70 Jahre Kriegsende

Wunderschöner Hoffnungsstrahl

Zum Osterfest vor 70 Jahren stand das Kriegsende zwar kurz bevor, doch es wurde auch im Taunus immer noch hart gekämpft. Zeitzeuge August Will erinnert sich: „Der Gottesdienst am Karfreitag, am 30.

Zum Osterfest vor 70 Jahren stand das Kriegsende zwar kurz bevor, doch es wurde auch im Taunus immer noch hart gekämpft. Zeitzeuge August Will erinnert sich: „Der Gottesdienst am Karfreitag, am 30. März 1945, war gut besucht. Während der Predigt hörte man das Grollen der Artillerieeinschläge aus Richtung Wehrheim und dem Usinger Land. An diesem Tag rollte eine kleine Lkw-Einheit durch Köppern. „Ach du liewe Zeit, die Russe komme!“, rief eine Einwohnerin aus der Austraße. Sie hatte die fünfzackigen weißen Sterne auf den Autos mit dem roten Stern der Russen verwechselt. Bald folgte eine starke amerikanische Armee-Einheit mit Jeeps, Lkw und Panzern aus Richtung Friedrichsdorf. Die Köpperner staunten besonders über die farbigen Soldaten im Jeep und überhaupt über das lockere Auftreten der Amerikaner. Kampfhandlungen fanden in Köppern nicht statt.

Auf dem Schulhof wurde ein Sammelplatz für gefangene deutsche Soldaten eingerichtet. Begegneten sie auf der Hauptstraße den Amerikanern, wurden sofort von den Lkw aus Waffen auf sie gerichtet. Zwei junge Flaksoldaten irrten ängstlich und orientierungslos herum, die amerikanischen Waffen folgten ihren Bewegungen. Das Ehepaar Karl und Lina See (Brücken-See) erkannte die Gefahr, stellten sich zwischen Lkw und Flaksoldaten, bugsierten die verwirrten Jungs in ihren großen Hof und retteten ihnen dadurch wahrscheinlich das Leben. Andere Soldaten hatten nicht so viel Glück.

Es wurde weiter gekämpft. Die Reste des 6. SS-Gebirgs-Jägerregiments 11 lieferten sich mit der 76. US-Panzerdivision heftige Kämpfe. Im Raum Schmitten starben 89 Amerikaner und 18 Deutsche. Am 31. März waren auch diese Kämpfe beendet, doch Reste der SS-Gebirgsjäger operierten weiter hinter den Linien, nahmen sorglos operierende Amerikaner gefangen und ernährten sich von deren Marschverpflegung. Die Amerikaner reagierten. Am Ostermontag setzten sie 14 Bataillone der 71., 5. und 66. Division in Marsch und nahmen die SS-Gebirgsjäger gefangen.

„Auch danach waren noch amerikanische Patrouillen unterwegs, um nach versprengten deutschen Truppenteilen zu suchen. Sie trafen auf 8 Soldaten der Wehrmacht, obwohl unbewaffnet und mit weißer Fahne ausgestattet, wurden sie sofort erschossen. Möglicherweise wurden sie mit einer SS-Division verwechselt. Die Erschossenen haben ewige Gräber auf dem Alten Köpperner Friedhof. In dieser gefährlichen Situation rückte der Köpperner Volkssturm gar nicht erst aus. In der Chronik von Lehrer Heinrich Blaß steht: „Er tat vielleicht das Klügste, was man tun konnte, verhielt sich ruhig und still, weil es sowieso an Uniformen und Waffen mangelte, oder er mied die Berührung mit dem Feinde.“ Weiter berichtet August Will: „Die amerikanische Militärregierung forderte in den ersten Apriltagen alle nach Köppern heimgekehrten Soldaten auf, sich unverzüglich zu melden, auch mit der Warnung, falls sie in Zivilkleidung erwischt würden, könnten sie als Spione erschossen werden.“ Natürlich versuchten viele Soldaten – wie überall in Deutschland – ihre Uniformen gegen Zivilkleidung und Fahrräder einzutauschen, um schnell wieder nach Hause zu kommen.

Doch in dieser chaotischen Osterzeit 1945 gab es einen wunderschönen Hoffnungsstrahl. Am 29. März 1945 wurde in der Volksschule Köppern unter dem Donnergrollen der Artillerie ein Baby geboren. „Ich war sehr ruhig, und mir und meinem Baby Sylvia ging es gut“, berichtet Mami Ilse Levermann, Tochter des Schulrektors Emil Schmidt. Wenige Tage später quartierten sich amerikanische Soldaten in die Schule ein. Eigentlich hätte die ganze Familie die Schule sofort verlassen müssen. „Meine Mutter sprach sehr gut Englisch, und sie konnte den Offizier überzeugen, dass ich mit dem Baby bleiben musste.“ Denn Mutter und Kind brauchten Zugang zu Küche und Bad. Doch die Situation hatte für die frischgebackene Mami etwas Unheimliches. „Ich musste häufig mit dem Baby 48 Stufen nach unten ins Erdgeschoss steigen und dabei an den offenen Klassenräumen vorbeigehen. In jedem der 5 Klassenräume waren 50 Soldaten untergebracht. Und die waren ja bisher unsere Feinde gewesen.“ Die junge Mutti fand für sich selber eine Lösung. „Ich habe denen nichts getan, dachte ich mir, dann tun die mir auch nichts.“ Und alles ist gut gegangen.

Am 11. Mai kehrte dann der frisch gebackene Vater Fritz Levermann wohlbehalten aus dem Krieg zurück und konnte sein Baby auf den Arm nehmen. Er war später der letzte Bürgermeister von Köppern (1958–1972).

(wös)

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