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Angelika Maarouf hat immer eine offene Tür für Mitfahrer, wenn sie von Wehrheim nach Obernhain fährt. Und mit ein bisschen Farbe wäre die Mitfahrerbänke besser zu erkennen, und würden vielleicht auch mehr genutzt (kleines Foto).

Neues "Trampen"

Weilrod: Mitfahrerbänke für Bürger ohne Auto machen Schule

In Weilrod sind einige Ortsteile durch Mitfahrerbänken mit der Kerngemeinde Rod an der Weil verbunden, weitere kommen demnächst, und im nächsten Jahr sollen alle Ortsteile ausgestattet sein. In Usingen wird derzeit diskutiert, ob Mitfahrerbänke in den Stadtteilen eingerichtet werden sollen, um die Mobilität zu verbessern, oder ob es einen Bürgerbus geben soll. Deshalb haben wir diese Art der Mobilität getestet und uns in Obernhain auf die Mitfahrerbank gesetzt, um zu testen, wie zuverlässig das System funktioniert.

Weilrod - Zugegeben, den Daumen zum Trampen hoch zu halten war nie mein Ding. Die Mitfahrerbank ist jedoch etwas anderes, da braucht man keinen Daumen. Es ist Freitagmorgen, 9 Uhr. Der Himmel ist grau und es nieselt, nicht die beste Zeit, um mitgenommen zu werden. Ich setze mich auf die leicht feuchte Bank unter dem Lindenblätter-Dach in Obernhain, warte und zähle die Autos. Die meisten Fahrer schauen geradeaus, haben die Bank nicht im Blick.

Die von rechts aus dem Mühlenweg kommenden sehen sie nur am Rande. Dennoch habe ich Glück. Nach gerade mal fünf Minuten kommt die achte Autofahrerin aus dieser Richtung und biegt zunächst nach Wehrheim ab. Aber Silvia Götzinger hat mich gesehen, kehrt um, öffnet die Tür und wir kommen schnell ins Gespräch. Bis vor fünf Jahren hat sie in der Kerngemeinde gelebt, jetzt in Obernhain. "Ich finde die Idee der Mitfahrerbänke gut." Bisher habe sie aber noch niemanden auf der Bank sitzen sehen.

Ruck, zuck sind wir in Wehrheim, es dauerte nur zehn Minuten vom Hinsetzen bis zum Ankommen. Ein positiver Nebeneffekt: Man lernt neue Leute kennen, und kommt ins Gespräch.

Wenige halten

Der Weg zurück ist schwieriger. Im Obernhainer Weg fahren viele Autos, lange nicht alle nach Obernhain, und die wenigsten werfen auch nur einen Blick in Richtung Bank. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis ein Auto hält. Es ist Angelika Maarouf. Sie fahre regelmäßig zu ihrer Tochter nach Obernhain und habe immer einen Blick auf die Bank. Die Dame, die sie vor einiger Zeit mitnehmen wollte, habe hier aber wohl nur frühstücken wollen. Dennoch findet Angelika Maarouf die Idee gut. "Das muss erst noch ins Bewusstsein der Menschen kommen."

Mitfahrbank in Weilrod.

Fazit: Fürs Warten und Mitfahren habe ich eine Dreiviertelstunde gebraucht. Für die beschwerlichere Rückfahrt könnte die Idee von Bürgermeisterkandidatin Tanja Kaspar, die das Projekt für die FDP im Parlament eingebracht hat, greifen: "Wenn ich jemanden mitnehme (was sie schon des öfteren getan hat), verabrede ich mich schon auf der Hinfahrt für den Rückweg."

Sie bedauert, dass die Bänke ihrer Meinung nach "ungewollt" behandelt werden. "Das stößt in Obernhain unangenehm auf." Zudem seien sie noch nicht optimal aufgestellt, nicht gut zu sehen und oft zugeparkt. Auch ein bisschen Farbe könnte zum besseren Erkennen beitragen. In Pfaffenwiesbach habe sich der Ortsbeirat dagegen entschieden, obwohl ihren Informationen nach Interesse bestehe.

Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) steht dem Projekt aufgeschlossen gegenüber, auch wenn er Bedarf aus anderen Ortsteilen nicht sieht. Viele - wie auch er - nehmen Bürger mit, die am Straßenrand stehen. In Weilrod gibt es ebenfalls unterschiedliche Meinungen: Bürgermeister Götz Esser (CDU) bricht eine Lanze für die Mitfahrerbänke: "Der Erfolg gibt uns recht, denn nur was erfolgreich ist, wird nachgeahmt."

Nach Hasselbach, Riedelbach und Rod an der Weil bekommen demnächst Emmershausen, Winden, Gemünden und Niederlauken Bänke, und bis Ende nächsten Jahres sollen alle Ortsteile verbunden sein.

Nicht so positiv sieht das die SPD. Für den Vorsitzenden Arno Hahn ist der Gedanke zwar gut gemeint, er vermutet aber, dass es längere Zeit dauert, bis ein solches Angebot angenommen wird. Vielleicht trage dazu bei, dass das Thema Mitfahrerbank derzeit auch in anderen Kommunen diskutiert werde. Er kritisiert, dass diese solche Mitfahrgelegenheiten nicht kalkulierbar und für Kinder und Jugendliche nicht sicher seien. "Für eine Bürgerbeförderung sehe ich persönlich die Bänke nicht als die erste Wahl." Bleibt abzuwarten, wie Usingen sich entscheidet. Hier denkt die Politik zurzeit sowohl über Mitfahrerbänke nach.

Die Idee der Mitfahrerbänke kommt vom "Netzwerk Mobilität in der Verbandsgemeinde Speicher", einer Verbandsgemeinde in der Eifel mit sechs Ortsteilen. Hier machte man sich schon 2014 darüber Gedanken, dass das Leben in kleinen Dörfern noch so idyllisch sein kann, wenn für Ältere und junge Leute der Einkauf, der Besuch beim Arzt oder der Gang zur Bank zur logistischen Herausforderung wird.

Die Idee war, dass praktisch im Minutentakt jemand von einem zum anderen Dorf fährt, und der dabei jemanden kostenfrei mitnehmen kann. Das Ganze mit einer App auch noch im Voraus zu planen, haben die Organisatoren aber verworfen. Die Bänke haben sich bewährt, nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch in Sachen Mitmenschlichkeit, Kooperation und ganz neuer Kommunikation.

mai

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