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?Allüberall im Lande . . .? baute man in den 1920er Jahren Kriegerdenkmale und reanimierte damit den Nationalstolz, auch in Usingen. Foto/Repro: Saltenberger

Volkstrauertag

Der Volkstrauertag hat für junge Menschen kaum noch eine Bedeutung

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  • Frank Saltenberger
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Der Volkstrauertag ist inzwischen ein fester Termin in den Kommunen. Seinen Sinn zu hinterfragen und an die eigentliche Bedeutung zu erinnern, ist wichtig – denn für viele Menschen der jungen Generation ist er genau das Gegenteil: unwichtig.

Der einstige Bundespräsident Joachim Gauck formulierte zum Volkstrauertag: „Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die ihr Leben verloren.“ Gedenktagen wird eine positive Nachwirkung zugeschrieben: Durch die Erinnerung an Schreckliches soll eine Wiederholung verhindert werden.

Die Realität der Gedenkfeiern erschüttert: Kaum junge Menschen sind bei den Feiern zu finden. Zu weit weg ist der Krieg, fehlende Betroffenheit oder schlichtes Desinteresse an der Geschichte macht sicher auch am Sonntag das Gedenken, überspitzt formuliert, zum Seniorentreffen.

Aber wie wichtig wäre die Aufwertung dieses Tages. Denn, wie Gauck weiter formulierte: „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Die Brandherde der Welt sind nicht weit, die Versöhnung mit anderen Völkern macht angesichts der Debatte um Asyl und Ausländer über zehn Prozent der Deutschen Probleme. Am Sonntag den Opfern von Gewalt zu gedenken, ist wichtig. Am Sonntag vor allem daran zu erinnern, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf, Hass und Ausgrenzung nicht mehr aufkommen dürfen, ist wichtiger. Der Volkstrauertag als Demonstration für Verständigung, mit viel Jungvolk, deren Zukunft vom Frieden abhängig ist.

Blick in die Geschichte

Nicht immer war der Volkstrauertag nur ein Anlass, Gewalt-Opfern zu gedenken. Im 1918er-Nachkriegsdeutschland wurde der Gefallenen des Krieges und der Gefallenen von Sedan und anderer Schauplätze des „Heldentods“ gleich mit gedacht. Ihr Tod musste einen für die Nachwelt dokumentierten Sinn bekommen, und dazu bot sich der langlebige Granit, Marmor und die Bronze auf Plätzen bestens an.

Namentlich in langen Listen bekam das Gedenken auch eine menschliche Komponente. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch „die Schmach von Versailles“ zitiert, wenn nach Ursachen für die Wiederholung des Schrecklichen und das Scheitern der Weimarer Republik gesucht wurde. Gerade heute, da Nationalpatriotismus wieder Konjunktur hat, zeigen die Geschehnisse, wie es gehen kann, wenn Gedenken instrumentalisiert wird.

Spenden-Aufruf

In Usingen gab es den Aufruf um Spenden für ein neues Kriegerdenkmal: „Und so drängt es die Überlebenden, einen Teil der Dankesschuld abzutragen und allüberall im deutschen Vaterlande wetteifern die Städte und Dörfer in dem Bestreben, das Andenken der Gefallenen in würdiger Weise den kommenden Generationen zu überliefern. Nun rüstet sich auch die Stadt Usingen, ihren Gefallenen eine würdige Ehrung zu erweisen.“ Der Spendenaufruf hatte Erfolg, und aus einem Wettbewerb ging der Wiesbadener Bildhauer Carl Wilhelm Bierbrauer mit seinem Entwurf als Sieger hervor. Das Leid des Krieges stellte er auf der Rückseite des Monuments zum Friedhof gewandt dar, wo auf einer kleinen Bildtafel ein sterbender Krieger dargestellt ist. Die Vorderseite zeigt Krieger, dazwischen die Namen.

Es wurde am 1. Juni 1924 eingeweiht. Auf einem geräumigen Vorplatz umgeben von einer Hainbuchenhecke konnte der Bürger verweilen, seinem Nationalstolz frönen, seine revanchistische Gesinnung nähren und an Gedenktagen mit Fahnen aufmarschieren. Wie es die Nationalsozialisten 1939 taten. Und so verkehrte sich das Gedenken in das Gegenteil dessen, was Inhalt des Volkstrauertages sein sollte.

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