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Die meisten wollen zu Hause sterben dürfen

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Von: Christina Jung

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Sabine Nagel ist Leiterin der Fachstelle vom Bad Homburger Hospiz-Dienst und fachlich versiert.
Sabine Nagel ist Leiterin der Fachstelle vom Bad Homburger Hospiz-Dienst und fachlich versiert. © CHRISTINA JUNG

Wie begleitet man einen mit dem Tod ringenden Menschen richtig? Ein Kurs klärt auf.

„Übers Sterben zu reden hat noch niemanden umgebracht.“ Dieser markante Spruch ist auf einer Tasche zu finden, die im Schaukasten des Mehrgenerationenhauses ausgestellt ist. Hier hat an zwei Abenden ein Kurs zum Thema „Letzte Hilfe“ stattgefunden. Die Kursleiterin Sabine Nagel vermittelte rund einem Dutzend Teilnehmer alles Wichtige zum Umgang mit Sterbenden. Aufgeteilt war der Kurs in zwei Module. „Sterben als Teil des Lebens und Vorsorgen und Entscheiden“ als das erste, „Leiden lindern und Abschied nehmen“ das zweite.

Die Beweggründe, am Seminar teilzunehmen, waren vielfältig. Eine Teilnehmerin möchte vorbereitet sein, wenn die Eltern noch kränker werden. Eine andere trauert noch um ein Enkelkind, welches nur fünf Tage alt werden durfte. Eine dritte möchte sich informieren, weil sie in einer Pflegeeinrichtung arbeitet.

Das Wichtigste ist es, da zu sein

Die Kursleiterin plaudert aus dem Nähkästchen. In einer Großfamilie aufgewachsen, gehörte der Tod fast schon normal zum täglichen Leben dazu. Da wurde niemand ausgegrenzt oder ins Krankenhaus gebracht. Der Tod war ein Teil des Lebens. Das ist er natürlich heute auch noch, aber er wird gerne, weil ein unangenehmes Thema, beiseitegeschoben.

Dabei ist es für viele, die mit dem Tod ringen, ein besonderer Wunsch, „zu Hause sterben zu dürfen“. In der gewohnten Umgebung, bei den vertrauten Menschen und mit bekannten Gerüchen. Nagel erläutert, wie man einem Sterbenden begegnen soll. „Da sein“, so der einfache Satz, der aber viele Schwierigkeiten in sich birgt. Denn für die Außenstehenden ist es oftmals schwer auszuhalten, einfach nur „da zu sein“.

Sie möchten gerne helfen, etwas tun, aktiv werden. Dabei wird mit dem Ende des Lebens auch das Bedürfnis nach vielen Dingen geringer bis quasi nicht existent. Sterbende essen und trinken nicht mehr viel. Da kann, wenn es oral nicht mehr funktioniert, eine Magensonde helfen oder eine intravenöse Versorgung. Der sterbende Mensch erscheint manchmal verwirrt, leidet unter Depressionen und ist nicht mehr sehr mitteilsam. „Die Verwirrung erscheint dem Außenstehenden oft so, als ob er Wahnvorstellungen hat“, erklärt Nagel, „aber es handelt sich vielfach lediglich um Erinnerungen, die aus einem Teil des Lebens stammen, welches der Angehörige wahrscheinlich nicht kennt.“

Depressionen müssten nicht mehr behandelt werden, und auch auf Medikamente gegen zu hohen Blutdruck könnten oftmals nicht mehr eingenommen werden. Dafür nennt sie Medikamente, die verabreicht werden können, wenn Atemnot ein Thema ist oder Schmerzen ausgehalten werden müssen. „Alle diese Medikamente kann der Hausarzt verordnen“, so ihre Auskunft.

Offene Themen ansprechen

Der Hausarzt sollte auch schon im Vorfeld involviert werden. So ist es sinnvoll, dass Vorsorgeverfügung und Patientenverfügung beim Hausarzt zum Thema gemacht werden. „Ein guter Hausarzt hört sich das gerne an“, verspricht Nagel, „denn er sollte informiert sein.“ Die Vorsorgeverfügung sollte auch mit demjenigen durchgegangen werden, den man als Ausführenden für die Aufgaben bestimmt hat. „Das kann ruhig mal am sonntäglichen Kaffeetisch besprochen werden“, ermuntert Nagel die Anwesenden. „Auch wenn vielen das Thema unangenehm ist, ist es doch sehr wichtig“.

Der Sterbende möchte außerdem meistens seine Ruhe haben und ziehe sich immer mehr von den sozialen Kontakten zurück. Das müsse akzeptiert werden, auch wenn es oftmals schwer falle. Wichtig sei außerdem, dass man offen miteinander umgehe und nichts über den Kopf hinweg entscheide. Nagel erklärte, dass Palliativpflege im Hochtaunuskreis vorhanden sei und es auch Hospize gebe. Letztere seien für jene, die nicht zuhause sterben können, eine gute Wahl. Palliativteams sind in der Lage, Sterbende und deren Angehörige zu begleiten.

Sie kommen oft ambulant zu den betroffenen Familien und entlasten auch mal die Angehörigen, die mit der Pflege betraut sind. „Ich kann doch nicht Tennis spielen gehen“, meinte eine Frau, so Nagel aus ihrem reichen Erfahrungsfundus, „doch es stellte sich heraus, dass genau das eine gute Idee war.“

Den Tod als Begleiter des Lebens zu akzeptieren, sei wichtig. Natürlich sei es oftmals sehr schwer, wenn ein junger Mensch im Sterben liege oder eine Familie von einem wichtigen Menschen, der noch zu jung zum Sterben sei, Abschied nehmen und damit klarkommen muss.

Hier kämen oftmals die Sorgen der Sterbenden ins Gespräch, die sich um die Hinterbliebenen sorgten und über finanzielle und andere Probleme zu sprechen kämen. Auch hier müsse man den Sterbenden ernst nehmen und ihn nicht mit Floskeln oder anderen Dingen abspeisen. „Wenn diese Fragen geklärt sind, fällt es vielen Sterbenden leichter, das Leben loszulassen“, so Nagel. Sie selbst hat viele Sterbende begleitet - sei es beruflich oder privat. VON CHRISTINA JUNG

Teilnahmebestätigung in der Hand und um vieles schlauer geworden: Mitarbeiterin Christina Jung hat sich über Letzte Hilfe im Mehrgenerationenhaus informiert.
Teilnahmebestätigung in der Hand und um vieles schlauer geworden: Mitarbeiterin Christina Jung hat sich über Letzte Hilfe im Mehrgenerationenhaus informiert. © CHRISTINA JUNG

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