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Debatte um Jagd im Usinger Land: Wehrheims Bürgermeister nimmt erneut dazu Stellung. Archivfoto: dpa

Interview

Bürgermeister schaltet sich erneut in Jagd-Debatte ein

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Die Debatte um das Thema Jagd geht weiter. Wehrheims Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) bekam nach seinem Aufruf, beide Seiten zu verstehen und seinem Versuch, die Notwendigkeit der Jagd darzulegen, sehr üble Reaktionen.

Befürworter und Gegner der Jagd stehen sich unversöhnlich gegenüber. Wie bekommt man die Kuh vom Eis?

GREGOR SOMMER: Das ist im Moment bei der aufgeheizten Lage sehr schwer. Ich versuche im Moment, eine Art runden Tisch für das kommende Jahr zu organisieren.

Der was bringen soll?

SOMMER: Auf jeden Fall ein Gespräch in ruhiger Umgebung und sachlichem Ton. Im Moment sehe ich Fehler auf beiden Seiten. Die Diskussion hat sich weit in die emotionale Ebene begeben.

Sie sind selbst als „oberster Jäger“ heftig angegriffen worden . . .

SOMMER: . . . was leider stimmt. Dabei bin ich weder oberster Jäger noch gehe ich jagen. Ich bin als Bürgermeister natürlich in der Genossenschaft vertreten, da die Gemeinde auch Grundstückseigentümer ist und Grundstücke verpachtet. Damit endet aber mein Bezug zur Jagd, abgesehen von einem guten Wildbraten . . .

Bringen wir doch erst einmal Klarheit in die Struktur der Jagd – Jagdpächter, Jadgenossenschaft, Jagdaufsicht . . .

SOMMER: Das ist einfach aufgebaut. Die Besitzer von Grundstücken sind in der Jagdgenossenschaft zusammengeschlossen. Sie vergeben die Jagdpachten, also die Erlaubnis zum jagen an Jäger. Die Jäger wiederum kommen meist aus Wehrheim selbst oder den angrenzenden Kommunen, nur bei Drückjagden sind auch auswärtige Jäger dabei. Einmal im Jahr legt der Jagdbeirat des Kreises fest, was geschossen werden darf und was soll, also die konkreten Zahlen. Daran haben sich die Jäger zu halten.

So weit zur Theorie. Wer kontrolliert, was geschossen wird?

SOMMER: Jeder Jagdpächter muss seine Abschusszahlen erfüllen, die von der Unteren Jagdbehörde festgelegt werden. Die gemachten Abschüsse wiederum muss der Jäger an die Behörde, genauer an den Sachverständigen melden. An dieser Stelle werden die Daten gesammelt, etwa zu Art, Alter und Geschlecht, um bei der künftigen Abschussplanung eine gute Grundlage zu haben. Das so oft beschriebene „wilde Schießen“ kann also nicht stattfinden.

Nun hat sich auch der ADFC eingemischt und will seine Radler im Wald schützen.

SOMMER: Also bitte. Lassen wir die Kirche im Dorf. Wir sind in Wehrheim doch nicht im wilden Westen. Wenn eine Jagd angesetzt ist, dann finden alle, die sich in der Natur bewegen, die entsprechenden Hinweise. Schilder weisen auf Drückjagden hin, Flatterbänder oder anderes Material sperren den Zugang. Das ist nur für einen Tag, in dieser Zeit ist es sicher dann auch möglich, dass das Hobby auf anderen Wegestrecken durchgeführt wird. Sollte es eine konkrete Bedrohung gegeben haben, ist dies ein Fall für Behörden.

Ein runder Tisch ist ja für Kompromisse bekannt. Sehen Sie welche?

SOMMER: Natürlich. Beide Seiten sind gefragt, sich zu bewegen. Noch einmal: Ich bin kein Jäger. Aber ich sehe, dass die Jagdpächter im vergangenen Jahr über 35 000 Euro für Wildschäden ausgeben mussten. Nur im Bezirk Wehrheim I. In der Pfaffenwiesbacher Gemarkung waren es über 8000 Euro. Zugleich sehe ich aber auch den Wunsch nach dem Schutz von Natur und Tier und den Ängsten vor der Jagd an sich. Ich denke, dass wir beides unter einen Hut bringen können, das werden die Gespräche zeigen. Es wurde auch schon gehandelt. Seit knapp zwei Jahren gibt es große Wildruhezonen, in denen die Tiere zur Ruhe kommen können.

Warum ist eigentlich diese Debatte nur hier im Taunus immer auf diesem „Gefühlslevel“.

SOMMER: Zu den handelnden Personen kann ich nichts sagen. Aber der östliche Taunus ist ein bekanntes Rotwildgebiet. Denn es gibt mit der A 5 eine Art Barriere für das Wild. Gerade in der Brunftzeit rotten sie sich zusammen, anschließend verteilt sich das Wild wieder. Schon allein deshalb haben wir hier einen hohen Tierbestand. Und dies erschwert auch eine Planung für die Abschusszahlen. Wird zu viel gejagt, fehlt das Wild in anderen Revieren, aber letztlich sind bei uns die Schäden zu groß. Unser heimisches Wild hat eben keine natürlichen Feinde mehr. Eine Regulierung ist unabdingbar. Und wir haben hier zu viele, so sehe ich Probleme auf uns zukommen. Diese Tiere erkennen schnell, wo sie ihre Ruhe haben – und das ist eben in wohngebietsnahen Gegenden, in denen nicht gejagt werden soll. Und ich glaube, dass jeder weiß, dass gerade Wildschweine nicht ungefährlich sind. Da ist auch ein Schutz für unsere Bürger Pflicht. Hinzu kommt, dass die afrikanische Schweinepest bereits in Belgien angekommen ist. Wir müssen diesen Wildbestand also reduzieren.

Der Usinger Förster Karl-Matthias Groß hat ein ganz neues Jagdsystem gefordert, das sich nach der Zielsetzung des Waldes als Wirtschaftsfaktor richtet. Wäre das eine Lösung?

SOMMER: Halb und halb. Das ist natürlich zu diskutieren, würde aber an der Jagd an sich wenig ändern, sondern nur daran, was wo bejagt wird.

Wer soll an den runden Tisch?

SOMMER: Natürlich beide Seiten. Jäger, die Genossenschaft, Untere Jagdbehörde und die Jagdgegner. Gehen wir sachlich in die Debatte, finden wir eine Lösung. Und die lautet sicher nicht keine Jagd mehr oder konträr freie Jagd, sondern endet in einem Kompromiss. Da habe ich gute Hoffnung, dass wir das erreichen können.

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