das Zeug sogar nach China, um es loszuwerden." Noch besteht gut ein Viertel des Wehrheimer Waldes aus Fichtenanpflanzungen. Es sollen weniger werden, auch wenn in Zukunft noch Geld mit der Fichte verdient werden soll. "Alles ist besser geeignet als die Fichte, wenn man den richtigen Standort auswählt", sagt Neugebauer. Ziel ist ein stabiles Gleichgewicht, die Monokulturen sollen verschwinden.

Nach dem Dürresommer im vergangenen Jahr haben nicht nur die Landwirte aufgeschrien und finanzielle Hilfen gefordert. "Auch die Forstwirtschaft hat die Hand gehoben, der Deutsche Forstwirtschaftsrat hat die Schäden auf 2,5 Milliarden Euro beziffert", weiß Neugebauer. Geflossen sei aber wenig bis gar nichts, beschwert sich Sommer, der sich von Bund und Land im Stich gelassen fühlt.

50 000 Euro Überschuss ließen sich in den vergangenen Jahren für die Gemeinde mit 1188 Hektar Wald an Überschuss jährlich erzielen. Nach Investitionen in den Forst. Jetzt müssen Naturschutzaufgaben erst einmal hinten anstehen, um das Ökosystem als Ganzes zu retten, sagt Neugebauer. Jetzt seien waldreiche Kommunen - aber auch private Waldbesitzer - gefordert, nicht in erster Linie an wirtschaftlichen Ertrag zu denken.

Abtransport nach China oder an andere Abnehmer: Überall im Neu-Anspacher Forst liegen derzeit Stämme zur Abholung bereit. Forstamtsleiter Bernd Müller (links) und Revierförster Hans-Peter Groos freut die Menge des Holzeinschlags nicht gerade.

So unterstütze auch die Gemeindevertreterversammlung in Wehrheim den Umbau des Waldes in einen Mischwald. Und sie gebe vormals wirtschaftlich genutzte Flächen als Erholungswald frei. So etwa angrenzend zum Flora- und Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) Haubergsgrund bei Pfaffenwiesbach. Hier hat das Parlament einstimmig dafür votiert, Schutzgebiete zu schaffen", sagt Sommer und erinnert an den jüngsten und alarmierenden Bericht zum Arten- und Pflanzensterben. Die Erlenbachaue ist ebenfalls FFH-Gebiet. Ein Lob spricht Sommer auch dem Naturschutzbund und dem Bund für Umwelt und Naturschutz aus, vor allem der Nabu habe mit eigenen Anpflanzungen dazu beitragen, dass Wasser gebunden wird und nicht die Bäche überflutet.

Das Ziel Neugebauers ist der Dauerwald, der den vorhandenen Abschnittswald ganz ersetzen soll: An einigen Stellen im Wehrheimer Forst kann man schon sehen, wo die Reise hingeht. Dort stehen mächtige Nadelbäumen und recken ihre Wipfel der Sonne entgegen, an ihren Stämmen wachsen im Schatten geschützt Laubbäume wie Erlen oder Ulmen heran. Dazwischen finden sich auch noch Solitärbäume wie die Eberesche, die dann auch stehengelassen wird. "Tritt ein Unwetter oder anderes Ereignis auf, haben wir durch die Vielfalt die Chance, dass nicht gleich der ganze Abschnitt den Löffel abgibt", erklärt Neugebauer die Vorgehensweise.

Rechnung geht auf

Unter dem Strich bedeute die Bewirtschaftung in diesen Bezirken deutlich mehr Arbeit. Das Rückepferd ist dabei unverzichtbar, weil die modernen Harvester-Maschinen die hiebreifen Bäume nicht mehr erreichen können. "Doch dafür haben wir Holz hoher Qualität und einen gesunden Wald, diese Rechnung geht auf", ist sich Neugebauer sicher. Denn oft würden Risikokosten etwa durch Unwetter in rein wirtschaftlichen Berechnungen unterschlagen.

Für Erholungssuchende bleibt so auch noch etwas übrig. "Untersuchungen haben ergeben, dass beim Menschen mehr Erholung eintritt, wenn er durch einen Wald mit Totholz und Bodendeckern geht, als wenn er an den kerzengeraden Fichtenreihen vorbeimarschiert." Ziel sei ein 50/50-Verhältnis Erholungs- und Nutzwald, erklärt Sommer.

Auch wenn es manchmal nicht so aussehe, sei das Forstamt in diesen Gebieten pflegerisch stark aktiv. "Allerdings muss man auch einmal die Finger weglassen können, damit der Wald selbst arbeiten kann", sagt Neugebauer.

Und ein wenig Information darf es dazu auch sein. So hat das Forstamt bei Neuanpflanzungen die jeweiligen Baumarten und deren Zusammenspiel mit der sie umgebenden Natur per Informationsschild vorgestellt: Lernen beim Spaziergang.

Großräumige Fällarbeiten und intensive Kontrollen sollen Region helfen

Katastrophal haben sich der Dürresommer, Stürme und der Borkenkäferbefall im Bereich des Forstamtes Weilrod ausgewirkt. Vor allem der Käfer versuchen die Forstleute nun Herr zu werden, verbunden ist das aber mit großen Verlusten. Der größte Verlierer dabei ist die Fichte. 

Große Sorgenfalten hat Bernd Müller, Leiter des Forstamtes Weilrod, auf der Stirn. Etwa 30 Prozent des gesamten Baumbestandes in seinem Bereich macht die Fichte aus. Der Baum des Jahres 2017 ist zum Sorgenkind geworden. Großflächiger Einschlag, aber auch verstärkte Beobachtungen sollen die schlimmsten Folgen abmildern.

