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Wechselhafte Gasthaus-Geschichte endet mit Abriss

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Von: Gerrit Mai

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Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" und spätere Kino und dann Metzgerei ist in seiner Bausubstanz nicht mehr zu retten.
Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" und spätere Kino und dann Metzgerei ist in seiner Bausubstanz nicht mehr zu retten. © Gerrit Mai

Zur Rose: Legendäre Maskenbälle, Kerbe-Treff und Vereinslokal mit Kegelbahn

Wehrheim -In Kürze gibt es eine Großbaustelle in der Wehrheimer Dorfmitte, denn das Gebäude Ecke Bahnhofstraße/Zum Stadttor fällt dem Bagger zum Opfer. Von außen sehe es zwar noch gut aus, aber im Innern sei es nicht mehr zu retten, sagt Adem Saracoglu, der Geschäftsführer der Taunus Hausbau, die das Anwesen gekauft hat und an gleicher Stelle ein neues Gebäude nach altem Muster erstellen möchte.

Diese Veränderung ist eine gute Gelegenheit, in die Historie des Gebäudes, des ehemaligen Gasthauses Zur Rose und späteren Kinos, zurückzublicken. Aber auch in die Geschichte des ehemals für die Wehrheimer bedeutenden Quartiers, denn hier, vor dem ehemaligen Stadttor, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Gaststättendichte besonders hoch. Bis in die 1960er-Jahre spielte sich das gesellschaftliche Leben vor dem alten Gebäude ab, und die Wehrheimer haben gefeiert.

Drei Gasthöfe dicht nebeneinander

An der Kreuzung zwischen Bahnhof- und Usinger Straße (damals Chaussee genannt) mit der Straße Zum Stadttor (Untergasse) und der Töpferstraße gab es drei Gasthöfe - Zum Taunus, Zum Hirschen und Zum Deutschen Kaiser. Letzteres hieß später Zur Rose, und nach Recherchen des Ehrenarchivars des Geschichts- und Heimatvereins, Robert Velte, soll es einige Zeit auch Nassauer Hof geheißen haben. Hinzu kommen die Gasthöfe in der Untergasse - Zum Engel, Kronenwirt und Zur Linde, die ebenfalls mit ein paar Schritten zu erreichen waren. Das Gasthaus Zum Taunus in der Bahnhofstraße 1, in dessen Saal zuletzt Fremdenzimmer Gäste beherbergten, hat dem Gaststättensterben in der Dorfmitte am längsten Paroli geboten, an seiner Stelle steht, wie berichtet, jetzt ein Wohnhaus mit Sitz der Abrissfirma des neuen Eigentümers.

Das Gasthaus Zur Rose gleich gegenüber hatte 1970 seine Kneipentür geschlossen, in den 90er-Jahren gab das Gasthaus Zur Linde seinen Betrieb auf, die Metzgerei dort existierte noch bis ins Jahr 2012.

Die Maskenbälle im Taunus und in der Rose sind in den 50er-Jahren legendär, und auf dem "Dalles" davor trafen sich bei der Kerb, die immer am dritten Wochenende im Oktober stattfand, die Wehrheimer im Sonntagsstaat, um Berg- und Talbahn (Raupe) zu fahren, Zuckerwatte zu kaufen, oder am Schießstand Geschick zu beweisen. Bei den Maskenbällen herrschte zudem reger Austausch kostümierten Narren zwischen dem Taunus und der Rose.

Das Buch "Die Häuser, das Dorf, die Menschen" von Robert Velte, das der Geschichtsverein 2020 herausgegeben hat, zugrunde gelegt, bestand das Gebäude, das jetzt abgerissen werden soll, aus ehemals drei Hofreiten. Ein zweistöckiges Haus mit Stall, das den Unterlagen nach Mitte des 19. Jahrhunderts im Besitz von Jakob Geiß II. gestanden haben muss.

Das eigentliche Gebäude des Gasthofs 1846 wurde beim Erwerb durch Heinrich Kolaß II. zum ersten Mal erwähnt. Es hatte dann durch Kauf und Tausch verschiedene Eigentümer. 1892 kauft August Nickel das Gebäude, reißt es ab und vereint es mit seinem eigenen. "Dort entstand später der Saal", hat Velte herausgefunden. Adolf Nickel baut dann in schneller Folge eine Trinkhalle, Saal, Kegelbahn und Remise. Mit der Übernahme des Anwesens durch den aus dem Gasthaus Zur Linde stammende Wilhelm Sommer um die Jahrhundertwende 1900 sind Wohnhaus, Stall, Schlachthaus und Saal nachgewiesen. Die Gaststätte firmierte schon unter dem Vorbesitzer Nickel unter dem Namen "Zum Deutschen Kaiser", und in der Ära Braum hieß es "Gasthaus und Metzgerei Zur Rose".

Treffpunkt vom Sportverein

1920 ist Otto Weber als Käufer genannt, der das Anwesen nach zwei Jahren an Otto Braum verkauft, und der vererbt es an seinen gleichnamigen Sohn. Die letzte Eigentümerin der Familie war von 1981 an dessen Tochter Gisela Haupthoff-Braum.

"In diesen Räumlichkeiten wurde lange eine der größten Gastwirtschaften in Wehrheim betrieben", hat Velte festgestellt. Sie sei auch das Vereinslokal des in den 1920er-Jahren gegründeten Sportvereins FSV Wehrheim gewesen, und später noch Heimat weiterer Vereine. Bis Otto Braum den Betrieb 1970 aufgab, war das Lokal nach dem Dorfnamen der Braums im Volksmund der "Munder-Bubi" benannt.

Im Saal nebenan gab es von den 1950er-Jahren an mittwochs, samstags und sonntags Filmvorführungen. Märchenfilme für Kinder; in den Abendvorstellungen liefen dann "Der Tiger von Eschnapur", "In Hamburg sind die Nächte lang" und "Die Wüste lebt", in den 1960er-Jahren aber auch der Aufklärungsfilm "Helga" von Oswalt Kolle oder "Zur Sache, Schätzchen" mit Uschi Glas. In den 2000er-Jahren zogen im Gastraum ein Friseur und in das Kino ein Schlecker-Markt ein, in dem sich Einkaufswagen wegen der teilweise noch vorhandenen Kino-Schräge noch selbstständig machten. Nach dessen Pleite nutzten verschiedene Firmen den Raum als Lager, und im Obergeschoss entstand Wohnraum, in dem die Gemeinde zuletzt Geflüchtete unterbrachte. VON GERRIT MAI

Das ehemalige Gasthaus Zur Rose: Hier soll es einen Neubau geben, der viel Ähnlichkeit mit diesem letzten Anblick hat.
Das ehemalige Gasthaus Zur Rose: Hier soll es einen Neubau geben, der viel Ähnlichkeit mit diesem letzten Anblick hat. © Gerrit Mai

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