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Ein Diabetes-Patient testet seinen Blutzuckerspiegel. In Deutschland leiden derzeit mehr als 6 Millionen Menschen an der Krankheit.

Volkskrankheit

Zu viel Zucker im Blut: Warum Diabetes so gefährlich ist

Bei Diabetes bekommt der Begriff Zucker einen bitteren Beigeschmack. Die chronische Stoffwechselstörung führt schlecht eingestellt oder gar unbehandelt zu schweren Folgeerkrankungen. Dabei kann gezielt vorgebeugt werden, auch die Behandlungsmöglichkeiten sind heute besser als früher. Ärzte und Betroffene aus dem Taunus haben uns von ihren Erfahrungen erzählt.

Diabetes ist zu einer Art Volkskrankheit geworden. „Etwa 6,7 Millionen Menschen sind hierzulande aktuell an Diabetes erkrankt, jährlich kommen etwa 500 000 neu diagnostizierte Fälle dazu“, schreibt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in ihrem Gesundheitsbericht 2018.

Rund 95 Prozent der Menschen mit Diabetes haben den Typ 2. Die Tendenz ist steigend, auch weil unsere Gesellschaft immer älter wird und dieser Typ vor allem im fortgeschrittenen Alter auftritt. Allerdings wird auch bei Kindern und Jugendlichen eine Zunahme gesehen.

Im Gegensatz zum viel weniger verbreiteten Typ 1, bei dem das körpereigene Immunsystem die Zellen der Bauchspeicheldrüse und damit die Insulinproduktion zerstört, liegen die Ursachen beim Typ 2 woanders: „Für die Entstehung sind drei Faktoren von großer Bedeutung: Die erbliche Veranlagung, der Lebensstil mit Übergewicht und Bewegungsmangel sowie das Alter“, erklärt der Diabetologe Dr. Andreas Hamann, der zusammen mit Kollegen Praxen in Bad Nauheim und Usingen betreibt und im Facharztzentrum an den Hochtaunus Kliniken tätig ist.

An den Erbanlagen könne man nichts ändern, genauso wenig wie am Alterungsprozess, so Hamann. Die einzige Schraube, an der gedreht werden könne, sei der Lebensstil, sagt Hamann: „Ich muss also eventuell vorhandenes Übergewicht zumindest ein wenig reduzieren, mich ausgewogen ernähren und auf ausreichende körperliche Bewegung achten.“

Der Experte rät außerdem dazu, beim Hausarzt regelmäßig den Nüchternblutzuckerspiegel überprüfen zu lassen: „Beträgt dieser mindestens 100 mg/dl oder mehr, so ist das schon nicht mehr ganz normal und deutet auf ein erhöhtes Diabetesrisiko hin. Ab Werten über 126 mg/dl sprechen wir dann vom Diabetes.“

Das Tückische am Diabetes Typ 2 ist, dass die chronische Stoffwechselerkrankung lange keine Beschwerden macht. Die DDG schätzt, dass rund zwei Millionen Menschen nichts von ihrer Erkrankung wissen. Das treibt auch Sylvia Anton um. Selbst betroffen gehört sie seit 20 Jahren der Selbsthilfegruppe „Diabetikern helfen Diabetikern“ an und leitet seit 2012 die Gruppe Kronberg.

Sie ist überzeugt, dass „wenn hier in Bad Homburg auf dem Vorplatz des Kurhauses die Menschen spontan auf Diabetes überprüfen würden, dann wäre mindestens die Hälfte von ihnen betroffen.“ Viele hätten dann schon Folgeschäden, so Antons Sorge, denn ein nicht erkannter oder nicht ausreichend behandelter Diabetes wirkt zerstörerisch.

Zu der Erkrankung kommt es, wenn die Körperzellen immer schlechter auf das körpereigene Insulin ansprechen. Beim Gesunden sorgt das Hormon Insulin wie ein Schlüssel dafür, dass die Körperzellen sich für die aus der Nahrung stammenden Zuckermoleküle öffnen, um so mit lebenswichtiger Energie versorgt zu werden. Ist dieser Transport gestört, staut sich der Zucker in den Blutgefäßen und schädigt deren Innenwände und damit auch Nerven und zahlreiche Organe.

