Gefährlicher Ritt

Weil ein sicherer Weg zum Wald fehlt, bangt der Reitverein um die Existenz

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Die Lage spitzt sich zu – für die Mitglieder des Reitvereins Oberstedten wird es mangels Reitpfad und aufgrund zunehmender Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr immer gefährlicher, in den Wald zu gelangen. Und es steht in den Sternen, wann sich die Situation bessert.

Claudia Vietze ist stinksauer – und sie hat Angst. „Muss erst ein Toter auf der Straße liegen, bis sich etwas tut?“, fragt Vietze, die dem geschäftsführenden Vorstand des Reitvereins Oberstedten (RVO) angehört, empört. In ihrer Verzweiflung haben sich die Reiter erneut an diese Zeitung gewandt. Was sie beschäftigt, ist ein Thema, das ihnen schon seit Jahren die Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Nachdem ihnen im Zuge der Wiederherstellung der Landgräflichen Gartenlandschaft – der Verein liegt an der Grenze zu Bad Homburg, unweit des Gotischen Hauses, und fast die Hälfte der rund 300 Mitglieder stammen aus der Kurstadt – unter anderem untersagt worden war, den Zugang zum Wald unmittelbar gegenüber dem Reiterhof zu nutzen, müssen Mensch und Tier tagtäglich über die vielbefahrene Gotische Straße gen Grün reiten. Erwachsene, aber auch Kinder, die einen großen Teil der Mitglieder ausmachen.

Mit einem Pferd, erklärt Vietze, dürfe man generell nur die Fahrbahn nutzen, und das sei hochgefährlich. In der Realität sei es nun mal kein Auto: „Pferde sind Lebewesen, Fluchttiere“, erklärt sie. Und die Ignoranz der Autofahrer werde schlimmer. „Sie haben immer weniger Verständnis. Wir werden haarscharf geschnitten.“ Auf der anderen Seite, also wenn die Mitglieder über Oberurseler Gemarkung in Richtung Wald reiten, vorbei an der Reformhaus-Fachakademie, ist die Lage kein Deut besser. Abgesehen davon, dass dort „haufenweise“ Verkehr sei, sei die Fahrbahn durch parkende Autos stark verengt. Und offenbar mangelt es immer mehr Verkehrsteilnehmern an guter Kinderstube, von Rücksichtnahme ganz zu schweigen. „Gerade erst ist dort eine Autofahrerin auf eine Reiterin zugerast. Deren Knie war schon an der Karosserie. Dann ist die Fahrerin fluchend über den Bürgersteig weitergedonnert.“ Die erschrockene Reiterin, berichtet

Vietze, habe ihre Tochter dabei gehabt – ein sechsjähriges Mädchen auf einem Pony.

Inzwischen hat sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Homburgerin und ihre Mitstreiterinnen das Ende des seit über 40 Jahren bestehenden Vereins fürchten, der, was die gesunde Haltung anbelangt, erst 2016 als einer der besten Pferdebetriebe Deutschlands ausgezeichnet wurde. „Wir führen hier Kinder an das naturnahe Reiten heran. Aber das ist so gar nicht mehr möglich. Wir kommen aus unserer Anlage überhaupt nicht mehr richtig in den Wald rein. Der Verein geht seinem Existenzende entgegen“, sagt Claudia Vietze. Mehrere Reitverbote auf Homburger Gemarkung – Stichwort Landgräfliche Gartenlandschaft – erschweren die Sache zusätzlich.

Die Lösung eines der drängendsten Anliegen der Aktiven, nämlich erst mal wieder sicher in den Wald zu gelangen, wäre der Reitpfad vis-à-vis am sogenannten Forsthausgelände. Ihn erhofft sich der RVO schon lange (diese Zeitung berichtete), würde sowohl Kosten als auch Pflege übernehmen. Und der Vorstand lässt nichts unversucht, obwohl die Mühlen der Bürokratie im Schneckentempo mahlen: Unermüdlich steht man mit den Spitzen beider Stadtverwaltungen in Kontakt, wie Vietze berichtet, und spricht regelmäßig in den Ortsbeiräten vor.

Und zuletzt sah es gar nicht so schlecht aus: Nach einem entsprechenden Votum des Ortsbeirats Dornholzhausen hatte auch der Ortsbeirat Oberstedten dafür gestimmt, dass sich der Oberurseler Magistrat bei der Stadt Bad Homburg als Pächterin und Hessen Forst als Eigentümerin des Forsthausgeländes dafür einsetzt, dass der RVO dort, auf Homburger Gemarkung entlang der Grenze zu Oberstedten, einen kleinen Reitpfad anlegen darf.

Allein: Jetzt kam dem Verein zu Ohren, dass Hessen Forst dem Vorhaben die endgültige Absage erteilt habe. „Es hieß, im Wald gebe es keine offiziellen Wege, auf die wir einscheren könnten“, so Vietze, die sich echauffiert: „Da mangelt es am guten Willen – seit Jahren. Das ist doch eine Provinzposse!“ Die Stadt Bad Homburg will jetzt – auf Anregung des Vereins – zumindest die Aufstellung von Warnschildern prüfen, die die Autofahrer sensibilisieren sollen. „Wir werden schauen, ob Schilder da ein geeignetes Mittel sind“, sagt Stadtsprecher Andreas Möring auf Nachfrage. Generell aber gelte das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme im Straßenverkehr.

Auch die Stadt Oberursel prüft die Angelegenheit: „Die Abstimmung mit der Straßenverkehrsbehörde im Zusammenhang mit einer möglichen Beschilderung läuft“, erklärt Sprecherin Nina Kuhn. Zudem habe Hessen Forst Vorschläge für Alternativen in der Wegeführung gemacht. „Diese prüfen wir nun“, so Kuhn. Mehr könne man noch nicht sagen. „Sollte sich Hessen Forst auf Initiative Oberursels nun tatsächlich um eine sichere Zuwegung in den Wald bemühen und hier eine umsetzbare Lösung finden, wären wir mehr als dankbar“, freut sich Claudia Vietze, als sie davon hört. Klein beizugeben, den Pfad buchstäblich zu begraben, ist für sie und ihre Vorstandskolleginnen ohnehin keine Option, Schilder hin oder her: „Wir bohren weiter – wir geben nicht auf.“

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