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Früher war nicht alles besser

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Von: Ingrid Schmah-Albert

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Stefan Velte (links) führt als Nachtwächter eine große Gruppe durch den alten Ortskern und kann viel Historisches berichten.
Stefan Velte (links) führt als Nachtwächter eine große Gruppe durch den alten Ortskern und kann viel Historisches berichten. © INGRID SCHMAH-ALBERT

Eine Nachtwächter-Führung mit Stefan Velte in Wehrheim erfährt große Resonanz.

Wehrheim -Mit rund 70 Teilnehmern fand die historische Nachtwächtertour mit Stefan Velte durch den alten Ortskern von Wehrheim am Dienstagabend großes Interesse. Eingeladen hatten die Landfrauen, und nachdem sie die ursprünglich eher im eigenen Kreis geplante Veranstaltung öffentlich gemacht hatten, waren sie buchstäblich überrannt worden.

Viele „Ur-Wehrheimer“ interessierten sich genauso wie auch etliche Neubürger oder Zugezogene, die schon länger in Wehrheim leben, für das, was der Vorsitzende des Geschichtsvereins über die Historie zu berichten wusste. Treffpunkt war in der Neuen Mitte. „Wir befinden uns hier auf durchaus historischem Boden“, begann Velte die rund zweistündige Tour, die unter anderem an der einstigen Synagoge, den beiden Kirchen, dem Hexengässchen entlang der einstigen Stadtmauer, an der ehemaligen Milchküche oder durch die engen Gassen mit den alten Höfen führte.

Füße hoch und weiter zechen

Auch an den Orten, wo heute von den damaligen Gebäuden, Brunnen oder anderen vor vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten wichtigen Institutionen nichts mehr zu erkennen ist, weil sie abgerissen, umgebaut oder durch andere Gebäude ersetzt wurden, machte er Station, denn es gab an nahezu jeder Stelle etwas zu berichten. Dabei reicherte Velte seine Ausführungen mit vielen Anekdoten über die Familien, die hier lebten oder über die vielen kleinen Tante-Emma-Lädchen und andere kleinere Geschäfte oder Handwerksbetriebe, die es hier noch bis vor etwa 30 Jahren gab, an, so dass die Geschichte lebendig wurde.

Wie etwa die, dass am tiefsten Punkt von Wehrheim, dort wo heute die Neue Mitte steht, sich bei Regen das Wasser sammelte und durch das dort befindliche Gasthaus lief. Die Gäste störten sich daran nicht, sie legten einfach die Füße auf die Hocker und zechten munter weiter. An den einzelnen Stationen, die Velte als Nachtwächter (übrigens hatte Wehrheim nur noch bis zum „Großen Brand“ 1819 einen Nachtwächter, der mehrmals in der Nacht bestimmte Stationen abzulaufen und zu kontrollieren hatte) ansteuerte, erinnerten sich auch einige der Teilnehmer noch an die Geschichten, an die Familien oder besonderen Ereignisse und trugen so ebenfalls etwas dazu bei.

Treffpunkt für Neuigkeiten

Dass „früher“ nicht immer alles besser war, wie im Rückblick gern die „gute alte Zeit“ glorifiziert wird, wurde beim Rundgang auch deutlich. Velte konnte anschaulich zeigen, wie die Familien in oft überaus beengten Verhältnissen leben mussten und dass fast alle mindestens nebenher noch landwirtschaftlich tätig waren, wenigstens eine Kuh, ein Schwein oder ein paar Hühner und Ziegen hielten, um die Familien über die Runden zu bringen.

Die Milchküche war die tägliche Sammelstelle für die Milch und war zugleich ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Hier wurden die Neuigkeiten ausgetauscht, auch zum Beispiel jene, die als Zeitungsersatz vom „Ausscheller“ ausgerufen wurden, bis dieser in den 1950er-Jahren dann von den Bekanntmachungen am Schwarzen Brett abgelöst wurde. Der letzte Ausscheller sei Heinrich Rühl gewesen, berichtete Velte. VON INGRID SCHMAH-ALBERT

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