Mit großem Gerät: Der Harvester von Jens Hedderich aus dem Ebsdorfergrund nimmt sich Baum für Baum vor. Fotos: Thomas Kopp

Die Fichte mag als Baum des Nordens ein kühl-feuchtes Klima. In der Trockenheit des vergangenen Sommers konnte sie nicht genug Harz produzieren, um die Borkenkäferart Buchdrucker abzuwehren. Die fressen sich zur Eiablage in die Rinde ein, bauen dabei Gänge, die wie eine aufgeschlagene Buchseite aussehen. Haben sie sich um den Baum herum gefressen, ist die Wasserversorgung gekappt, der Baum stirbt ab.

Für die Käfer herrschten nach einem kalten und nassen Vorfrühling 2018 ideale Bedingungen. Bis zu vier Folgegenerationen wurden über Sommer und Herbst ausgebrütet, dadurch wurden nahezu alle Waldgebiete mit Fichten befallen.

Das ist bei einem Rundgang mit Müller und dem Neu-Anspacher Revierförster Hans-Peter Groos oberhalb des Hessenparks - rund 500 Hektar sind allein dort befallen - mehr als deutlich zu sehen. Wo man bislang nur geschlossene Baumreihen sah, eröffnen sich nun weite Perspektiven in den Taunus. Im Wald selbst sieht es wie nach einem Bombenangriff aus.

Sägewerke schaffen's nicht

Überall am Wegesrand liegen Stämme, die nach China oder an andere Orte gehen. "Früher gab es für einen Festmeter Fichtenholz teils über 90 Euro, heute transportieren wir es für 47, 48 Euro nach China", fasst Müller die wirtschaftliche Misere zusammen. Beläuft sich der normale Jahreshieb auf rund 35 000 Festmeter, sind es durch Befall und klimatische Extreme über 100 000 Festmeter seit Anfang 2018 geworden. Die Sägewerke kommen nicht mehr nach, der Preis stürzt ab.

Doch auch ökologisch ist der Katastrophenfall eingetreten. Langfristig wollten die Förster den Fichtenbestand reduzieren, auf 20 bis 25 Prozent, sich mit der Baumart auf höhere Lagen rund um Schmitten konzentrieren, niedriger nur mit einem gesunden Mischwald um sie herum. Nun sind sie früher dazu gezwungen.

Was tot ist, bleibt stehen

Neben verstärkten Anpflanzungen von Laubbäumen sollen etwa die Douglasie, Weißtanne und Lärche eingesetzt werden. Da die Fichte aber wirtschaftlich so wertvoll ist, stecken die Förster im Dilemma. Etwa einmal pro Woche klappert jeder Revierförster seine Bestände ab, Personal aus weniger betroffenen Förstereien helfen aus.

Der Borkenkäfer blockiert durch Gänge in der Rinde die Wasserversorgung des Baumes, erklärt Müller.

"Wir unternehmen ein umfangreiches Monitoring, um absehen zu können, welche Bestände wir vor weiterem Befall retten können", begründet Müller die intensiven Kontrollen. Befallene Bäume werden so schnell wie möglich geschlagen und am Wegesrand gelagert. Die Rinde stirbt ab, ebenso der Borkenkäfer. Reicht das nicht, werden die Stämme komplett aus dem Wald geholt. Nur als allerletztes Mittel setzen die Förster ein Insektizid an den gefällten Bäumen ein, schließlich ist der Wald ökologisch zertifiziert.

Was schon tot ist, muss derzeit stehen bleiben. Was Spaziergänger erschreckt, ist für den Wald aber gar nicht schlecht. Denn das Totholz ist wertvoller Bestandteil des Ökosystems. "Im Herbst wird dann mit der Wiederaufforstung begonnen", sagt Müller.

Kommunen haben die Botschaft verinnerlicht

Das Forstamt Weilrod, zuständig für 17 300 Hektar Wald zwischen Rod an der Weil und Ober-Mörlen sowie Neu-Anspach und Butzbach, verfolgt intensiv das Konzept der modernen Waldbewirtschaftung. "Seit rund 20 Jahren" wie Forstamtleiter Bernd Müller umreißt. Die Nadelwälder im Taunus seien komplett von Menschenhand geschaffen worden. Auch wenn man aus wirtschaftlichen Gründen nicht komplett darauf verzichten wolle, laufe der Umbau stetig. Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Wälder sei schon umgebaut, der Anteil der Fichten habe um fünf bis zehn Prozent angenommen. Nicht nur Laubbäumeersetzen diese, sondern auch andere Nadelbaumarten wie Weißtannen oder Douglasie.

Die Umstrukturierung zum Mischwald sei sogar schon weiter, schildert Müller: "Etwa die Hälfte des Waldes hat ein anderes Gesicht als früher."

Der wirtschaftliche Aspekt müsse aber beachtet werden. "Wir versuchen, dass sich die kommunalen Haushalte beim Thema Wald selbst tragen können." Doch seien derzeit höhere Förderungen von Land, Bund und Europa notwendig, um den Umbau forcieren zu können. Die Forstwirtschaft könne aber leider nicht den Druck ausüben, wie dies etwa die Landwirtschaft könne.

Doch die Kommunen hätten die Botschaft der Förster verinnerlicht. "Alle ziehen mit", sagt Müller. Er hebt dabei Butzbach hervor. Denn die Wetterau-Kommune, die um Forstbezirk Weilrod gehört, habe inzwischen ein Erholungswald-Zertifikat errungen. 850 der rund 3000 Hektar Wald präsentierten sich besucherfreundlich, die Stadt verzichte auf eine intensive Nutzung und damit auch auf Geld, um den Wald als Erholungsfaktor darzustellen.

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