Der Einsatz des Rückepferds Filou wurde zum Pressetermin mit (von links) Förster Björn Neugebauer, Bürgermeister Gregor Sommer, Hanna und Marie, Wolfgang Keller und Dr. Dr. Dieter Selzer von der Unteren Naturschutzbehörde.
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Der Einsatz des Rückepferds Filou wurde zum Pressetermin mit (von links) Förster Björn Neugebauer, Bürgermeister Gregor Sommer, Hanna und Marie, Wolfgang Keller und Dr. Dr. Dieter Selzer von der Unteren Naturschutzbehörde.

Wehrheimer Waldarbeit mit einer Tonne Pferd

In schwierigen Forstflächen ist der Harvester nutzlos

  • vonAndreas Burger
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Holzrücken mit einem PS schont die Natur und erhält Traditionen

Mit 1300 Hektar hat Wehrheim ein ordentliches Stück Gemeindewald. Und rund 95 Prozent davon bewirtschaftet die Kommune mittels beauftragter Unternehmen unter der Regie von Förster Björn Neugebauer in der bekannten Art. Zeit ist Geld, also fährt der schwere Harvester in den Wald, sägt, entlaubt und entastet, kürzt und stapelt die Stämme in kürzerster Zeit. Ein Vorgang, der allüberall zu sehen ist.

Dann wären aber noch Waldflächen zu bearbeiten, in denen die Tonnen an Metall entweder im Schlamm versinken oder steile Hänge ihrem Tun ein Ende bereiten. Und genau hier kommt Filou zum Einsatz. Eine knappe Tonne Pferd mit beeindruckender Größe ist es, das sich geduldig wie ein Lamm die Stämme anketten lässt und diese auf den Weg zerrt - bis zu eineinhalb Tonne Holz kann der Kaltblüter aus dem Haus Ardennen-Belgier ziehen. Und am Führungsseil steht Wolfgang Keller, der mit seinem Ross derzeit im Gebiet Saustiege die gefällten Bäume aus dem Dickicht holt.

Keller und seine Familie sind von der Gemeinde sowieso mit Holzarbeiten beauftragt - und bieten natürlich nicht nur Filou auf. Es ist eine Art "Hybrid-Unternehmen". Neben Filou finden sich im Fuhrpark der Kellers auch Harvester oder Seilwinden, damit Wehrheims Holz zu Markte getragen respektive geschleppt werden kann. Und dies in einem passenden Verhältnis von Ökologie und Ökonomie.

Mix aus Ökologie und Ökonomie

Doch Holzrückepferde sind selten geworden, die, die mit ihnen arbeiten können, auch. Keller, einst der Ausbilder für Holzrücker in ganz Hessen, sieht in seinem Job deshalb nicht nur die ökologische Seite. "Es sterben immer mehr traditionelle Berufe aus. Holzrücker gehören dazu. Und ich will verhindern, dass irgendwann niemand mehr in so schwierigen Waldgebieten das Holz befördern kann. Und es ist auch Stück Heimatgeschichte, die erhalten werden muss", sagt Keller. Und bekommt Unterstützung von vielen Seiten - denn am Mittwoch gaben sich neben dem Förster auch Bürgermeister Gregor Sommer, Kellers Enkel Hanna und Marie sowie Dr. Dr. Dieter Selzer von der Unteren Naturschutzbehörde mit Umweltbeauftragtem Martin Ringwald ein Stelldichein im dichten Forst. Erklärtes Ziel: Den Einsatz von Rückepferden in den Fokus zu stellen, Nachahmer zu finden und so dem Berufsstand eine Chance zu geben.

"Wir als Behörde unterstützen diese Holzbewirtschaftung natürlich, denn sie leistet einen wichtigen Beitrag, um den Wald zu schonen und naturnahe Gebiete und ökologisch wertvolle Bereiche entsprechend zu bearbeiten", sagte Dr. Selzer.

