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Rainer Velte (rechts) und seine Kinder Sophie und Eric (v.l.) mussten für die Hühner an neuer Stelle einen neuen Zaun aufstellen.

Wehrheimer Hühner sind Anwohnern ein Dorn im Auge

Bauaufsicht ordnet Umzug an

  • vonGerrit Mai
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Die Hennen von Rainer Velte müssen die Wiese an der Anspacher Straße nach zehn Jahren verlassen. Der Züchter will keinen Ärger und hat bereits ein Ausweich-Areal gefunden.

Nachbarn klagen gegen Glockengeläut, das Muhen der Kühe und rümpfen die Nase, wenn der Bauer seine Güllegrube leert. Dinge, die auf dem Land zum Alltag gehören, zur "Idylle", die viele aufs Land zieht. Jetzt ist diese Beschwerde-Welle auch im Apfeldorf angekommen.

Die Legehennen, die seit rund zehn Jahren in der Anspacher Straße kurz hinter der Kreuzung mit der Oranienstraße und dem Langwiesenweg gackern und das Gras aufpicken, sind Anwohnern ein Dorn im Auge.

Wer genau hinter dem Schreiben steckt, das Rainer Velte vom Ordnungsamt Wehrheim im August erhalten hat, ist ihm nicht bekannt. Nur so viel: Die Aufforderung, dass die Hühner bis zum 30. September ihren angestammten Platz verlassen, kam von der Bauaufsicht des Hochtaunuskreises und wurde mit diesem Schreiben an ihn weitergeleitet.

Für Velte ist nicht klar, ob es das Gegacker oder die Landluft waren, die gestört haben, aber die kurze Frist, um das Federvieh an einen anderen Platz zu bringen, ärgert den 47-Jährigen, der zudem ein Unternehmen für Dienstleistungen rund um den Garten betreibt, am meisten.

Einen Hahn gibt es nicht

Einen Hahn, der die Anwohner mit seinem Krähen in aller Herrgottsfrüh aus den Federn werfen könnte, gibt es nicht, darauf hat der Hühnerhalter geachtet. "Ich war gegenüber den Anwohnern immer kompromissbereit." Velte fragt sich bis heute, wer genau hinter diesen Beschwerden steckt. Zumal sich diese Eier von sichtbar frei laufenden Hühnern verkaufen wie "geschnitten Brot".

"Menschen wollen das Tierwohl stärken, aber wohl nicht vor der eigenen Haustür", bedauert Velte. Was gebe es Besseres als die Hühner, deren Eier in die Pfanne kommen, selbst beobachten zu können.

Der Hühnerhalter erinnert an die Vorschrift, dass Hühner bei Freilandhaltung eine Auslaufmöglichkeit von vier Quadratmetern haben müssen. Aber im frischen Gras wie seine Hühner, können die meist nicht picken. Auf der großen Fläche hält Velte etwa 230 Hühner, und er hat schon die Zahl der Schutzhütten von dreien auf eine reduziert.

Menschlich unverständlich

Eine Fristverlängerung wenigstens bis zum Jahresende sei nicht zu erreichen gewesen. "Dass das jetzt so Schlag auf Schlag kam, kann ich nicht verstehen." Er weiß, dass die in dem Schreiben genannten Gründe rechtlich kaum antastbar sind, aber menschlich sind sie für ihn umso unverständlicher. Neben der Lärm- und Geruchsbelästigung werde darauf verwiesen, dass das Grundstück nicht zur landwirtschaftlichen Nutzung ausgewiesen sei. Dass sein Federvieh auf dieser Wiese bereits seit zehn Jahren gackert und scharrt, macht für ihn das plötzliche Verbot umso unverständlicher. Da hier vorher über viele Jahre Pferde geweidet haben, könnte auch ein Gewohnheitsrecht vorliegen, aber das möchte Rainer Velte nicht gerichtlich prüfen lassen. "Ich möchte in Ruhe arbeiten können." Das ist dem Wehrheimer, dessen Familie über Generationen das Gasthaus "Zum Taunus" betrieben hat, ganz wichtig.

In den sozialen Medien haben sich Anwohner gemeldet, die bisher noch keinen lästigen Geruch oder Lärm festgestellt haben, und andere, die ohne diese Probleme selbst Hühner halten. Das Bedauern und der Ärger über den erzwungenen Umzug ist dort groß und der Tenor der Aussagen ist das Unverständnis für Menschen, die aufs Land ziehen, und sich gegen ländliche Bedingungen auflehnen. Es wird zudem vermutet, dass das Grundstück bebaut werden soll. Dass sei jedoch nicht der Fall, antwortet die Erste Beigeordnete Susanne Odenweller als Urlaubsvertretung für Bürgermeister Gregor Sommer (beide CDU), auf Nachfrage dieser Zeitung. Das Areal sei zu feucht für Wohnbebauung.

Eigenes Grundstück

Dass das Grundstück nicht ihm gehört, sondern gepachtet ist, ist ein weiterer Grund für Rainer Velte, sich nicht gegen den Umzug zu stellen. Das neue Areal nur ein paar Meter weiter am Ortsausgang nach Anspach, links der scharfen Rechtskurve ist insgesamt rund 7000 Quadratmeter groß und gehört der Familie. Hier dürfen die Hühner in immer wieder neu abgetrennten Flächen frei laufen.

Velte hat zusammen mit seinen Kindern, der 18-jährigen Sophie und dem 8-jährigen Eric das neue Gelände abgetrennt und eingezäunt, damit die Hennen hier samt ihren fahrbaren Häusern einziehen können. Den Stellplatz des Unterschlupfs platziert Velte am angrenzenden Feldweg, weil dort eine Hecke den Hühnern Schutz bietet. Vor Wind und Wetter, aber auch vor Füchsen, die an dieser Stelle eine größere Gefahr darstellen als an der mehr befahrenen und begangenen früheren Stelle. Auch vor Raubvögeln sind die Hühner weiter vom Ort entfernt nicht ganz sicher.

Für ihren Besitzer war der Umzug und der ihm vorangegangene Schriftverkehr mit einigem Aufwand verbunden, den er sich gerne erspart hätte. Gerrit Mai

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