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Ein Baum der Björn Neugebauer Spaß macht und der auf Dauer stehen bleiben soll, denn er kennzeichnete ihn als Habitat-Baum.

Die Tränen des Waldes sind klebrig

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Schon 2000 Festmeter Holz mussten gefällt werden, weil Schädlinge die Bäume zerstört haben. Für den Förster bleibt jetzt nur noch der griff zur chemischen Keule.

Langsam, wie eine Träne, floss das goldfarbene Harz an der knorrigen Fichtenrinde entlang und hinterließ eine Meter lange Spur. „Das war der letzte Versuch“, erklärte Wehrheims Revierförster Björn Neugebauer. Mit prüfendem Blick geht er um die Fichte am Waldrand der Schlink entlang, dann holt er tief Luft und sagt: „Aber sie wird es nicht schaffen.“

Bei diesem Satz zückt er seine Sprühdose und markiert die sterbende Fichte mit zwei pinkfarbenen Strichen. „Sie wirft schon grüne Nadeln ab, das bedeutet, dass Käfer und Fäule schon so tief im Baum sitzen, dass die Fichte sie aus eigener Kraft nicht mehr los wird.“

Drei Abwehrmechanismen stünden dem Baum zur Verfügung, erklärt Neugebauer: „In der ersten Runde versucht der Baum mit Harz den Schädling auszuschwemmen und zu verkapseln. Wenn das nicht hilft, dann läuft das Harz außen.“

Neugebauer holt tief Luft: „Aber wenn sie anfängt, die grünen Nadeln abzuwerfen, dann ist es vorbei. Dann stirbt der Baum.“ So wie dieser Fichte geht es derzeit vielen Fichten im Wehrheimer Wald. Sie sind die Problemkinder.

„Der heiße Sommer und die Trockenheit machen der Fichte extrem zu schaffen“, erklärt der Förster. Nun stehe die Fichte ohnehin im Wehrheimer Wald nicht ideal, „einfach weil die Standortbedingungen dafür nicht gut sind.“ Das wiederum zeigt sich auch am Borkenkäferbefall. „Der Käfer findet in diesem Jahr beste Bedingungen vor. Buchdrucker und Kupferstecher bilden in diesem Jahr zwischen zwei und vier Generationen aus“, hat er festgestellt. Um das zu belegen, muss er nicht weit fahren. In einer anderen Waldabteilung liegen Meter hoch die gefällten Bäume. Es erinnert an die Aufarbeitung eines Tornados. Doch es ist Borkenkäferholz.

„Vor gut einer Woche waren es noch 450 Festmeter, inzwischen sind wir bei 2000 Festmetern Borkenkäferholz.“ Das Gesicht des Försters ist ernst. Mit seiner Machete löst er ein Stück von der Rinde der gefällten Bäume und zeigt die Dichte der Population. Auf der Rinde ist in der Tat kein Zentimeter mehr, der nicht von einem Käfer angefressen oder sogar besiedelt ist. Auf 20 Zentimetern zählt er zehn Käfer, alle noch am Leben, im Gegensatz zu ihrem Wirt.

„Es ist das erste Mal, dass ich etwas tun muss, was mir ganz persönlich gegen den Strich geht“, sagt der Förster. „Die Stämme müssen mit Gift behandelt werden.“ Das widerspreche zwar seiner Auffassung einer naturnahen Waldbewirtschaftung, doch ein Vergleichsstück im Kransberger Wald, das zum Staatsforst gehört, zeige, was geschieht, wenn gegen die Schädlinge nicht vorgegangen wird: Chaos.

Zwar gebe es unter den Vögeln einige Fressfeinde, angesichts der Populationsgröße aber nicht genug. Das Grundproblem im Wehrheimer Wald ist ein anderes: „Es gibt einfach viele Fichtenmonokulturen.“ Erkennbar daran, dass in diesen Waldstücken kein Totholz liegen bleiben kann, „weil sich der Käfer dort sonst sofort ausbreitet.“ Kein Wunder, nach dem Schlüpfen finden die Insekten sofort die nächste Nahrung.

Doch es gibt auch die Perlen im Wald, in denen die Förster bereits mit dem „Waldumbau“ weg von den Mono- hin zu gemischten, artenreichen Kultur begonnen haben. Dabei ist Neugebauer vor allem auch eine gemischte Altersstruktur wichtig. An dieser Stelle ist es allerdings nicht der Käfer, sondern das Wild, dass es den Bäume schwer macht. „Der Bestand ist hoch“, ist er überzeugt und zeigt auch, woran er das fest macht.

Sogenannte Weisungsflächen sind zwei gleichzeitig angelegte Baumflächen. Eine ist eingezäunt, eine andere nicht. Während in der eingezäunten Fläche die Bäume allesamt deutlich höher sind und sich zwischen Buchen auch Lerchen und andere Bäume angesiedelt haben, liegen die Bäume außerhalb des Gatters zurück. Und sie weisen jede Menge Verbissstellen auf – bis zu sechs Mal wurden die obersten Knospen abgefressen.

Einen Totalumbau des Waldes werde Neugebauer bis zu seiner Rente aber nicht hinbekommen. Aber er arbeitet daran – derzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das Auszeichnen der Bäume, die gefällt werden, ist eine Entscheidung über den Fortbestand. Und dann gibt es jene Bäume, „für die es einfach nur Spaß macht Förster zu sein“, strahlt der junge Mann angesichts eines verpilzten Baumes. „Der wird irgendwann umfallen, aber bis dahin bietet er einer Fülle von Leben Nahrung und Unterschlupf“, sagt Neugebauer und kennzeichnet den Baum mit einem H. H für Habitat. Und das bedeutet Artenvielfalt wie sie sein soll.

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