+
Joachim Zeune dokumentiert die Ausgrabungsstätte detailgetreu in einer Kladde. Später wird diese zu einer Art Regiebuch für die Visualisierung der Ruinenanlage. foto: alexander schneider

Ruine im Hochtaunus 

Archäologen graben weitere Teile der Kirchenruine Landstein aus

  • schließen

Eine zweiter Chorraum und weitere Grundmauern gehören zu den neuesten Fundstücken am Grabungsort der Archäologen. 

Weilrod - Mit einer roten Schleife wird das Westwerk der Kirche am Landstein mit dem Spitzbogenportal 2022 wohl nicht geschmückt sein. Dennoch macht sich der Hochtaunuskreis mit der dann fertigen Sanierung der Ruine selbst ein Geburtstagsgeschenk, er wird übernächstes Jahr nämlich 50.

Die Kirche ist eines der wichtigsten Baudenkmäler im Hochtaunus. Ihre Sanierung wird vom Bund mit 300 000 Euro unterstützt. Das Werk dürfte im Zuge des Jubiläums eine große Rolle spielen. "50 Jahre Hochtaunuskreis" sind gemessen an der Genese der Mitte des 15. Jahrhunderts erbauten Kirche kaum mehr als ein Wimpernschlag. Schon jetzt steht kirchenhistorisch gesehen fest, dass sie für die damalige Zeit und auch für das Weiltal eine geradezu kathedrale Anmutung gehabt haben muss.

Überraschungen reißen nicht ab

Doch nicht nur für Landkreis und Kirchenforscher ist die Renaissance des Bauwerks ein Geschenk, sondern auch für Joachim Zeune und sein Team: "Wir erleben hier ständig Überraschungen", sagt er strahlend. Es sind Überraschungen mit Tiefgang: Die Kirche wird mit jeder Sondierungsgrabung größer. Der im bayerischen Eisenberg ansässige promovierte Mittelalterarchäologe, Historiker und Burgenforscher hat die vergangenen drei Wochen wieder einmal damit verbracht, verloren Geglaubtes erst mit schwerem, dann mit immer feinerem Werkzeug freizulegen.

Tonnenweise Erde musste abgetragen werden. Die Arbeiten erfolgten in Zeiten der Corona-Krise mit dem notwendigen Sicherheitsabstand. Zwar heißt es, dass Geschichte sich nicht wiederholt. Die Grabungen am Landstein scheinen aber die Ausnahme von der Regel zu sein: Zeune und sein Team dringen in eine Zeit vor, in der Europa gerade von der Pest heimgesucht wurde.

Das Grabungsfeld wurde immer größer, die Forscher kamen förmlich mit jeder Schippe Erde aus dem Staunen nicht heraus. Dass es sich erst um eine relativ kleine Kapelle gehandelt hat, die mit Beginn der Wallfahrten zu einer etwa 40 Meter langen Kirche ausgebaut wurde, galt bereits im vergangenen Sommer als Sensation. Auch waren damals Reste des den Altar umgebenden Chors nebst sandsteinernen Säulenfundamenten gefunden worden.

Jetzt haben Zeune und seine Kollegen mit Unterstützung vieler Freiwilliger weitergegraben. Zum Vorschein kamen Mauerreste eines zweiten Chorraums. Der war um den ersten, kleineren Chor herumgebaut worden. "Anhand der Maueranschlüsse können wir das jetzt bauhistorisch beweisen", so Zeune. Fest steht nun auch, wohin die dreistufige, an den Altar anschließende Treppe führt: "Zum Boden des Langhauses, der dürfte noch 50 Zentimeter unter dem jetzigen Niveau liegen, wird aber nicht freigelegt", sagt Zeune, der alle Befunde vermisst und dokumentiert.

Freigelegt werden konnten zuletzt auch die Grundmauern der vom Eingang der Kirche her gesehen links angebauten Sakristei. Der Verlauf der Mauern ließ die Forscher staunen, die Sakristei hatte die Form eines Pentagons. Schon an anderer Stelle haben sich diese Grundrisse gefunden: "Offenbar hatte damals jemand ein Faible für Fünfeckiges, der gleiche Architekt war es wohl nicht, da liegen 100 Jahre dazwischen", wundert sich Zeune. Er wundert sich auch über den exzellenten Erhaltungszustand der Ruine, über die das Gras der Jahrhunderte gewachsen ist.

Virtueller Rundgang soll möglich sein

Die Grabungen sind weitgehend abgeschlossen. Im Juni werden die Archäologen erneut anrücken, dann werden die kniehoch freigelegten Mauern gegen Nässe versiegelt. Der hintere Teil der Anlage mit den Resten der beiden Chöre und dem Altarsockel soll später abgesperrt werden. "Es wird nicht begehbar sein", so Zeune. Nach der als nächstes anstehenden Sanierung des Westwerks soll dann die Fläche des Langhauses, das etwa die Größe der Usinger Laurentiuskirche hat, als Veranstaltungsfläche, auch für Gottesdienste, hergerichtet werden.

Besucher werden sich auf Schautafeln ein Bild von der Kirche machen können, dann soll auch ein virtueller Rundgang möglich sein. In der Planung ist auch eine kirchen- und bauhistorische Broschüre.

Das Ausmaß der Kirche ist aus der Nullebene heraus schwer zu fassen. In Zeunes Kopfkino läuft jedoch längst der Film ab, den es für die Öffentlichkeit zwar noch nicht gibt, nach dem Abschluss der Arbeiten Ende 2021 aber geben wird. Wenn alles fertig ist, wird eine Drohne zum Einsatz kommen. Dann werden die Dimensionen erst richtig sichtbar. 

Von Alexander Schneider

Unbekannte Vandalen hinterlassen eine Spur der Verwüstung am Erlebnispfad in Weilrod: Der Bürgermeister ist entsetzt: „So schlimm wie jetzt war es noch nie.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare