Die Freunde historischer Landmaschinen zeigen, wie viel Handarbeit nötig ist, um aus einem Sack mit Äpfeln leckeren Most zu keltern.
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Die Freunde historischer Landmaschinen zeigen, wie viel Handarbeit nötig ist, um aus einem Sack mit Äpfeln leckeren Most zu keltern.

Frischer Most nach schwerer Handarbeit

Beim Wehrheimer Erntedankmarkt gibt's leckeren Saft und viel anderes Selbstgemachtes

  • VonGerrit Mai
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Wehrheim -Genau in dem Moment, als Norbert Hartmann, stellvertretender Vorsitzender der Landjugend, Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) und Pfarrer Matthias Laux den Erntedankmarkt eröffneten, lugte die Sonne durch die Wolken. Sie verschwand zwar gleich wieder, aber sie nahm auch den Regen mit, denn im Verlauf des Nachmittags tröpfelte es nur noch ab und an aus den dunklen Wolken.

Das störte die gute Laune der Marktbesucher keineswegs. "Hauptsache, wir können überhaupt rausgehen", fand Sigrid Schorten. Das zwar Corona-konform und mit Abstand, aber ansonsten relativ locker.

Landjugendmitglieder hatten den Marktplatz mit Kürbissen, Kartoffeln, Äpfeln und Brot geschmückt, und im Laufe des Tages schlenderte eine ganze Reihe von Besuchern an den Ständen vorbei, um die oft selbst gemachten Angebote zu genießen und zu kaufen. Bei Kristin Wernicke etwa. Sie setzt auf Personalisiertes und Selbstgemachtes. Ob Grußkarten, Geschenkverpackungen, Kochlöffel, Untersetzer, Schneidebretter, Stiftehalter, Taschen und Schürzen - alles kann sie individuell auf den Käufer abstimmen.

Kinder lieben das Karussell

Die Kinder bevorzugten das Karussell, aber von Groß und Klein gleichermaßen belagert war der Stand der Freunde historischer Landmaschinen. Von hier zog ein angenehmer Duft nach frischen Äpfeln bis hin zu den anderen Marktständen. Die Mitglieder arbeiteten sogar am Sonntag hart daran, die in Säcken mitgebrachten Äpfel zu waschen, zu häckseln und zu keltern. Das Ergebnis durften die Besucher als erfrischenden Most genießen. Schwere Handarbeit, wie sie noch vor 50 Jahren üblich war, um aus Äpfeln Saft und nach langer Gärzeit das beliebte hessische Stöffche zu kreieren. "Es ist schön, dass die Kinder sehen können, wie das früher gemacht wurde", meinte ein Besucher.

Setzen durften sich die Gäste zwar nicht, aber frisch geröstete Kartoffelchips, Crêpes, Bratwurst und auch Kuchen ließen sich gut im Gehen aus der Hand essen. Für viele war dieser Markt ein Zeichen dafür, dass es nach langer Zeit starker Einschränkungen aufwärts geht - und gleichzeitig eine Hoffnung, dass in der Adventszeit Weihnachtsmärkte stattfinden. Wehrheim jedenfalls habe seinen geplant, versicherte der Bürgermeister.

Beim Erntedankmarkt ging es aber nicht nur um die Freude, andere zu treffen. Diese alte Tradition hat einen Hintergrund, der für die Altvorderen, in einer Zeit, als nicht jedes Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit im Supermarkt-Regal lag, am Herzen lag: Der Dank an Gott. Daran erinnerte Norbert Hartmann bei der Eröffnung. Er wies darauf hin, wie eng Mensch und Natur verknüpft sind, wie überlebenswichtig eine gute Ernte früher war und es für viele heute noch ist. "Wir sollten dankbar dafür sein, denn eine warme Mahlzeit ist nicht für alle selbstverständlich."

Nur eine Erde und eine Natur

Den Blick auf Menschen, denen das Nötigste zum Überleben fehlt, hatten zuvor Pfarrer Matthias Laux und Norbert Hilligen vom Pfarrgemeinderat im eng mit dem Erntedankmarkt verbundenen ökumenischen Gottesdienst gelegt. "Wir haben nur eine Erde und eine Natur und sollten damit so umgehen, dass auch unsere Nachkommen davon leben können", stellte Hilligen fest.

Der Pfarrer sieht die Schöpfung als Leihgabe Gottes, aus deren Fülle die Menschen hierzulande gut leben. Gott wünsche sich indes Solidarität mit denen, die weniger haben. Das könne sich in bewusstem Konsum ausdrücken. "Wir entscheiden, was wir kaufen." Erntedank sei eine Gelegenheit, den Konsum zu hinterfragen und die ganze Welt in den Blick zu nehmen. Die Minenarbeiter im Kongo, die unter menschenunwürdigen Bedingungen Kobalt für Elektroautos fördern, die Frauen in Guatemala, die von ihrem Lohn für die Kaffeeernte ihre Familie nicht ernähren können, oder die Bauern in Wehrheim, die für ihre Produkte ebenfalls nicht immer gerecht bezahlt werden. Am Stand vom Weltladen konnten die Marktbesucher den Geschmack des fairen Handels an Ort und Stelle überprüfen, und gleich nebenan gab's frische Landeier. von Gerrit Mai

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