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Warum ein Baron das Wehrheimer Jagdhaus in seinen Memoiren würdigte

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Das von Arthur von Lüttwitz erbaute Jagdhaus auf einer historischen Aufnahme. Das idyllisch im Wald gelegene Anwesen existierte von 1867 bis 1927. Die dort von August Mouson vor fast 100 Jahren erbaute Jagdvilla ist heute dem Verfall preisgegeben. Langer Leerstand aufgrund juristischer Auseinandersetzungen hat dem repräsentativen Gebäude geschadet. REPRO: VELTE © Red

Ein Gedenkstein und ein Schranksekretär sind die einzigen Überbleibsel eines folgenreichen adeligen Gastspiels vor rund 150 Jahren in Wehrheim. Die Geschichte dahinter ist spannend.

Wehrheim. Die Geschichte der Wehrheimer Jagdhäuser beginnt vor 155 Jahren. Am 11. September 1867 erfolgt im Distrikt »Steinbügel« eine Grundsteinlegung, die von der Lokalzeitung als »frohes Fest auf der Lochmühle« gewürdigt wird. Nach den Plänen des damaligen Homburger Baurates Jacobi stellt Wehrheims Maurermeister Gregori das auf einer Grundfläche von 13 mal 11 Metern ruhende Gebäude innerhalb dreier Wochen in den Forstbezirk.

24 Jahre später wird »Das Hemd des Glücklichen« erscheinen, die Autobiografie des vormaligen Jagdpächters Arthur Maria Baron von Lüttwitz. Neben all den Reisebildern, Glaubensfragen und schicksalhaften Erlebnissen wird auch das über dem »Dörfchen Wehrheim« gelegene »kleine Jagdhaus mit breiter Veranda« nebst zugehörigem »Rosengarten« nicht vergessen. Es ist die »zweitbeste Jagd« im Taunus, die den aus Schlesien stammenden Freiherrn und passionierten Jäger angelockt hatte.

Das sorgenfreie Leben des Arthur Maria Baron von Lüttwitz

Frisch verheiratet, ist der ehemalige Eigner der galizischen Besitzungen Lodygowitz und Wilkowitz im Vorjahr nach Homburg gekommen. An seiner Seite ist die wohlhabende »Kreolin« Amélie Marquise de Peindray-d’Ampbell, der heutigen Insel La Réunion im Indischen Ozean entstammend, in Paris lebend und als »eifersüchtig« charakterisiert. Geld ist im Überfluss vorhanden, dem sorglosen Leben in Luxus und Zerstreuung wird gefrönt. Dass der Baron als Freund der Frauen auch im »Kleinen Paris« unterm Taunuskamm den Verlockungen kaum entfliehen kann, zwingt die misstrauische Ehefrau zum Handeln. Kurzerhand wird der Bau des einsam gelegenen Waldhauses in Auftrag gegeben und durchgeführt.

Arthur von Lüttwitz muss ein volkstümlicher Mensch ohne Standesdünkel gewesen sein. In seiner Lebensbeschreibung - ein 240 Seiten umfassendes und noch heute antiquarisch erhältliches Büchlein - kann man von der Abendglocke Wehrheims oder der »höchsten Poesie des Waldes« lesen, von »frischem Streuselkuchen« und »schwarzen Rosen aller Schattierungen«. Es sind unbeschwerte Tage des Jagd- und Eheglücks, schlagartig endend mit dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Sommer 1870 und der überstürzten Abreise der Adeligen nach Paris.

Am 4. Juli 1857 erblickt Sohn Georg-Peter in Wehrheim das Licht der Welt

Was der Hirschjäger, Schriftsteller (Pseudonym »Arthur Dein«) und spät zum katholischen Glauben Konvertierte in seinen Memoiren außen vor lässt, ist jedoch von besonderer Gewichtung und wirft ein neues Licht auf den schlesischen Erbherrn. Datiert er seine erste Bekanntschaft mit der Gemeinde Wehrheim auf das Jahr 1866, verschweigt der damals 37-Jährige eine frühere, durchaus folgenreiche Begegnung.