Und warum muss ein solch schwieriges Gelände überhaupt bearbeitet werden? "Es geht hier nicht um Holzeinschlag für die Verwertung, sondern darum, dem wertvollen Holz mehr Platz zu verschaffen", sagte Neugebauer und klopfte an den Stamm einer Buche: "Diese etwa ist ein Zukunftsbaum, war aber von anderem Gehölz gesäumt und so am Wachstum gehindert. Wir haben seiner Krone nun mehr Luft und Licht verschafft", sagte er. Die sogenannten "Bedränger" wurden also gefällt und von Filou rausgeholt.

Erhalt der Artenvielfalt

Es sind Erle und Hainbuche, Ulme und Schwarzpappel, die sich in dem Forstgebiet befinden - kein Holz also, mit dem die Gemeinde viel Geld machen könnte. Aber auch Wehrheim gehört in den großen Landschaftspflegeverband, wie Selzer betonte. Und Wald sei mehr als nur "Geldgeber". So werde eine Landschaft erhalten, die durch intensive Waldnutzung fast überall verschwunden sei. "Das ist praktizierten Bodenschutz, dient dem Erhalt der Artenvielfalt - auch bei den Pferden", wie er unterstrich.

Spannend ist die "Hardware" bei Kellers Pferdeeinsatz. Da wäre zum einen der Zügel - denn es handelt sich nur um ein Führungsseil. Filou reagiert auf zugerufene Befehle und sensible Handhabung des Seils. "Das muss man gelernt haben", sagte Keller. Dann hat er sich noch von den Amish-Leuten aus den USA eine Anleihe gemacht - jener Glaubensgemeinschaft, die stark in der Landwirtschaft verwurzelt ist, bestimmte moderne Techniken ablehnt, großen Wert auf eine Familie mit klar vorgegebenen Geschlechterrollen legt und unter sich lebt. Die haben nämlich einen "Ortscheid" entwickelt, der nicht mehr durch den Schlamm gezogen wird. An diesem Zugbaum oder Klippschwengel genannte Querriegel hängt der Stamm und schlabbert in Normalausführung immer durch den Dreck. Kellers Ortscheid nicht.

Nicht alles kann in den teils stillgelegten Waldgebieten, Feuchtarealen und ökologisch wertvollen Forstabteilungen von Filou alleine erledigt werden. Keller schafft sich schon vorher eine Art Rückegasse, meist mit dem Seilzug, damit das Pferd keine Schlangenlinien laufen muss. Jeder Meter zählt. Hat Filou mal einen richtige schweren Stamm gezogen, hängt Keller die nächsten Male leichteres Holz an - als Ausgleich. Und wo liegen die zeitlichen Grenzen für eine Tagesarbeit? "Das kommt aufs Alter des Pferdeführers an", lacht Keller. "Wir arbeiten wie andere Menschen auch - mit Frühstücks- und Mittagspause. Je nach Lage des Waldes, Schwierigkeitsgrad und Lasten sind das zwischen vier und acht Stunden, die wir schleppen. Mal mehr, mal weniger."

Wichtig ist ihm, dass die Waldarbeit nicht mit verklärtem Blick gesehen wird. "Es geht hier auch um den Erhalt eine traditionellen Forstarbeit, klar. Aber wir müssen daneben auch sicherstellen, dass Forstbewirtschaftung in schwierigen Gebieten weiterhin möglich ist - und die dafür geeignete Pferderasse erhalten bleibt." Harvester oder Seilwinden hätten eben Grenzen.

Und der Nachwuchs? "Hier und da gibt es einzelne Menschen, die noch Interesse haben, aber nur vom Rücken mit dem Pferd kann keiner leben - das muss immer in Verbindung von neuen mit alten Methoden sein", betont der Fachmann. Und die Enkelinnen? "Die eine fährt schon Kutsche. Mal sehen . . ."

Ende des Gespräch, Filou will wieder in den Wald und macht dies auch deutlich. Ein bemerkenswertes Gespann, die beiden. Andreas Burger

Wolfgang Keller kann mit vielen und mit einem PS: Mit Pferd Filou werden in den nassen Waldgebieten die Bäume rausgeholt.
Förster Björn Neugebauer zeigt den mit weißem Punkt markierten Baum, der stehen bleibt und für dessen Wachstum andere verschwinden mussten.

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