Die Bürgermeister Ernst Diehl (sitzend, von links), Dr. Armin Klein, Ottomar Hiller sowie die Beigeordneten Karl Sattler (stehend, von links), Ernst Paesler und Heinz Schmidt beim Unterzeichnen des Vertrages zwischen Bad Homburg und Obernhain, der dann aber doch nicht zustande kam.
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Die Bürgermeister Ernst Diehl (sitzend, von links), Dr. Armin Klein, Ottomar Hiller sowie die Beigeordneten Karl Sattler (stehend, von links), Ernst Paesler und Heinz Schmidt beim Unterzeichnen des Vertrages zwischen Bad Homburg und Obernhain, der dann aber doch nicht zustande kam.

Obernhainer wollten lieber Bad Homburger sein

Bürger in Obernhain kämpften einst gegen die Eingemeindung zu Wehrheim

  • VonGerrit Mai
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Die Erlaubnis von Landrat Dr. Rudolf Thierbach hatten sie schon in der Tasche. Im Oktober 1971 unterzeichneten die Bürgermeister Dr. Armin Klein (Bad Homburg), Ottomar Hiller (Dornholzhausen) und Ernst Diehl (Obernhain) einen Vertrag, demzufolge Obernhain im Zuge der Gebietsreform in die Kurstadt eingegliedert werden sollte. Dem vorausgegangen waren zähe und langwierige Auseinandersetzungen mit dem Kreis Usingen, der aber letztlich die Erlaubnis erteilte.

Doch dann kam trotzdem alles ganz anders: Obernhain - heute von den Bürgern noch scherzhaft "Wehrheim de luxe" genannt - durfte keine Champagnerluft schnuppern, musste sich dem Druck des Landes Hessen beugen und sich mit der Eingemeindung ins schnöde Dorf Wehrheim abfinden. Das geschah per Vertrag mit dem 1. August 1972, während die Pfaffenwiesbacher und Friedrichsthaler bereits zum 1. Januar 1972 Teil Wehrheims waren. Bürgermeister war zu dieser Zeit Richard Wagner (SPD).

Für viele Obernhainer war es seinerzeit sonnenklar, dass sie zu Bad Homburg gehörten. Schließlich gab es bis zur Saalburg früher sogar eine Straßenbahn, und der gelbe Postbus - gefahren von dem Obernhainer Erich Keller - stellte die tägliche Verbindung her. Diese sei damals viel besser gewesen als nach Wehrheim, erinnert sich der 88-jährige Heinz Marx. "Zum Bahnhof nach Wehrheim mussten wir erst laufen."

Was heute scherzhaft ab und an Thema ist, war vor 50 Jahren harte Realität, denn ohne Widerspruch wollten die Obernhainer ihre Visionen nicht aufgeben. Sie zeigten ihren Unmut, indem sie am Ortseingang ein Schild mit den Worten "Freistaat Obernhain" aufstellten. Die Tafel in Richtung Wehrheim trug die Worte "Achtung: Ende des Demokratischen Sektors". Doch letztlich hat aller Protest nichts genützt, das Land Hessen hat sich durchgesetzt, und Obernhain wurde Ortsteil Wehrheims.

Verständnis für den Unmut

CDU-Gemeindevertreter Walter Bender zeigte Verständnis für den Unmut. In der Sitzung vom 27. März 1972 bedauerte er, dass die beteiligten Gemeinden keinen direkten Einfluss auf die Neugründungen hätten. Das Selbstbestimmungsrecht der Obernhainer sei nicht beachtet worden, und seine Fraktion enthalte sich daher der Stimme. Die SPD hingegen betonte, dass der Modellplan den Vorstellungen ihrer Partei entspreche, weil er den strukturellen Gegebenheiten Rechnung trage. So erfolgte die Zustimmung mit vier Enthaltungen.

Die Obernhainer Gemeindevertreter hatten schon am 17. Februar 1972 die Pläne laut Protokoll einstimmig mit der Begründung abgelehnt, "dass unsere Gemeinde nicht Wehrheim, sondern Bad Homburg zugeordnet wird". Was sich genau zugetragen hat, darüber gibt es weder im Archiv der Gemeinde Wehrheim noch in dem des Hochtaunuskreises Unterlagen.

Richtige Zwangseingliederungen hingegen gab es erst in späteren Jahren, wenn die Kommunen sich überhaupt nicht einigen konnten. Ein Grenzveränderungsvertrag mit der Eingliederung als Inhalt, wie es ihn mit Pfaffenwiesbach und Friedrichsthal gibt, findet sich jedoch auch nicht.

Konditionen ausgehandelt

Es ist nicht bekannt, welche Konditionen die Dörfer aushandelten, Fakt ist, dass auch die Obernhainer mit der Saalburghalle einen Treffpunkt für Sport, Versammlungen und Feiern bekamen. Sie entstand, wo zuvor die 1930 gebaute und inzwischen marode Turnhalle des TVO gestanden hatte.

Wie für die anderen gab es wohl auch für Obernhain die Zusicherung, dass die Freiwillige Feuerwehr im Dorf bleibt, so lange sie möchte, und auch hier gab es im Laufe der Zeit ein neues Feuerwehrgerätehaus. Der Ortsbeirat ist das Gremium, das die Wünsche der Ortsteile in den Gemeindevorstand bringt, und von Benachteiligungen ist heute kaum die Rede. Die Gebietsreform, die so anders ausgegangen ist, als einige es sich erhofft hatten, ist nur noch selten ein Thema. Darüber, dass Obernhain der Kurstadt angehören wollte, wird lediglich hin und wieder gefrotzelt. Auch darüber, dass der Ortsteil seit dem Bau der Umgehungsstraße die längste Sackgasse des Kreises ist, nachdem die Durchfahrt zur Saalburg gesperrt wurde. Als Relikt aus alter Zeit nennt sich der Ortsteil gerne "Wehrheim de luxe", was die Bewohner des Hauptortes leicht schmunzelnd registrieren. Als Stefanie Schmidt im Jahr 2007 erste Apfelblütenkönigin des Ortsteils wurde, war Obernhain für ein Jahr stolzes Königinnenreich. Auch das taten die Bürger mittels Infotafel kund. Dass der Name der Gesamtgemeinde Wehrheim sein sollte, stand im Übrigen nie zur Diskussion. von Gerrit Mai

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