Bereits 1856 muss Arthur von Lüttwitz die älteste Tochter des in Stadttor-Nachbarschaft wohnenden Zimmermanns Johann Peter Lehr kennengelernt haben.

Mit Blick in das vom örtlichen Geschichtsverein erarbeitete Familienbuch kann von einem angeblich kinderlos gebliebenen Baron nicht mehr gesprochen werden. Am 4. Juni 1857 erblickt sein Sohn Georg Peter in der heutigen Wohnstatt Zum Stadttor 23 das Licht der Welt. Dort, im »Babereck«, wird seine Mutter, die Lüttwitz-Geliebte Elisabe-the Catharina Lehr - genannt »Lisette« - bis zu ihrem Tod im Jahre 1909 leben. Als »Höckerin« wandert sie über die Taunushöhen, um Milch und Eier nach Homburg und Umgebung zu liefern.

Nicht auszuschließen, dass der wohlhabende Edelmann die junge Frau erstmals auf den Straßen des Spielbank-Städtchens erblickt hat. Als er mit seiner kreolischen Ehefrau auf Hochzeitsreise in den Taunus kommt, ist sein in Wehrheim aufwachsender Sohn bereits neun Jahre alt.

Ein Schranksekretär überdauert die Jahrzehnte als stiller Zeuge

Nicht alleine das Familienbuch gibt Auskunft, auch die Gegenstände sprechen noch heute davon. Nach Aufgabe von Jagdpacht und -haus übereignet der Weltreisende einen Teil seines in Paris gefertigten Mobiliars der Wehrheimer Herzensfreundin. Gehörten ursprünglich ein Sofa mit rundem Tisch sowie mehrere Stühle zu der repräsentativen Möbelgabe, hat sich nach anderthalb Jahrhunderten nur noch ein in dunklem Holz glänzender Schranksekretär erhalten. Aufbewahrt wird das Erinnerungsstück in einem hiesigen Haushalt.

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Ein Überbleibsel: Baron von Lüttwitz hat den Schranksekretär seiner Geliebten Lisette Lehr hinterlassen. Heute gehört er zu einem Wehrheimer Haushalt. © Red

Dort wird noch heute von einem »lange andauernden Verhältnis« zwischen dem Adeligen und der Handwerkertochter - die übrigens in der Forstvilla als Haushälterin angestellt war - gesprochen. Kränklich sei die Marquise Amélie schon damals gewesen: Die Namensgeberin des Jagdhauses (»Melly-joie«) stirbt schließlich 1872 während einer Südeuropa-Fahrt in Bordeaux. Ein Verlust, der den Baron an seinem bisherigen Lebensentwurf zweifeln, der ihn Abschied von Wehrheims Wald und Wild nehmen lässt. Der jedoch nicht die Abkehr von der zeitlebens ledig bleibenden Lisette Lehr bedeutet.

Um die Zukunft seines Sohnes zu sichern, ermöglicht er die komplette Hausübernahme im »Babereck«. 1880/81 können beide Hälften des Wohngebäudes mit Lüttwitz-Geld erworben und im Familienbesitz gehalten werden.

Ein Gedenkstein als letzter Gruß des Barons an Wehrheim

Ein weiterer Hinweis auf die frühe Verbindung nach Wehrheim gibt Edgar C. A. Andreae in seiner 1894 veröffentlichten »Geschichte der Jagd im Taunus«. Hier wird die adelige Jagdpächter-Ära auf die Jahre 1857 bis 1876 datiert. Gelobt wird neben dem »tüchtigen Waidmann« auch das Jagdschlösschen in »reizender Lage« mitsamt »hübschen Räumlichkeiten«.

Bis heute hat nahe des Hauses ein Gedenkstein überdauert: »Hier war das Glück« ist des Barons letzter Gruß. Erhalten hat sich zudem ein dunkler Schreibschrank Pariser Machart, der noch immer von gesellschaftlichen Hürden, stiller Leidenschaft und freier Herzensbildung erzählt.

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