Bundesministerin

Julia Klöckner wirbt im Apfeldorf für ihre Lieblingsprojekte

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Mit der Landwirtschaft konnte Wehrheim auswärts noch immer punkten – jetzt sogar in Berlin. Die Bundesministerin für Landwirtschaft und Ernährung kam zu Besuch und nutzte den hessischen Landtagswahlkampf, um für ihre Herzensprojekte zu werben.

Die Mitglieder des Bundeskabinetts tragen derzeit eher Sorgen- denn Lachfalten durchs Land, die Herausforderungen sind groß, die Koalition stand mal wieder auf der Kippe und dazu hat (fast) jedes Ressort – vom Abgasskandal bis zum Pflegenotstand – seine eigene große Herausforderung zu bewältigen.

Da war der Kurzbesuch der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner (CDU) in Wehrheim am Donnerstag eine erfrischende Abwechslung. Gut gelaunt, interessiert und vor allem mit Fachwissen besuchte sie die Stände der heimischen Landwirte, die sich an diesem Nachmittag dort zusammen mit zahlreichen Zuschauern und Vertretern der Politik und der Bauernverbände versammelt hatten. Immerhin handelte es sich um „den ersten Besuch eines Bundesministers in Wehrheim seit Bundespostminister Wolfgang Bötsch“, wie Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) erinnerte. Das ist nun schon über 20 Jahre her.

Klöckner fragte nach den Angeboten ebenso wie nach den Sorgen und Nöten. Und sie bezog spontan Stellung, nahm kein Blatt vor den Mund. Statt einem ausgearbeiteten Manuskript gab es die freie Rede. So bedankte sich die Rheinland-Pfälzerin, auf den Bundesfinanzausgleich anspielend, mit einem Augenzwinkern „als Nehmerland beim Geberland“, um schnell wieder ernst zu werden. Dabei konzentrierte sich Klöckner auf ihr Ressort und hielt ein flammendes Plädoyer gegen die Verschwendung und gegen Niedrigpreise bei Lebensmitteln. „Es ist sicherlich gut, dass wir wesentlich weniger Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen als früher.“ Wenn aber Küchen zum Statussymbol werden und die Lebensmittel zweitrangig – „Autofahrer kaufen teures Spezialöl für den Motor, sparen dann aber am Salatöl . . .“ – dann laufe etwas schief.

Klöckner kritisierte auch die Wegwerf-Mentalität und erinnerte daran, wie viele Ressourcen für die Herstellung der Waren benötigt werden. Die Landwirtschaft sei längst ein hochtechnisierter Sektor. „Es ist unglaublich, was die Technik kann. Da werden mit Drohnen Schlupfwespen über Felder ausgebracht, die Schädlinge bekämpfen. Chips können bei Kühen erkennen, wie stark sie wiederkäuen.“ Trotzdem werde die Landwirtschaft noch immer zu romantisiert dargestellt. Daher sei es wichtig, Produzenten und Konsumenten zusammenzubringen, lobte sie die Ausstellung auf dem Marktplatz.

Bei ihrem Rundgang nahm sie auch kritische Anmerkungen auf. Norbert Hartmann etwa kritisierte als Bäcker, dass manche Kunden kurz vor Ladenschluss kämen und das volle Angebot erwarteten, das Brot vom Vortag aber scheuten. So fielen auch in kleineren Betrieben tonnenweise Lebensmittel an, die weggeworfen werden.

Klöckner ergriff auch selbst die Initiative. Nachdem sie sich bei Christian Allendörfer ein Kälbchen angesehen hatte, und von ihm erfuhr, dass es „irgendwas mit ,S‘ “ heißen solle, nahm sie ein paar Stände weiter den Vorschlag der Pfaffenwiesbacher Imker-Tochter Sylvia Kaps (9) auf, das Kälbchen doch ebenfalls „Sylvia“ zu nennen. Kurzerhand fädelte sie den Deal ein, Allendörfer bestätigte durch erhobenen Daumen.

Mit dem kritischen Herrn Papa, dem gebürtigen Schweizer Thomas Hynemann-Kuenzi, tauschte sie sich länger aus, während sie den Pfaffenwiesbacher Vanille-Honig probierte und versprach dem Verfechter einer insektizid- und pestizidfreien Landwirtschaft im Ministerium prüfen zu lassen, was die Schweizer für den Bienenschutz tun.

Etwas „echten“ Landtagswahlkampf gab aber auch. Holger Bellino hielt in seiner Funktion als CDU-Direktkandidat ein Plädoyer gegen die Ränder des politischen Spektrums. Den Hessen gehe es, das zeigten die Statistiken, gut. „Und trotzdem gibt es viele Menschen, die unzufrieden sind. Wir haben da nicht einfache Aufgaben zu bewältigen.“ Weiter betonte Bellino: „Weder die Linke noch die AfD gehört in ein demokratisches Parlament“, zumindest deren Funktionäre passten nicht in die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Als Beleg führte er an, dass alles, was man seit 1945 erreicht habe, von den demokratischen Parteien erreicht worden sei – „egal wer regiert hat“.

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