"Wildwechsel": Diese Verkehrsschilder finden sich im Usinger Land an sehr vielen Landstraßen, auch zu Recht, kommt es doch immer wieder zu Wildunfällen. Besonders groß ist die Gefahr derzeit aber wegen der "Blattzeit", der Paarungszeit der Rehe, in der Rehe die Straßen auch an Stellen überqueren, wo keine Schilder stehen.
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"Wildwechsel": Diese Verkehrsschilder finden sich im Usinger Land an sehr vielen Landstraßen, auch zu Recht, kommt es doch immer wieder zu Wildunfällen. Besonders groß ist die Gefahr derzeit aber wegen der "Blattzeit", der Paarungszeit der Rehe, in der Rehe die Straßen auch an Stellen überqueren, wo keine Schilder stehen.

Usinger Land

Wildwechsel beginnt: Tipps für Autofahrer

  • VonAlexander Schneider
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Auch abseits der Schilder und zu jeder Tageszeit ist auf den Straßen in der Brunft- oder Blattzeit Vorsicht geboten

Usinger Land -Autofahrer sollten jetzt besonders vorsichtig sein: Es ist wieder "Blattzeit" beim Rehwild, so nennt der Jäger das, was beim Rotwild als Brunftzeit bezeichnet wird, und viele liebestolle Böcke das Leben kostet. Thomas Götz, stellvertretender Leiter des Forstamtes Weilrod, sagt: "Jetzt, ab Mitte Juli bis in den August hinein sind die Böcke besonders empfänglich für weibliche Reize, sie jagen paarungsbereiten Ricken hinterher und treiben sie dabei oft über vielbefahrene Straßen, wo nicht wenige von ihnen von Autos erfasst und getötet werden."

Was Fahrschüler eingepaukt bekommen, dass nämlich wo ein Reh ist, meistens weitere folgen, sei zwar richtig, in der Blattzeit aber anders: "Entweder es erwischt den völlig unberechenbar die Straße querenden Bock alleine, oder die von ihm getriebene Ricke - unterwegs sind also ein, maximal zwei Stücke", erläutert Götz.

Immer bereit sein zu bremsen

Verkehrsschilder, die auf Wildwechsel hinweisen, sollten zwar immer bremsbereit passiert werden, jetzt aber sei noch deutlich mehr Vorsicht geboten; auch abseits der Wildwechsel-Schilder. Diese stehen häufig dort, wo das Wild für gewöhnlich in der Dämmerung seine Unterstände verlässt, um auf die Äsungsflächen auszutreten. "In der Blattzeit kann das überall passieren und nicht nur in der Dämmerung, auch tagsüber. Die Paarungsbereitschaft ist an keine Tageszeit gebunden", sagt der Experte für die Liebe unter Rehen. Von denen gibt es derzeit mehr als genug, weshalb sie auch stärker bejagt werden.

Die riesigen Kahlflächen, entstanden durch die Borkenkäferkalamitäten, haben sich im Frühjahr zu Äsungsflächen für Reh- und Rotwild entwickelt. Um die Bock-Population zu dezimieren, sei man auch von der klassischen Schonzeit abgewichen, beziehungsweise habe deren Beginn nach vorne, in den April hinein, vorverlegt: "Im Staatswald konnten wir feststellen, dass es dadurch erheblich weniger Wildunfälle mit Rehböcken gegeben hat. Durch den stärkeren Abschuss ist der Rehwildbestand aber alles andere als gefährdet, beruhigt Götz. Was aber kann der Autofahrer tun? Götz: "Er sollte bei Fahrten auf Straßen durch Waldgebiete grundsätzlich immer bremsbereit sein, dabei aber auch immer auf den nachfolgenden Verkehr achten.

Zusammenstoß mit fatalen Folgen

Bevor es zu einem schweren Auffahrunfall kommt, ist Draufhalten immer noch das Mittel der Wahl. "Dem Tier ausweichen, ist gar keine gute Idee." Heißt: "Safer Sex für Ricke und Bock mit dem Bremspedal . . ." Besondere Schwerpunkte im Usinger Land, in denen es zu Wildunfällen in der Blattzeit kommen kann, gibt es nicht, "es kann überall passieren", so Götz. Wildunfälle mit Rehen können fatale Folgen haben: Beim Aufprall mit einem Reh mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm und einer Fahrgeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde werden Kräfte von rund einer halben Tonne wirksam. Paarungswillige Rehböcke spielen in der Blattzeit häufig mit ihrem Leben, indem sie pfiffigen Jägern auf den Leim gehen und vor die Flinte laufen:

Der Begriff "Blattzeit" hat nämlich nichts mit dem Schulterblatt der Tiere ("Blattschuss") zu tun, sondern mit dem Nachwuchs. Rehkitze stoßen beim Rufen nach der Mutter fiepsende Laute aus, die geschickte Jäger mittels eines Blattes oder eines Grashalms erzeugen können: Halm zwischen die Daumen klemmen, durchblasen, und schon fiepst es. Wenn man's kann. Der Bock glaubt dann, ein Kitz zu hören und wähnt die Ricke seiner Wahl in dessen Nähe.

Einmalige Fortpflanzung

Das Besondere an der Fortpflanzung bei Rehen ist, dass die Ricken sehr schnell nach dem Setzen der Kitze wieder aufnahmefähig sind. Die Rehgeiß ist dann etwa drei bis vier Tage lang paarungsbereit oder brunftig. Nach 40 Wochen Tragezeit setzt sie in der Regel ein bis zwei Kitze im Mai des nächsten Jahres. Das kann sie jedoch nur, indem sie eine so genannte Eiruhepause einlegt. In dieser etwa 18 Wochen dauernden Zeit pausiert die Entwicklung der befruchteten Eizelle.

Gäbe es die Eiruhe nicht, würden die jungen Kitze im kalten Winter zur Welt kommen. Die Natur hat hier also vorgesorgt, sodass die Kitze erst im Mai geboren werden können, wenn bereits genug Grünpflanzen Platz für Deckung und Nahrung bieten. "Beim Schalenwild ist dieser von der Natur sehr geschickt ausgedachte Vorgang einmalig, beim Rotwild gibt es ihn zum Beispiel nicht, wohl aber bei Mardern und Braunbären", erläutert Götz.

Von Alexander Schneider

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