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Ein bisschen Wehmut schwingt bei Christian Allendörfer mit, als er Abschied von ?seinen? Kühen nimmt.

Wiesenhof

Sag zum Abschied leise Muhh

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Landwirte müssen sich Nischen suchen, wenn sie überleben und weiterhin ein Einkommen haben möchten, von dem sie und ihre Familie leben können. Der Wilhelmshof stellt in Kürze auf Pensionspferde um. Schon jetzt hat die letzte Kuh – zumindest den großen – Stall verlassen. Milch gibt’s auf dem Hof weiterhin, denn ein paar Milchtiere dürfen bleiben.

Kreta lässt sich ein letztes Mal von der Wellnessbürste für Kühe schubbern, dann geht’s ab zur Melkanlage – ebenfalls ein letztes Mal. Auf dem Wilhelmshof herrscht gedrückte Stimmung, als 32 Kühe den Stall für immer verlassen. „Ein paar behalten wird noch“, verrät Günter Allendörfer. Kunden können also auch weiterhin frische Milch holen, denn auch die Familie selbst möchte nicht darauf verzichten. Seniorchef Günter Allendörfer wird weiter melken können – und zwar so wie er als Zehnjähriger gelernt hat – mit der Hand.

Eine Tätigkeit, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Mit zehn Jahren hat er auf dem elterlichen Hof, im Stammhaus der Veltes in der Gartenstraße schon die fünf Kühe gemolken, die damals dort gehalten wurden. Mitte Oktober wird er 80 – eine lange Zeit.

Etwas Wehmut ist schon dabei, als Maya, Ferara, Ähre und ihre Artgenossinnen den Stall eine nach der anderen verlassen und Richtung Belgien fahren. „In Deutschland waren sie nicht zu verkaufen.“ Wer bindet sich in dieser trockenen Zeit schon weitere Kühe ans Bein, wenn er kein Futter für die eigenen hat . . .?

Die Wehmut hält sich bei den Allendörfers jedoch in Grenzen, denn ihr Milchvieh- und Rinderzuchtbetrieb hätte ohne größere Investitionen in dieser Form kaum eine Zukunft gehabt. „Das ist für einen allein nicht zu stemmen und Arbeitskräfte sind hier nicht zu kriegen“, erklärt Günter Allendörfer, der weiß, dass er seinen Sohn Christian nicht mehr lange in der Form wie bisher unterstützen kann. Er ist froh, mit ihm wie berichtet mit der Pensionspferdehaltung auf dem Wilhelmshof etwas neues aufzubauen.

So, wie er Mitte der 1960er Jahre den Mut hatte, zusammen mit seiner Mutter auf den Anspacher Berg auszusiedeln, nachdem die Brüder den Stammhof in der Gartenstraße übernommen hatten. „Es ist schön, wenn man sieht, dass es weitergeht.“ Darüber denkt der 79-Jährige auch immer dann, wenn er bei dem fast zweijährigen Sohn von Tochter Monika Enkeldienst hat. Und der dann total glücklich ist, wenn er einen Trecker oder die Kälbchen sieht, die nach dem Wegzug der Kühe noch in den Boxen stehen.

Mit dem Auszug der Kühe aus dem Wilhelmshof hat ein weiterer Milchviehbetrieb in der Region aufgegeben. Im Hochtaunus gab es laut einer Pressemitteilung des Kreises im August noch zwölf landwirtschaftliche Betriebe, die regional melken. In Wehrheim gibt es jetzt nur noch einen: Den Oranienhof von Frank Hammen und seiner Frau Carmen Velte-Hammen.

Um die Jahrtausendwende gab es noch sieben Milchviehbetriebe in Wehrheim, deren Kühe 1,7 Millionen Liter Milch im Jahr geben, erklärt Hammen damals, selbst mit 90 Tieren, die er auch heute noch hat, dabei.

Von den damals noch 50 landwirtschaftlichen Betrieben existieren heute noch etwa 30 – meist im Nebenerwerb, meint Hammen. „Obwohl im Taunus das Milchvieh eigentlich am richtigen Platz wäre“, und sowohl Wehrheim als auch die gesamte Region des Hintertaunus früher von der Landwirtschaft geprägt waren.

Bauern müssen sich also Nischen suchen, in denen sie mit ihren Familien überleben können. Nostalgisch im Gewesenen verhaften hilft da wenig, die Arbeit in der Landwirtschaft war indes schon immer schwer.

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