Damals wie heute: An Weihnachten tauchen Kerzen die Roder Kirche in warmes Licht. Schmittmeister Henrich Sorg erzählt vom Heiligabend 1620.
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Damals wie heute: An Weihnachten tauchen Kerzen die Roder Kirche in warmes Licht. Schmittmeister Henrich Sorg erzählt vom Heiligabend 1620.

Weilrods Weihnachten um 1620

Heimatforscher Rudi Kaethner hat die Heilige Nacht in der Lokalgeschichte untersucht

Ein Fest, das noch nicht vom Kommerz geprägt wurde

Vielleicht wird Weihnachten im Jahr 2020 als "Corona-Weihnachten" in die Annalen eingehen. Vielleicht auch nicht, denn es gab schon andere Zeiten, in denen Weihnachten unter bedrückenden Umständen gefeiert wurde, man denke nur an die "Stille Nacht" im Schützengraben 1914. Und die Zeit nivelliert doch, trotz aller Erinnerungskultur, die Schreckensereignisse.

Wie mag vor 400 Jahren Weihnachten gefeiert worden sein? Heimatforscher und Autor Rudi Kaethner aus Weilrod hat den Heiligabend und die Weihnachtstage im Jahre 1620 rekonstruiert und dazu seine Geschichtskenntnisse mit schriftstellerischer Freiheit zu einer Erzählung verarbeitet, die 1972 erstmals veröffentlicht wurde. Anlässlich der runden 400 Jahre, vor der sie spielte, sei sie gekürzt an dieser Stelle in zwei Teilen wiedergegeben. Sie handelt vom Schmittmeister Sorg, eine damals, wie man heute sagen würde, Person des öffentlichen Lebens im Weiltal.

"Rumpelnd holperte die zweispännige Kutsche am Weihnachtsabend 1620 von Emmershausen nach Rod an der Weil. Der Boden war festgefroren, seit dem Vortage deckte dünner Schnee Wald, Wiesen und Felder im Usinger Land. Der Frost war zu früh gekommen in diesem Jahr. Es hatte aber keinen richtigen Herbstregen gegeben. Die Bäche waren fast leer, seit Tagen polterte kein Wasserrad an den vielen Eisenhämmern im Weiltal.

Kriege in Böhmen

In der Kutsche saßen ein alter und ein junger Mann, Vater und Sohn. Sie hatten die gedrungene Gestalt des Nassauers. Weißes Haar quoll unter der Pelzmütze des älteren, in einen wollenen Mantel gehüllten Mannes hervor, der jüngere trug einen gefütterten Wams, sie hatten eine Decke über den Knien. Im fahlen Licht der Winternacht trotteten die Rosse mühselig den Roder Kirchberg hinauf. Je höher es den steilen Berg hinaufging, umso heftiger blies der kalte Wind. Die Männer, denen sie begegneten, zogen die Kappen, denn in der herrschaftlich anmutenden Kutsche saßen der dillenburgische Schultheiß von Emmershausen und Schmittmeister Henrich Sorg und sein Sohn Niclas.

Weihnachten war es immer besonders feierlich in der Roder Kirche. Schmittmeister Sorg mochte es, wenn der junge Johannes Deißler, Sohn des alten Schuldieners Burkhard, mit den Kindern sang.

,Ich möchte, dass der junge Deißler in Rod Schulmeister wird', murmelte der Alte seinem Sohn zu. Vor Jahren hatten sie in Emmershausen einen eigenen Schuldiener, deswegen hatte es mit dem vorigen Pfarrer Conrad Flick oft Streit gegeben. Mit dem jetzigen Pfarrer Johannes Wicht aus Usingen, der vorher Lehrer an der Usinger Lateinschule war, verstand er sich gut.

Einer aus der Familie Wicht spielte in der Usinger Laurentiuskirche die Orgel. Eine Orgel gab es in der Roder Kirche mit ihrem mächtigen Turm nicht. Es soll einmal ein Burgturm gewesen sein, erzählte man sich. Auch das Pfarrhaus soll ein Burghaus gewesen sein, über dem der Pfarrer Hell vor hundert Jahren Fachwerkgeschosse mit einem steilen Dach hatte errichten lassen. Unter solchen Betrachtungen kam die Kutsche vor der Kirche an, und Henrich Sorg stieg mit steifen Beinen heraus, sein Sohn folge ihm leichtfüßig.

"Leg den Pferden die Decken über, es wird kalt", wies Sorg seinen Kutscher namens Hart an. Durch die Kirchenfenster schimmerte warmes Licht. Zu Weihnachten brachten die Kirchgänger immer viele Kerzen mit, aber diesmal waren es weniger. Die Menschen hatten von Kriegen in Böhmen gehört, fürchteten Soldatendurchzüge und waren allgemein nicht mehr so leichtlebig wie sonst. Denn alles war teurer geworden. Kostete ein Pfund Ochsenfleisch 1601 noch 12 Pfennige, so musste man jetzt das Doppelte bezahlen. Irgendetwas schien sich in den Köpfen zusammen zu brauen. Fürchteten sie sich vor Krieg oder der Pest? Aber heute war Christfest, und da sollte man froh sein und schlimme Gedanken verjagen, dachte sich Sorg.

Das Holz war teurer geworden

So viele waren schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen, kam es ihm vor, aber von Festtagsfreude war wenig zu spüren, die Menschen hatten Sorgen.

Die Männer saßen auf der einen Seite des Kirchenschiffs, die Frauen in den Weiberstühlen auf der anderen Seite. Sorg und sein Sohn im eigenen Kirchenstuhl. Einige standen in den Gängen oder lehnten an den Wänden. Viele Gesichter kannte der Schmittmeister.

Sie hatten auf der Hütte gearbeitet oder Eisenstein und Holzkohle herbeigefahren. Auch das Holz war teurer geworden. ,Gut, dass wir unser Kohlholz noch aus den eigenen Wäldern holen können', dachte der Schmittmeister vor sich hin und sinnierte weiter: ,Aber wie lange noch?'

Doch dann fuhr er zusammen: Deißler war mit den Schulkindern hereingekommen. Sie stellten sich vor dem Altar auf, dann erklang, ein wenig rau, aber doch zu Herzen gehend, das lateinische Weihnachtslied:

,In dulci jubilo,

nun singet und seid froh!

Unsers Herzens Wonne

leit in praesepio

und leuchtet als die Sonne

matris in gremio,

Alpha es et O.

Alpha es et O.' "

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