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Viel mehr als eine Essensausgabe

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Von: Gerrit Mai

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Packen mit an: Landrat Ulrich Krebs (Zweiter von rechts) und die Leiterin des Diakonischen Werks Hochtaunus, Stefanie Limberg (Zweite von links), unterstützen das Tafel-Ausgabeteam mit Rosemarie Steinkamp, Michael Euler und Bärbel Rodehorst (von links).
Packen mit an: Landrat Ulrich Krebs (Zweiter von rechts) und die Leiterin des Diakonischen Werks Hochtaunus, Stefanie Limberg (Zweite von links), unterstützen das Tafel-Ausgabeteam mit Rosemarie Steinkamp, Michael Euler und Bärbel Rodehorst (von links). © Gerit Mai

Landrat besucht die Tafel und dankt für den Einsatz in schwierigen Zeiten.

Hochtaunus -Sogar der Landrat packt mit an. Ulrich Krebs (CDU) lädt die schweren Lebensmittelkisten aus den Transportfahrzeugen und schleppt sie zur Essensausgabe. Dabei wäre seine Unterstützung beim Besuch in der Ausgabestelle der Tafel in Oberursel gar nicht unbedingt nötig gewesen. Denn die Mitarbeiter sind ein eingespieltes Team, hier greifen alle Rädchen ineinander, jeder Handgriff sitzt.

Dafür dankte Krebs den Ehrenamtlichen - und zeigte ihnen etwas viel Wichtigeres mit seinem Besuch: die Wertschätzung, die ihre Arbeit im Hochtaunuskreis und bei ihm offenbar auch persönlich genießt.

Heute gibt es Ausgabestellen nicht nur in den beiden größten Städten des Kreises - Oberursel und Bad Homburg -, sondern auch in Friedrichsdorf, Neu-Anspach, Kronberg und Königstein. Insgesamt versorgten die Tafeln im Hochtaunuskreis 670 Familien mit etwa 1600 Personen, von denen rund 500 Kinder seien, sagt Dr. Felix Krohmer, der Referent für Gesellschaftliche Verantwortung des evangelischen Dekanats Hochtaunus.

Der Landrat lässt sich von den Ehrenamtlichen zeigen, was die insgesamt 220 freiwilligen Helfer leisten, die sich im gesamten Hochtaunuskreis engagieren. Er ist voll des Lobs. "Gerade in diesen schwierigen Zeiten zeigt sich wahrer Gemeinschaftssinn. Sie tun Ihr Bestes, um denen zu helfen, die aufgrund der Corona-Krise, des Ukraine-Krieges oder anderer Notfällen dringend Unterstützung benötigen", so der Landrat.

Die Nachfrage steigt und steigt

Die Krisen stellen die Tafeln aber auch vor neue, gewaltige Herausforderungen. Schon vor dem Krieg in der Ukraine hat das Haushaltsgeld bei vielen Menschen im Hochtaunuskreis nicht bis zum Monatsende gereicht. Und nun landen - wie überall - auch in den Briefkästen der bedürftigen Familien die Brandbriefe der Energieversorger oder die horrenden Jahresabrechnungen der Vermieter für die Nebenkosten .

Die Folge: "Es wird zunehmend schwieriger. Wir verzeichnen eine deutlich verstärkte Anfrage bei den Tafeln im Hochtaunus", sagt Krohmer. "Die Anzahl der Empfänger unserer Versorgungsliste ist leider begrenzt, weshalb wir einen Aufnahmestopp für bedürftige Menschen verhängen mussten." Der Grund: Die Zahl der die Tafel unterstützenden Lebensmittelgeschäfte bleibt konstant. Auch kann die Menge der von diesen bereitgestellten Lebensmittel nicht entsprechend dem steigenden Bedarf beliebig erhöht werden.

