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Das Bargeld muss zur Bank

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Von: Anja Petter

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Hannelore Gal (links) und Gerlinde Grün haben kein Verständnis dafür, dass die Raiffeisen-Bank ihre Filiale in Wehrheim schließt.
Hannelore Gal (links) und Gerlinde Grün haben kein Verständnis dafür, dass die Raiffeisen-Bank ihre Filiale in Wehrheim schließt. © pet

Weltladen und TSG klagen über RaiBa-Schließung - Wo bleibt die Genossenschaftsidee?

Wehrheim -Die für Ende des Monats angekündigte Schließung der Raiffeisen-Bank („Meine Bank“, RaiBa) in der Wehrheimer Ortsmitte hat bereits viele Geschäftskunden und den Gewerbeverein der Gemeinde aufgeschreckt. Es sind aber nicht nur „die Großen“ von den Plänen des Kreditinstitutes betroffen, sondern auch „die Kleinen“ - wie der Weltladen - und die Vereine - wie die TSG.

„Für Vereine, die dort ihr Konto haben, ist die Schließung eine Katastrophe“, sagt Gerrit Mai, die den Weltladen seit 2019 leitet und Vorsitzende des das Geschäft tragenden Weltladen-Vereins ist.

Das größte Problem sei, dass die Einnahmen aus dem Laden nicht mehr bar eingezahlt werden können. „Sollen unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen jetzt manchmal mehrere hundert Euro unters Kopfkissen legen?“, fragt sie. Und müssten die Besucher des Weihnachtsmarktes ihre Wurst nun mit der Karte bezahlen, weil der Verein seinen Erlös nicht mehr einzahlen kann?

„Von einer Bank, die einst von Bürgern (Bauern) für Bürger gegründet wurde, hätte ich etwas anderes erwartet“, sagt Mai und berichtet, dass sich der Weltladen für einen Wechsel zur Nassauischen Sparkasse (Naspa) entschlossen hat, was aber mit vielen ehrenamtlichen Stunden verbunden sei. „Ein Aufwand, der im schon schwierigen Alltag für die Verantwortlichen von Vereinen kaum zu leisten ist“, sagt Mai.

Ihre Kolleginnen, Stellvertreterin Hannelore Gal und Mitarbeiterin Gerlinde Grün, können das bestätigen. Gerade hat Gal den Wechsel perfekt gemacht. „Das war sehr viel Arbeit“, berichtet sie von einem 40-seitigen Formularpaket, in das sie sich habe einarbeiten müssen. Die Stunden bei der Bank und die Zeit für das Einrichten der App seien dabei noch gar nicht berücksichtigt. Vor allem als Geschäftskunde seien viele Formalitäten zu durchlaufen, hat Gal die Erfahrung gemacht.

Keine Alternative

Eine Alternative dazu gab es nicht. „Die meisten Kunden bezahlen bar, und wir müssen das Geld ja anschließend in Wehrheim einzahlen können“, sagen Gal und Grün, und nennen auch noch den Wochen-, den Oster- und den Weihnachtsmarkt, an denen sich der Weltladen beteiligt und wo nur Bares zählt. Es sei den ehrenamtlichen Kräften nicht zuzumuten, immer nach Frankfurt zu fahren. Denn nur noch dort bietet die Raiffeisen-Bank die Möglichkeit der Bareinzahlung - im Hochtaunuskreis gar nicht mehr, wie eine Nachfrage ergab.

Außerdem kostet die Schließung den Weltladen Geld. So waren die Kontoführung, die Karten und die Bareinzahlungen bei der Raiffeisen-Bank kostenfrei. Lediglich für die Zusendung der Kontoauszüge per Post war eine Gebühr fällig, so dass im Jahr nur etwa 12 Euro zusammengekommen sind. Anders sieht dies bei der Naspa aus. Hier sind im Jahr 30 Euro für die Kontoführung, 48 Euro für die Karten und pro Bareinzahlung 1,50 Euro zu zahlen.

Geld, das den sozialen Hilfsprojekten, die der Weltladen durch den Verkauf fair gehandelter Produkte unterstützt, verloren geht.

Bekanntlich hilft der rein gemeinnützige Verein den Menschen der Partnerkirche CEBA in Lubumbashi (Kongo). Gal sieht es wie Mai, wenn sie sagt: „Bei der Raiffeisen-Bank handelt es sich um eine Genossenschaftsbank, die von Landwirten und kleinen Geschäftsleuten gegründet wurde.“

Es sei regelrecht „asozial“, dass diese jetzt die kleinen Leute im Stich lasse. „Es ist ein Widersinn, wenn eine Genossenschaftsbank zur Direktbank wird“, finden Gal und Grün.

Die Schließung ist aber auch für die Wehrheimer Vereine ein großes Problem, wie Thomas Wagner, Vorsitzender der TSG, aus Gesprächen weiß. Von den elf Abteilungen innerhalb seines Vereins hätten vier ein Konto bei der Raiffeisen-Bank, die anderen bei der Naspa. Zwar seien alles TSG-Konten, aber die Abteilungen verwalteten ihre Kassen selbst, erklärt der Vereinschef.

Schwierige Abwicklung

„Logistik und Abwicklung sind künftig schwierig“, sagt er, und nennt dabei in erster Linie Aktivitäten und Feste wie das Beach-Turnier, bei dem die TSG am Ende des Tages einen fünfstelligen Betrag in der Kasse hat. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt Wagner, und denkt außerdem an den Auftritt der Rodgau Monotones. Hier habe der Verein seinerzeit 20 000 Euro eingenommen und das Geld dann natürlich sofort in den Nacht-Tresor eingeschlossen. Das wäre dann künftig nicht mehr möglich.

„Für den Kassierer oder eine Privatperson ist das dann schwer.“ Außerdem benötigten Vereine bei Veranstaltungen Wechselgeld in Münzen. Das müsste dann künftig immer bestellt werden, denn auch einen Geldautomaten gibt es nicht mehr. Das betreffe natürlich auch andere Vereine, die große Veranstaltungen ausrichten, wie die Feuerwehr oder die Limes-Krätscher.

Und schließlich hat die Raiffeisenbank die Vereinskonten kostenlos geführt. „Das war schon gut“, findet Wagner. Trotzdem seien die bei der TSG betroffenen Abteilungen noch nicht zu einer anderen Bank gewechselt, sagt er, und kündigt ein Treffen mit anderen Vereinen an, bei dem man sich austauschen will. Wagner teilt seine Meinung mit den Vertreterinnen des Weltladens. „Die Raiffeisen-Bank basiert auf der Genossenschaftsidee, und deshalb trägt sie eine besondere Verantwortung“, findet der Wehrheimer. „Älteren Menschen, die Online-Banking nicht nutzen, hilft künftig niemand mehr.“ VON AJA PETTER

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