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Fokus auf heimische Unternehmen

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Von: Philipp Keßler

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Wehrheim. Wie ist es um das Gewerbe in Wehrheim bestellt? Wie sieht Bürgermeister Gregor Sommer die Zukunft des Apfeldorfes? Was sagen die im Gemeindeparlament vertretenen Parteien CDU, SPD, Grüne und FDP zu aktuellen und zukünftigen Entwicklungen? All diese Fragen sind im Zuge unserer Serie geklärt. Bleibt nur noch, auch den Gewerbeverein als Vertreter von Unternehmerinnen und Unternehmern zu befragen.

Hier sind die Antworten:

Gewerbeflächen: Von der Ansiedlung (weiterer) großer Unternehmen aus der Dienstleistungsbranche hält der Gewerbeverein wenig, vielmehr setzt er sich für die vorrangige Behandlung einheimischer Unternehmen ein - auch um Abwanderungen zu verhindern. »Die Förderung des Gewerbes darf nicht darauf aus sein, nur neue Betriebe zu holen - wir in Wehrheim sind ohnehin nicht der Nabel der Welt -, sondern es sollte darum gehen, sich zuerst um die Belange der ansässigen Firmen zu kümmern«, sagt Gewerbevereinsvorsitzender Markus Rühl. Das Risiko durch die Fokussierung auf einzelne große Player habe sich mit dem Ausfall der Gewerbesteuern im Zuge der Corona-Krise gezeigt. Auch insgesamt plädiere der Verein für ein »gesundes Maß« bei der Entwicklung: Priorität müsse sein, Leerstände abzubauen bzw. zu vermeiden, anschließend Gebiete nachzuverdichten und erst dann neue Flächen auszuweisen.

Zusammenarbeit verbessern

Wirtschaftsförderung: Grundsätzlich befürwortet der Vorstand des Gewerbevereins die Einrichtung einer Wirtschaftsförderung in Wehrheim - auch mit Blick auf Usingen und Neu-Anspach. Denn: Es gebe schon hier und da strukturelle Probleme. Ein Beispiel: Aufgrund einer Unklarheit im Bebauungsplan für das Gewerbegebiet »Am Erlenbach« hätten die dortigen Unternehmer teure Lärmschutzgutachten erstellen müssen. »Dabei ging es lediglich um den Kundenverkehr, der bei den meisten Betrieben überschaubar ist«, berichtet Vereinsvorsitzender Markus Rühl. Ein anderes Beispiel sei der eigentlich festgeschrieben Bebauungszwang von drei Jahren, der »nicht konsequent umgesetzt wird« - zum Schaden von Firmen, die in der Zeit liebend gerne dort gebaut hätten. »In solchen Dingen muss die Gemeinde mit den Firmen zusammenarbeiten«, sagt Rühls Co-Vorsitzender Andreas Vongries, dessen Unternehmen inzwischen selbst dort angesiedelt ist. Er ist - wie die übrigen Vorstandsmitglieder - überzeugt: »Eine Wirtschaftsförderung hätte genug Arbeit mit den bestehenden Betrieben - und mit der Frage, wie man bestimmte Dinge beim nächsten Mal besser lösen kann.«

Noch Potenzial im Einzelhandel

Infrastruktur: Grundsätzlich - da sind sich die Vertreter des Wehrheimer Gewerbes einig - sei in ihrer Gemeinde vieles richtig gemacht worden. Dazuzählt die Stärkung der Ortsmitte durch die Verhinderung von großen Supermärkten »auf der grünen Wiese« oder auch das »Wehrheimer Modell« bei der Errichtung von Neubaugebieten, indem die Gemeinde den Landbesitzern am Ortsrand ihre Flächen zu einem guten Preis abkaufe, erschließe und dann gezielt vermarkte. Nichtsdestotrotz fehle es im Einzelhandel an einer Drogerie, einem Blumenladen und auch einem Schuhgeschäft. »Hierauf muss der Fokus liegen«, sind sich die Vorstände des 170 Mitglieder umfassenden Vereins einig. Ebenso würden sie sich mehr Unterstützung für das Handwerk wünschen, denn »wir brauchen diese Betriebe, wenn wir uns regional und ortsnah auch mit Dienstleistungen versorgen wollen«, sagt Vongries. Das bedeute aber auch, dass die Gemeinde gefordert sei, wenn es etwa darum geht, Leerstände zu beseitigen. »Grundsätzlich sind wir auf einem guten Weg, aber das soziale Miteinander könnte noch fairer sein - gerade in einer Fair-Trade-Kommune wie Wehrheim. Es geht nicht nur darum, wer Gewerbesteuern zahlt, sondern auch, wer Infrastruktur und Ausbildungsplätze bietet, woher die Mitarbeiter eines Unternehmens kommen und ob diese nicht auch ihre Steuern in Wehrheim bezahlen«, sagt die Kassiererin des Gewerbevereins, Andrea Moka. Was die Punkte Glasfaserausbau und S-Bahn-Anschluss betrifft, sind die Positionen auch innerhalb des Gewerbevereins unterschiedlich. Während Moka für »mehr Entschleunigung« bei der Entwicklung plädiert, sagt Beisitzer Thomas Wallisch: »Schnelles Internet muss einfach da sein.« Und vielleicht würde ja das eine oder andere Unternehmen dank einer besseren Anbindung auch mal einen Mitarbeiter aus dem Vordertaunus gewinnen, lautet die allgemeine Mutmaßung.

Kommunikation: »Dass die Kommunikation mit der Gemeinde nicht immer stimmt, ist richtig«, sagt Rühl. Das kreiden wir als Verein auch an. Wie einige politische Akteure damit umgehen, ist aber das andere«, will er seine Heimatgemeinde auch nicht pauschal verdammen. Denn: Die Aufgaben einer Wirtschaftsförderung, für die es de facto (noch) keine Stelle in der Verwaltung gibt, lägen aktuell vor allem beim Bürgermeister - der sie aus Zeitgründen schlicht nicht ausfüllen könne. Nichtsdestotrotz sieht der Gewerbeverein »viele kleine Fehler«, die im Zusammenhang mit dem Umgang mit den Wehrheimer Gewerbetreibenden gemacht würden - und die mit etwas mehr Kommunikation abgestellt werden könnten. »Ob es dafür eine gänzlich neue Stelle braucht oder diese Aufgaben an eine bestehende Stelle angedockt wird, sei dahingestellt«, sagt Rühl. Auch die Tatsache, dass die Gemeinde - wie in anderen Kommunen - kein Mitglied im Gewerbeverein sei und auch nicht in Sitzungen vertreten sei, sei ein Zeichen eines »krankenden Systems«.

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