Fenster-Serie

Wandeln und Verwandeln

Von der Antike bis heute – die Kunst, aus Glas leuchtende Fenster zu gestalten, kann im Taunus auf eine lange Geschichte zurückblicken. In einer Reihe von Beiträgen stellen wir die künstlerischen Höhepunkte vor: Eine Reise durch die Jahrhunderte, die heute in die Andachtsräume der Hochtaunus-Kliniken nach Bad Homburg und Usingen führt.

Von Christine Jung

Sie leuchten in verschiedenen Tönen, erheben sich in variierenden Lagen und erzeugen dabei einen abstrakten Zusammenklang: Die Fenster in den Kapellen der Hochtaunus-Kliniken erscheinen auf den ersten Blick wie Kompositionen, die frei von jeder Gegenständlichkeit zu sein scheinen. Und doch offenbaren sie bei näherem Hinsehen aus einem anderen Blickwinkel heraus einen weiteren Inhalt, sie lassen etwas Konkretes erkennen.

Was aber ist in diesen Farbfenstern zu entdecken? Was verbirgt sich in oder hinter diesen künstlerischen Verglasungen, die sich je nach Perspektive wandeln und verwandeln? Zum Vorschein kommen Gegenstände aus der unmittelbaren Umgebung, die hier als Teil der künstlerischen Gestaltung mal mehr oder weniger deutlich wahrgenommen werden können.

Künstler aus München

Geschaffen wurde dieses außergewöhnliche Raum- und Lichtkunstwerk im Jahre 2014 von zwei Künstlern aus München, die beide als Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste tätig sind. Die Rede ist von dem französischen Glasmaler Thierry Boissel und dem deutschen Bildhauer Daniel Bräg, die gemeinsam als Team das Konzept für die künstlerische Ausstattung der Kapellen entwickelten. Zusammen haben sie sowohl die Fenster als auch die Objekte im Raum gestaltet, die sich vieldeutig auf den Ort und die spezielle Situation in den Kliniken beziehen. Denn hier wie dort ist „Heilung“ das zentrale Thema, genauer gesagt sind es verschiedene Prozesse des Heilens, die in den Kapellen künstlerisch umgesetzt werden. Und zwar mit Hilfe von realen Utensilien aus der Klinik, von medizinischen Geräten, die an diesen Prozessen beteiligt sind.

Dazu gehören unter anderem Glasflaschen, Strohhalme und Trinkbecher, aber auch Reagenzgläser oder Beatmungsschläuche, die in die Gestaltung miteinbezogen wurden. Es sind profane Dinge aus dem Alltag einer Klinik, die in diesem Kontext eine andere Ästhetik, eine neue Sinnlichkeit und einen neuen Sinn erhalten. In diesen Zusammenhängen zeugen sie immer wieder von verschiedenen Stadien der Verwandlung, von neuen An- und Einsichten.

Mitunter erscheinen sie auch in vollkommen aufgelöster Form, unsichtbar miteinander verschmolzen, in den Objekten aus klarem Glas, den Kreuzzeichen oder Weihwasserbecken, die aus mehreren Schichten von zerkleinerten Restgläsern heiß verformt wurden. Dann wieder tauchen sie in fragmentarischer Gestalt auf, eingefügt in die aus Beton gegossenen Objekte, nur noch bruchstückhaft zu erkennen an den Oberflächen von Altar oder Lesepult, gleichsam wie Einlagerungen im Material, die mitunter an naturhaft verwachsene Formen, an Muscheln oder Fossilien, erinnern.

Überraschende Wirkung

Eine andere Form der Verwandlung offenbart sich in den Fenstern: Auch hier finden sich Instrumente der Heilung, die diesmal in vollkommener oder zerkleinerter Gestalt zwischen zwei Glasscheiben angeordnet sind. So sind sie auf der äußeren Seite als Gegenstände aus dem Krankenhaus zu erkennen.

Dies gilt vor allem für Usingen, da hier der Kapellenbau im Eingangsbereich über zwei Etagen hinweg rundum sichtbar ist. Mehrere transluzente Gegenstände sind in den Glasfenstern ausgestellt, die in dieser Situation zunächst überraschend wirken. Aber nur von außen betrachtet, auf der einen transparenten Seite, denn beim Betreten der Kapelle ändert sich mit dem Standortwechsel auch das Bild. Der Besucher findet sich wieder inmitten eines kreisrunden Raumes umschlossen von Mauerwerk, in den durch die hohen schmalen Fensteröffnungen farbig gedämpftes Licht in das Innere dringt: Lichtes oder luftiges Weiß, fließendes Blau, feuriges Rot oder sonniges Gelb – das sind unter anderem die elementaren Farben, in denen die monochrom bemalten Fenster auf unterschiedlichen Höhen, im wechselreichen Auf und Ab leuchten.

Dabei erscheinen sie alle in nuancenreichen Schattierungen, die von einem reichen Innenleben zeugen: Sie alle zeigen ein wechselvolles Licht- und Schattenspiel, in dem die Silhouetten vielfältig sich verdichtender Formen zum Vorschein kommen.

Verschiedene Umrisse zeichnen sich ab, immer wieder sind geradlinige Konturen oder runde, röhrenartige Formen zu sehen, aber auch splitterartige Fragmente, die hintergründig in vielfachen Schichtungen und Staffelungen auftauchen. Diese bilden variierende abstrakte Muster heraus, sie erscheinen mal in strenger konstruktiver Ordnung, aber auch im freien Neben- oder Miteinander.

Symbole der Heilung

Waren die profanen Gegenstände von außen noch deutlich zu sehen, so haben sie sich im sakralen Innenraum in etwas anderes, Abstraktes verwandelt. Alles hängt vom Standort des Betrachters ab, von seiner Sicht auf die Dinge, die hier aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden können – nicht nur als funktionale Gegenstände der Klinik, sondern auch als vieldeutige Symbole der Heilung. In diesem Sinne laden sie die Besucher der Andachtsräume zu immer neuen Betrachtungen ein.

Sie lassen ihnen hier, in dieser besonderen Situation inmitten der Klinik, viel Raum für andere Wahrnehmungen. Sie bieten ihnen an diesem besonderen Ort der Stille verschiedene Ein- oder Ausblicke und lassen dabei vieles in einem neuen, sich ständig wandelnden Licht erscheinen.

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