Folgeerkrankungen sind Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschwäche, Netzhautschäden im Auge mit drohender Erblindung und Nervenstörungen mit dauernden Schmerzen oder dem bekannten Diabetischen Fuß. Bei dem können sich wegen des schwächer werdenden Schmerzempfindens aus unbemerkten Wunden Geschwüre entwickeln. Im schlimmsten Fall droht Amputation.

Auch der Faktor Stress darf bei Prävention wie Therapie nicht vernachlässigt werden. Studie zeigen, dass Dauerstress, zum Beispiel im Beruf oder andere psychische Belastungen den Diabetes durchaus begünstigten können. Ein Grund ist, dass das Stresshormon Cortisol dem Insulin genau entgegen wirkt, denn Cortisol erhöht den Blutzuckerspiegel. Geschieht das permanent, dann gerät das System selbst in Schieflage mit der bereits erwähnten Folge, dass Körperzellen immer weniger auf das Insulin ansprechen.

Bei Lothar Brand, der die Selbsthilfegruppen „Diabetiker helfen Diabetikern“ Bad Homburg/Friedrichsdorf und Usinger Land leitet, hat das in doppelter Hinsicht erfahren. Damals war er in seinem kaufmännischen Beruf viel zu Kunden unterwegs, hat viel im Auto gesessen, hat einfach viel gearbeitet. So viel, dass „die Symptome von dem ganzen Stress im Beruf so überdeckt wurden, dass ich mir nichts dabei gedacht habe.“

Bis zu dem Tag als er nach dem Austreten im Freien plötzlich weiße Punkte auf seinen Schuhen entdeckte. „Das war der Zucker im Urin.“ Die schockierende Diagnose 1989: Hochgradiger Diabetes.

Stressen kann aber auch die Erkrankung selbst. Die Vorstellung chronisch krank zu sein belastet. Lothar Brand setzt diese Überzeugung dagegen: „Man muss den Diabetes lieben lernen, denn wenn man ihn hasst, dann rächt er sich“, nämlich mit schlechter werdenden Werten. Mit seinem Engagement in der Selbsthilfe, will er anderen dabei helfen, ihren Frieden mit der Erkrankung zu machen und die Konsequenzen so gut es geht zu meistern.

Bei Betroffenen, bei denen eine Veränderung im Lebensstil alleine keine Besserung bringt, müssen Medikamente unterstützen, zum Beispiel das seit vielen Jahren bewährte Medikament Metformin. „Reicht auch dass nicht mehr aus, kommen andere Medikamente zum Einsatz, gegebenenfalls auch Insulin. Es gibt inzwischen eine beträchtliche Zahl von guten, nebenwirkungsarmen Medikamenten und damit für jeden eine maßgeschneiderte Therapieoption“, urteilt Diabetologe Hamann.

Trotzdem haben viele von denen, die auf Medikamente oder Insulingaben angewiesen sind, eine permanente Angst vor Unterzucker (Hyperglykämie). Dabei sinkt der Blutzuckerwert durch ein Überangebot an Insulin bei gleichzeitig zu wenig Kohlenhydrat. Unbehandelt kann der Unterzucker, dessen Symptome unter anderem schneller Puls, kalter Schweiß, Zittern und Verwirrung sein können, einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen. Die Angst davor kann dazu führen, dass lieber ein erhöhter Blutzucker in Kauf genommen wird, mit den bekannten Folgeschäden.

Das zeigt, dass es neben einer guten medizinischen Betreuung auch auf das Mitwirken des Patienten ankommt. Hier gilt: Richtig handeln durch fundiertes Wissen: „Die Patienten sollten an einer strukturierten Diabetesschulung teilnehmen. Wir empfehlen auch die Einschreibung in ein Chronikerprogramm DMP Typ 2 Diabetes. Damit wird gewährleistet, dass der Patient einmal pro Quartal bei seinem Hausarzt oder Diabetologen den HbA1c überprüfen lässt.“

Diese speziellen Schulungen, die man sich alle zwei Jahre verordnen lassen kann und die Behandlungsprogramme, die auch von Selbsthilfevertretern ausdrücklich empfohlen werden, erhöhen die eigene Sicherheit und damit die Lebensqualität.

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