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Es müssten Wege gefunden werden, um die Bebauung von Brachflächen interessant zu machen. Darin ist sich die Politik einig.

Experten warnen vor Versiegelung

Wohnungsbau in Wehrheim: Brachen soll es nicht mehr geben

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Eine maßvolle Entwicklung des Wohnungsbaus, ohne an der Natur Raubbau zu treiben, ist ein kaum zu stemmender Spagat. Der einzige Weg führt über Bewusstseinsbildung, Transparenz und öffentliche Diskussion, meinen zwei Fachleute von BUND und Uni.

Wenn erst einmal die Möglichkeit besteht, dass die S-Bahn Personen im 20-Minuten-Takt in den Schlund der Großstadt karrt, könnte es im Usinger Land eng werden. Denn die 180 000 Bürger, die die Rhein-Main-Metropole als Zuwachs erwartet, brauchen Wohnungen. Finden sie die nicht in Frankfurt, suchen sie diese entlang der S-Bahn-Linie, befürchtet Jochen Kramer, Vorsitzender des BUND Kronberg. Er ist deshalb überzeugt: „Wehrheim ist schon im Fokus der Immobilienbranche.“

Dass der Siedlungsdruck steigen wird und sie damit umgehen müssen, wissen auch die Politiker, die zur BUND-Podiumsdiskussion mit Dr. Rainer Dambeck, Fachmann für Bodenkunde an der Frankfurter Universität, und Michael Rothkegel, Geschäftsführer des BUND Hessen, gekommen waren. Der Druck sei heute schon enorm, versicherte Wehrheims FDP-Fraktionsvorsitzender Klaus Schumann. Neue Grundstücke seien ruckzuck vergeben. Aber müssen es Einzelhäuser sein, die dort gebaut werden? „Nein“, sagten die Experten entschieden. Mehrstöckige Mehrfamilienhäuser seien auch auf dem Land möglich.

Das unterstützt auch Dr. Torsten Kunz (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Bau und Verkehr. Wo es jetzt bereits innerörtlich höhere Häuser gebe, könne auch mehrstöckig für mehr Personen gebaut werden. Damit wurde bereits der nächste Schwerpunkt angesprochen: Die Wohnraumverdichtung durch Schließung von Baulücken. Damit hat sich die Politik bereits beschäftigt, denn eine Initiative soll klären, was Eigentümer locken könnte, leerstehende Häuser, Brachen und Scheunen in Wohnraum umzuwandeln.

In Wehrheim wird der schwierige Spagat zwischen Landwirtschaft und Hausbau besonders deutlich. Denn Christof Michel vom Bauernverband ist gegen die Ausweisung von weiteren Baugebieten: „Land ist schon jetzt knapp.“ Der Konflikt zwischen Siedlungsdruck und Landwirtschaft verschärft sich oft noch dadurch, dass meist dort gebaut werden solle, wo die Böden am ertragreichsten seien.

Heute platzen im Ballungsraum Rhein-Main Kommunen aus allen Nähten, und gutes Ackerland muss dem Wohnungsbau weichen, denn Streusiedlungen seien noch problematischer. Boden, der in knapp 12 000 Jahren seit der letzten Eiszeit entstanden sei, werde durch heutige Nutzung innerhalb kürzester Zeit zugrunde gerichtet, könne aber nur schwer wieder entsiegelt werden, so Dambeck. Dabei werde außer Acht gelassen, dass der Boden nicht nur große Bedeutung für die Landwirtschaft habe, sondern auch für Klima, Luft, Wasserrückhaltung und Biodiversität. Daher sei ein nachhaltiger und vorsorgender Bodenschutz von größter Bedeutung, denn dessen volkswirtschaftliche Wert sei wesentlich höher als der Verkehrswert von Grundstücken, so Dambeck.

Rothkegel warnte, dass eine totale Versiegelung der Landschaft absehbar sei, wenn das Bau-Tempo nicht weiter verringert werde. Auch wenn in Deutschland 1992 noch 120 Hektar am Tag neu bebaut wurden, es 2014 „nur“ 69 Hektar waren, und die Zahl bis 2030 nach Beschluss der Bundesregierung auf 30 Hektar sinken soll. „Wir brauchen eine Null an dieser Stelle.“ Daran müssten Länder, Kommunen und Bürger mitwirken.

Der BUND-Mann fragte, ob es denn immer gleich ein Haus oder eine große Wohnung sein müsse. Der Bedarf an Wohnungen sei enorm gewachsen, aber die Erde lasse sich nicht vergrößern. „Es kann auf begrenztem Raum kein unbegrenztes Wachstum geben.“ Michael Rothkegel konnte aber zumindest fürs Apfeldorf ein Stück Entwarnung geben: Den Prognosen zufolge wächst es bis 2030 auf 9900 Einwohner, die nötigen 573 Wohnungen seien durch innerörtliche Verdichtung und die im Flächennutzungsplan bereits enthaltenen 20 Hektar abgedeckt.

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