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"Der Sosseheimer" erklärt, was ein Bembel ist: "En Kruch aus Stein mit 'ner Zott un' em Henkel." 

Die Mischung macht's

Zum Genuss kommt Freude am Idiom

Beim Essen ebenso wie bei unterhaltsamen Veranstaltungen. Beim 16. Handkäs' und Gebabbel war diese Mischung erneut gelungen. Es ging derb hessisch, aber auch philosophisch zu, und der Küche gelang dieser Spagat auch. 

Wehrheim – Wenn ein Schuster, ein Käsemann, ein philosophischer Apfelweinkönig und ein Bembelsänger zusammen auf der Bühne stehen, kann der Abend im Chaos enden. Er kann aber auch so reizend für die Lachtränen, so unterhaltsam und vergnüglich sein, wie es die 16. Aufführung von Handkäs' und Gebabbel im Biergarten der Gasthauses Löwenherz am Samstag war.

Auch wenn die Bühne an diesem Abend nur aus Baupaletten besteht und der Philosoph im wirklichen Leben Architekt ist. Käsemann Manfred Seuss, als Eingeplackter im Apfeldorf, Schuster Stefan Velte und der königliche Philosoph Olaf Bohris als Urgesteine sowie Klaus Kaffine alias "Der Sosseheimer" bilden ein Quartett, dem das Hessische - wie einst Heinz Schenk - nur so aus dem Mund zu laufen scheint. Witzig und spritzig wie das Stöffche, das die Gäste auf gut hessisch "baafe, petze, schlucke, schläuche oder saufe" konnten, herzhaft, manchmal auch schlüpfrig und anstößig, aber nie verwerflich.

Thüringen und Italien

Doch die vier auf der Bühne machen nicht allein den Erfolg des Abends aus. Küche, Käse und Verkostung sind nicht nur Lückenfüller zwischen den Auftritten, sie entführen die rund 140 Gäste in die hessische Welt von Handkäse, Grüner Soße und Äpfeln, machen aber auch so manchen Abstecher nach Thüringen oder Italien. Wer hat zum Beispiel schon mal Handkäse-Bruschetta oder Kartoffelkloß mit Handkäse gefüllt auf Grüner Soße gegessen?

Die Gäste sind sich einig, dass der Abend kulinarisch und theatralisch ein voller Erfolg ist. Auch wenn die Nachspeise mit Handkäse-Pannacotta und Kümmelkrokant nicht jedermanns Gaumen verzückt. "Die Geschmäcker der Gestecker" sind eben verschieden, wie jeder richtige Hesse weiß.

Drei echte Hessen in Aktion: Manfred Seuss (von links), Olaf Bohris und Stefan Velte.

Dass jeder Hesse dennoch ein Individualist ist und jedes Dorf seine Eigenheiten hat, wird bei dem Sosseheimer schon beim ersten Lied deutlich. Dass er das Apfeldorf als "Werrrrem" anspricht, will den Apfeldörflern so gar nicht gut im Ohr klingen, der Sossenheimer indes bringt "Wirem" nicht über die Lippen, "Wirrrem" ist dann die Lösung, auf die sich beide Seiten schlussendlich schweren Herzens einigen können.

Auf's Korn genommen

Es sitzen allerdings nicht nur Gäste unter den Sonnenschirmen, denen das Hessische, hessische Gewohnheiten und Utensilien der Region aus dem Effeff bekannt sind. Ihnen muss der Mann aus dem Frankfurter Stadtteil singend erklären, was ein Bembel ist: "En Bembel, des is en Kruch aus Stein mit 'ner Zott un' em Henkel." Dass "Zott" der Ausguss ist, ist auch nicht jedem klar.

Der Abend ist auch eine gute Lektion in der hessischen Sprache, die sich das Publikum gerne erteilen lässt. Gut zuzuhören ist angesagt. Manfred Seuss macht so manchen Ausflug ins Schlüpfrige und nimmt dabei Nachbarn und Freunde auf die Schippe. "Schließlich ist Niveau keine Handcreme."

Olaf Bohris hält sich streng an die (hessische) Literatur, zitiert Wilhelm Busch, Walter Weisbecker, Vater und Sohn Stoltze, "weil doch die Welt bald unnergeht". Schuster Stefan Velte macht kurz vor der Wahl noch ein bisschen Wahlkampf und erklärt, dass der Handkäs' in Hessen eine Maßeinheit ist, zu erkennen im Satz: "Der Bub is' drei Handkäs hoch."

Er ist nie um eine Antwort verlegen, stellt in Windeseile Bezüge her, nimmt das Publikum mit auf seine Themenreise und begrüßt süffisant auch "die in de Hecke un off de Gass".

Er nimmt zudem die Nachbarn vom Löwenherz aufs Korn, die auch an heißen Sommertagen für strikte Ruhe pünktlich um 22 Uhr kämpfen. Den Gästen im Biergarten ruft er zu: "Wenn's zu derb wird, halt' euern Nachbarn halt die Ohr'n zu." Die Anlieger brauchen sich diese nach 22 Uhr nicht mehr zuzuhalten, die Veranstaltung ist pünktlich um 21.30 Uhr zu Ende, darauf hat Manfred Seuss streng geachtet.

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