"Wir hatten immer schon eine Warteliste. Ob der Zulauf und die Nachfrage nun durch die Geflüchteten aus der Ukraine sprunghaft gestiegen ist oder durch die massiv steigenden Lebensmittelpreise, ist schwer zu sagen", sagte Maria Wighardt-Arnold von der Tafel Bad Homburg schon vor einiger Zeit dieser Zeitung.

Die Ehrenamtlichen werden also mehr denn je gebraucht - an der Essensausgabe, aber auch als Seelsorger. Sie freuen sich über die öffentliche Anerkennung durch den Landrat, obwohl sie normalerweise ihre Arbeit ohne viel Aufhebens erledigen. Auch die Klienten bleiben lieber im Verborgenen, denn die Scham der Menschen, die Unterstützung brauchen, ist groß. Arm zu sein unter den Reichen im Hochtaunus ist doppelt schwer. Viele schämen sich, wenn die meisten im Umfeld mehr verdienen als man selbst. "Umso größer ist die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen", heißt es von der Tafel.

Menschen in Not benötigten oft nicht nur Lebensmittel, sondern auch Zeit für ein Gespräch und ein offenes Ohr. Auch das leisten die Ehrenamtlichen, macht Helferin Rosemarie Steinkamp, die von Beginn an dabei ist, deutlich.

Auch ein Beitrag gegen Lebensmittelvergeudung

Zudem seien überschüssige Lebensmittel sinnvoll eingesetzt, denn diese seien in jedem Fall noch verzehrbar. "All diese Lebensmittel würden im Müll landen, wenn sie nicht von Tafel-Mitarbeitern abgeholt und an Menschen verteilt würden, die ohne diese Unterstützung nicht über die Runden kämen", erklärt Krebs.

Er machte auch deutlich, dass der Sozialhaushalt des Kreises das nicht alles leisten könne. Es sei eine Tatsache, dass auch im reichen Rhein-Main-Gebiet und im Hochtaunus viele Menschen leben, die mit ihren Einkommen nicht auskommen. Im Kreis stehen den etwa 330 Einkommensmillionären rund 15 000 Menschen gegenüber, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten - das sind rund sechs Prozent der Bevölkerung im Kreis, Tendenz steigend.

Wichtig sei es daher, dass die Unterstützer mit dem Kreis im Gespräch bleiben, betont Stefanie Limberg, die Leiterin des Diakonischen Werks, das die organisatorische Leitung der Tafeln übernommen hat. Vor allem dann, wenn sich die Situation, wie zu erwarten, in den kommenden Monaten durch Preiserhöhungen und Verteuerung der Energie weiter verschärfen werde.

"Wir werden eine Lösung finden." Darin ist sich der Landrat mit den Verantwortlichen der Tafel an diesem Tag einig. Tafel-Mitarbeiter Michael Euler kann sich vorstellen, weitere Kisten zu packen. "Platz und Waren sind vorhanden." Allerdings sind nicht nur Platz und Waren nötig, damit die Tafeln weiterhin helfen können. "Wir brauchen auch Spenden", sagt Krohmer. Für Benzin etwa, damit die Fahrzeuge, mit denen die rund 30 Fahrer Lebensmittel in den Märkten und Geschäften abholen und zu den Sortierstationen bringen, aber auch, um Energie wie Stromkosten für die Kühlanlagen zu finanzieren. Hilfe gibt es von Kommunen, Unternehmen, Serviceclubs, Kirchengemeinden und Stiftungen, aber auch von Privatpersonen. Der Landrat hat ebenfalls 300 Euro mitgebracht. Die Unterstützung wird auch dringend gebraucht. Die Lebenshaltungskosten seien zwar im Kreis ohnehin schon immer sehr hoch gewesen. Allein: Manche, die es bislang gerade so finanziell geschafft haben, stünden angesichts der aktuellen Krisen und des Krieges nun am Kipppunkt, heißt es von den Tafel-Betreibern. "Es rollt gewaltig etwas auf uns zu." Infos zur Tafel gibt es auf www.tafel-hochtaunus.de.

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