Sucht in Zeiten der Pandemie

Weilrod

  • vonTatjana Seibt
    schließen

Anonyme Alkoholiker kommen noch tiefer in die Krise

Weilrod -Kontaktbeschränkungen treffen nicht nur Alleinstehende und Kinder in der Corona-Krise hart, sondern auch Psychisch- und Suchterkrankte. Das weiß Hans-Joachim Mühle, der die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker in Altweilnau leitet, nur allzu gut. "Das ist eine harte Zeit, in der wir uns nicht treffen können", schildert er. Einmal in der Woche, immer dienstags, sind die Treffen. "Eine Viertelstunde vorher und nachher ist noch Zeit zum privaten Reden", beschreibt Mühle den Ablauf.

Das sei wichtig, um engere Kontakte zu knüpfen, mal etwas zu bereden, was nicht im großen Kreis erörtert werden soll. Doch all das kann schon seit Wochen in gewohnter Form nicht mehr stattfinden. "Ich hatte schon Anrufe wo man mir sagte ,Hansi, mir fehlt was'", sagt Mühle. Der Gruppenleiter vergleicht die Treffen gerne mit einem Medikament, das ein Diabetiker nehmen muss, um mit seiner Krankheit zurecht zu kommen. "So ähnlich ist das hier auch."

Es gehe darum, mit einer noch immer bestehenden Krankheit zurecht zu kommen und die Treffen dienten als eine Art Anker und Halt im Leben. Der persönliche Kontakt dabei sei wichtig, sogar sehr. "Weil das aber im Moment nicht geht, machen wir Telefonkonferenzen", sagt Mühle. Das ersetze keineswegs das persönliche Gespräch. Aber es biete eben einen minimalen Halt in der Zeit der Kontaktbeschränkungen, die gerade für Menschen mit einer psychisch labilen Persönlichkeit gefährlich werden könne, so Mühle.

Dass er schon seit 25 Jahren die Erkrankung im Griff hat, daraus macht er gar kein Geheimnis. Trocken sein, das ist ein Erfolg, aber er ist zerbrechlich. "Deswegen lasse ich für mich die Treffen am Dienstag auch nur höchst ungern ausfallen", sagt er.

Bislang gibt es keine Rückfälle

Sie sind ein festes Ritual, ein Anker im Leben und eine fortwährende Erinnerung daran, wo er nie wieder hin möchte. "Bislang haben wir noch keinen verloren, sprich es wurde keiner rückfällig", freut sich Mühle. Das wiederum ist dem regelmäßigen Kontakt zu verdanken, und der sei derzeit noch wichtiger als sonst. "Deshalb rate ich allen, dass sie sich Freunde suchen, die sie im Notfall anrufen können." Diese dienten als weiterer Rettungsanker, wenn die Erkrankten feststellten, dass sie es jetzt alleine womöglich nicht schaffen. Lernen, mit sich selbst klarzukommen, das sei ein fortwährender Prozess.

Bei den Treffen gebe es stets ein Thema, "es sei denn es kommt jemand Neues dazu, dann gehört ihm dieser Abend." Auch würden sich die Themen bei den Einzelnen durchaus auch mal wiederholen, aber das diene dazu, alle auf den gleichen Stand zu bringen. "Die Zeit überholt uns", klinge erst einmal nicht nach einem Thema, das sich leicht mit Alkohol in Verbindung bringen lasse, und auch ein Reisebericht aus Australien scheine nichts mit Sucht zu tun zu haben. "Aber es geht bei unseren Treffen auch darum, Alternativen und Perspektiven aufzuzeigen, wenn Alkohol nicht mehr dein bester Freund ist", sagt Mühle.

Persönlicher Kontakt ist sehr wichtig

Und damit diese nicht verloren gingen, müsse das Ganze nun eben per Telefonkonferenz stattfinden. Doch Mühle hofft inständig, dass die Menschen, die aus drei Landkreisen zur Selbsthilfegruppe kommen, sich schon bald wieder persönlich in die Augen schauen können, um einander noch mehr Halt und Kraft in der Corona-Krise zu geben.

Wer Informationen oder Rat sucht, dem steht Hans-Joachim Mühle gerne unter der Telefonnummer (0 60 83) 17 77 zur Verfügung. von Tatjana Seibt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare