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»Wie schwer ist ein Gramm?«

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Abschied von Quentchen und Loth: Bei der Einführung des metrischen Systems vor 150 Jahren müssen sich sowohl Kunden als auch Händler, Bauern und Behörden mächtig umstellen. © Imago Sportfotodienst GmbH

Usingen. Eine Generation, die nur sich nur im USA-Urlaub auf inch, feet, mile oder fl. ounces umstellen muss, kann diese nachhaltige Umwälzung nur schwer nachvollziehen: Ein Jahr nach dem siegreichen und entsprechend glorifizierten Krieg gegen Frankreich und der Gründung des Deutschen Reichs trat zum 1. Januar 1872 das Gesetz über die Maß- und Gewichtsordnung in Kraft.

Damit wurde reichsweit das metrische System eingeführt, das mit dem Durcheinander von Maßen und Gewichten in den einzelnen Ländern Deutschlands aufräumte.

Klafter, Fuß und Schuh ade

Bauern, Handwerker, Kaufleute oder auch Holzhändler mussten sich umgewöhnen. Das dauerte, wie ein Blick in den Usinger Anzeiger / Amtsblatt für den Amtsbezirk Usingen« des Jahrgangs 1872 belegt. Am 1. Februar erschien hier ein Bericht über die eine Versammlung des »landwirthschaftlichen Kränzchens zu Eschbach«, in der auf Antrag eines Mitgliedes »ein Vortrag über die Körpermaße mit besonderer Rücksicht auf unser neues Holzmaß gehalten« wurde. Der Referent rechnete eifrig um: »Als Rechnungseinheit für aufgeklaftertes Holz ist das Kubikmeter anzuwenden. Die Holzstöße enthalten in der Regel vier Kubikmeter. Ein Holzstoß von vier Kubikmeter soll zwei Met. 8 Dezim. breit, 1 Meter 2 Dezim. 1 Zentim. hoch und 1 Met. 2 Dezim. lang sein, was 9 ein Drittel, 4 ein Dreißigstel und vier Werkfuß entspricht. In der Höhe von 1 Met. 2 Dezim. 1 Zentim. ist zugleich das sogenannte Schwindemaß enthalten. Der neue Holzstoß enthält also vier ein Fünfzehntel Kubikmeter. Das seitherige Klafter enthält 144 Kubikschuh.«

100 Wellen gleich vier Kubikmeter

So weit alles klar? Nein, deswegen folgten viele weitere Beispiele für die Anwendung der Umrechnungsfaktoren, wobei »in Bezug auf die Wellen« zu vermerken sei, »daß dieselben einen Umfang von 1 Meter und eine Länge von 1,2 Meter haben sollen. 100 Wellen gleich vier Kubikmeter.« Wichtig: Die Forstbehörde nenne die festen Holzmassen Festmeter; den Inhalt des aufgeklafterten Holzes Raumkubikmeter oder abgekürzt Raummeter. Ob ungewohnt oder nicht: Auch im Usinger Land musste ein jeder das metrische System schnellstmöglich verinnerlichen, denn die Mengenangaben fanden zumindest offiziell sofort Anwendung, etwa in den vielen Anzeigen des Usinger Amtsblattes zu Holzverkäufen.

Ein wenig Spott zum Meter

Ein wenig Spott mischt mit in einem »Gedicht«, das der Usinger Anzeiger im März 1872 offenbar als wohlgemeinte Hilfestellung veröffentlichte:

Meter und Fuß, resp. Zoll

Der Tischler zu seinen Leuten

»Wir leben nicht mehr auf dem alten Fuß, das gibt wohl noch manchen fatalen Verdruß. Der neue Meter, der Dezimeter, der Centimeter und der Millimeter sind aber auch arge Schwerneöther.

Der Meter ist gleich drei Fuß und zwei Zoll, die letzten nehmt noch ein wenig voll. Der Dezimeter als zehnter Teil hält 3 acht Zehntel Zoll, und weil der Centimeter noch kleiner ist, nicht mehr als vier Zehntel Zoll er mißt. Der Millimeter, der schmächtge Junge, hat die Statur einer Fliegenlunge. Der Fuß, darauf besteht er, hat 31 vier Zehntel Centimeter. Zwei einhalb Centimeter verlangt der Zoll und reichlich sogar, wenn es stimmen soll. Das merkt Euch: Nach diesen schlechten Reimen sollt ihr in Zukunft die Kunden leimen.«

Wir wissen nicht, ob die Unsicherheit im Umgang mit dem neuen metrischen System anhielt oder ob es Restbestände waren: Jedenfalls inserierte der Verlag des Usingers Anzeigers am 27. April 1872 in eigener Sache, fragte: »Wie verhält sich Fuß zu Meter und Morgen zu Ar?« und bewarb ein »practisches Hilfsbuch für Zimmerleute, Maurer, Schreiner, Weißbinder, überhaupt Bauhandwerker, Bauunternehmer, Architekten, Wegbauer, Bahnbeamten, Oeconomen etc« zum Preis von 18 Kreuzern.

»Reductionstabelle« und Rechenbeispiele

Nebenbei bemerkt: Die Umstellung der Währung im Deutschen Reich von Talern, Groschen und Kreuzern auf Mark und Pfennig sollte erst 1874 erfolgen. Besagtes Büchlein enthielt »52 Reductionstabellen und Preisumrechnungen«. Unter der Überschrift »Wie schwer ist ein Gramm und wie soll man nach dem neuen Gewicht verkaufen?« wurde in besagter Anzeige auch eine »sichere Auskunft für Kaufleute, Bäcker, Metzger und alle Geschäftsleute, welche auswiegen, in acht Tabellen« angepriesen. Beide Büchlein seien »vorräthig in L. Wagner’s Buchdruckerei« in Usingen.

Auch die - heute würde man sagen »Hardware« - wurde schnell zur Verfügung gestellt, wie eine Anzeige vom 20. April 1872 zeigt: »Geaichte Schnellwaagen nach der neue Instruction sind stets zu haben bei Heller in Usingen«. Unfreiwillig komisch eine Anzeige, die Ph. Ludwig Pulch aus Weilmünster im Amtsblatt schaltete: »Hiermit zeige ich an, daß ich jetzt hinlänglichen Vorrath von Schnellwaagen, von 2, 3 und 4 Ztr. Tragfähigkeit habe, um allen Nachfragen genügen zu können. Gleichzeitig bemerke ich, daß die Ketten viereinviertel bis viereinhalb Fuß lang sind.« Neue Waage, altes Längenmaß...

Weg mit der alten Grenzsäule

Vor solchen »Rückfällen« ins alte System waren auch die offiziellen Stellen nicht gefeit. Am 6. April 1872 inserierte das Königliche Amt: »Im Auftrage Königlicher Regierung soll eine ehemals Nassauische marmorne Grenzsäule, etwa 7 Schuh Länge und 2 Schuh Durchmesser haltend, am Dienstag, den 16. d. Mts., Nachmittags 3 Uhr, auf dem Rathhause zu Wehrheim öffentlich an den Meistbietenden versteigert werden.«

Während Fuß, Schuh, Zoll offiziell ja weichen mussten, blieb der Zentner bis heute in Gebrauch, denn ein Zentner hatte nun mal 100 Pfund und entsprach damit 50 Kilogramm, während das Quentchen ein bescheidenes Viertel Loth und ein Loth lediglich 1/32 Pfund und somit nur schiefe 15,625 Gramm auf die (neue Schnell-) Waage brachte - und daher wegfallen musste..

»Neue Maaße in rother Tinte«

Das metrische System beschäftigte schließlich auch das Heer der Beamten im Deutschen Reich - und im Amtsbezirk Usingen. Am 4. Mai 1872 wies das Königliche Amtsgericht Abteilung zwei in Usingen die Feldgerichte des heimischen Amtsbezirks an, bei der Führung der Duplicatstockbücher und der Hypothekenbücher künftig wie folgt zu verfahren: »Zur Unterscheidung von den mit schwarzer Tinte geschriebenen Flächengehaltsangaben nach altem Maaße - Morgen, Ruthen, Schuh - sind zufolge des Bundesgesetzes vom 17. August 1868 auf Messungen nach dem 1. Januar 1872 beruhende Einträge der Flächeninhalt nach neuem Maaße - Hectar, Ar, Quadratmeter - in rother Tinte ausgeführt.«

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ua_damals © Red

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