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Zunächst verpönt, heute mittendrin

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1999 fand sogar ein Westernschießen statt - mit Vorderladergewehren und viel Pulver. © Red

Ein Verein, der 600 Jahre alt wird - Vergleichbares kann man an einer Hand in der Region abzählen. Aber der Usinger Schützenverein 1422 feiert dieses besondere Jubiläum - und das gleich mehrmals. Da die Schützen natürlich auf eine bewegte Geschichte verweisen können, widmen wir ihnen eine dreiteilige Serie. Im letzten Teil schauen wir auf die Nachkriegsjahre bis heute.

Usingen. Mit der Kriegszeit endete die aktive Vereinsarbeit der Schützen. Am 10. Juli 1940 trafen sie sich zur letzten Jahreshauptversammlung. Danach kam das Schützenleben zum Erliegen. Und auch nach der Kapitulation schoben die Alliierten dem Vereinsleben mit uniformierten Waffenträgern einen Riegel vor. Die Vereine konnten erst mit Gründung der Bundesrepublik wieder an ein Vereinsleben denken. Und die Menschen verspürten durch Not und Elend, Hunger und Obdachlosigkeit und die Schrecken des Krieges auch wenig Lust, wieder schnell zur Waffe zu greifen.

Das Schützenhaus war auf Anweisung der Besatzungsmacht abgebaut worden, die betonierten Flächen gesprengt. Zudem war Schießsport in der Gesellschaft schwer verrufen, schon ein Luftgewehr löste Proteste aus. Doch die alten Mitglieder trafen sich hin und wieder und sprachen über die Zeiten, als der Verein aktiv war. Im Lauf der Jahre verblasste der Irrglauben, dass Schützenvereine mit als Kriegstreiber dienten und der militärischen Ausbildung Vorschub leisteten.

Am 16. September 1951 gründete sich dann der Deutsche Schützenbund, am 14. Oktober folgte 1951 der Hessische Schützenverband. Und so fassten auch die Usinger wieder Mut. Am 8. August 1952 rief der frühere Schützenmeister, also Vorsitzende, zu einer Versammlung auf - und Heinrich Bechtel wurde auch wieder zum Vorsitzenden gewählt. 18 frühere und 16 neue Mitglieder bildeten den Verein. Und: Die Zahl der Mitglieder wuchs rasch an. Das Vereinslokal war die Goldene Sonne, ein Luftgewehr-Schießstand richtete man in der Herrenstube dort ein. Zwei Luftgewehre waren die Ausstattung. Willi Klopp als Schreinermeister und späterer Schützenmeister bastelte sogar eine Anlage mit Seilzügen, die in den Sonnensaal passte. Nebenbei: Das Auge von Walther von der Vogelweide auf dem großen Bild im Saal haben die Schützen damals mehrfach perforiert. Erster Schützenkönig wurde 1955 Albert Erle.

US-Pioniere helfen beim Wiederaufbau

Klar stand der Wiederaufbau der Schießanlage zur Debatte. Aber der Verein hatte nur sehr bescheidene Mittel. In einem erhaltenen Brief an die Verwaltung forderten die Schützen von der Stadt eine Entschädigung für die Schießhalle, deren Fläche als Viehhalle »zweckentfremdet« worden war - und man möge doch Arbeiter abstellen, um das Gestrüpp zu beseitigen. Pläne wurden gemacht, der Grundstein im Juni 1956 gelegt. Mit Hilfe schweren Geräts der US-Amerikaner machte der Bau Fortschritte, pausierte durch den Abzug der Truppen und kam 1957 wieder in Gang. Denn Pioniere der US-Truppen unterstützten beim Bau. Aber die Erdarbeiten konnten erst 1959 beendet werden.

Die Baupläne entwickelten die Schützen selbst. Das Haus entstand aus Steinen, nicht mehr aus Holz. In der Form aber hielt man sich ans alte frühere Konzept von Wilhelm Steinmetz. Vor allem viele Jungschützen, fast alle Jahrgang 1939, packten damals mit an. Der Schützenball lebte wieder auf, der Verein nahm Fahrt auf, richtete Turniere aus und wuchs. Und das Schützenhaus am Steinhöhlchen nahm immer mehr Form an. Im Juni 1960 war Richtfest, im Dezember Einweihung.

Einen kleinen Rückschlag gab’s noch, denn die Jägervereinigung hatte eifrig mitgebaut - aber für jagdliches Schießen war der Stand nicht ausgelegt, entsprechende Sicherungen wären zu teuer geworden. Und so löste man die Abmachung gemeinsamer Nutzung mit den Jägern.

Die Kleinkaliber-Anlage ging im Oktober 1961 in Betrieb. Der Verein hatte nun eine moderne Anlage für Luftgewehr und Kleinkaliber mit drei Ständen auf 50 und 100 Metern Distanz. Im Juli 1952 stand Usingen beim großen Fest mit Fahnenweihe Kopf - drei Tage feierte man. Und: Der Schützenmarsch feierte Premiere, ein Geschenk des Komponisten Walter Jäger.

Erst 1971 schloss die Stadt das Schützenhaus ans Kanalnetz an - die Zeit der Plumpsklos endete. Zudem bereitete der damalige Vorsitzende Willi Klopp den Bau eines Pistolenstandes vor.

1972 war dann ein sehr entscheidendes Jahr - denn nicht nur 550 Jahre Verein waren zu feiern, der Vorstand formierte sich komplett neu. Heribert Daume wurde Vize, Vorsitzender Jürgen Schulte-Langforth. Sie bereiteten das Jubiläum vor und mussten sich erst in den Verein einarbeiten. Bauingenieur Schulte-Langforth bereitete auch den nächsten Anbau vor. Das Fest selbst war für die ganze Stadt ein Treffpunkt - und Heinrich Philippi konnte Jolanthe mit nach Hause nehmen. Das Schwein war der Hauptgewinn eines Schätzspiels. Und Philippi traf mit 125 Kilo genau das Gewicht.

Schützenhaus wächst weiter

In den folgenden Jahren folgten weitere Anbauten wie ein Küchentrakt, Zentralheizung und Pistolenstand. Und: Die Jugend war künftig mit 16 Jahren stimmberechtigt - für die damalige Zeit ein sehr fortschrittlicher Entschluss.

Oli Daume wurde 1979 Chef des Vereins, eine neue Stromleitung wurde verlegt, die Vorderlader-Schwarzpulverschützen formierten sich. Die Anlage wuchs auf zehn Stände.

Schauen wir auf die weiblichen Mitglieder. Denn die durften erst ab 1954 eigene Wettkämpfe austragen, 1962 rief der Deutsche Schützenbund dazu auf, Damenabteilungen zu bilden. In Usingen taucht der Begriff Schützenschwestern schon in den 1920er-Jahren auf, aber erst nach 1954 kamen auch die Frauen aktiv in den Verein zum Zug. Und bei den Schützenbällen - denn diese wuchsen zu den großen gesellschaftlichen Höhepunkten heran.

Heribert Daume gab im November 1995 seinen Vorsitz ab, Volker Nüßlein folgte. Und der Verein etablierte sich immer mehr ins gesellschaftliche Leben und übernahm Verantwortung - wie heute noch bei der Kerb. 2000 wählten die Schützen ihre erste Frau an die Spitze, denn Brigitte Oehler wurde zweite Chefin, also Vize-Schützenmeisterin. Nicht vergessen werden soll, dass der Verein bei der 1200-Jahr-Feier 2002 eine wichtige Rolle übernahm. 2003 wurde der noch amtierende Jens Kröger Schützenmeister.

2006 folgte eine Abteilung für die Bogenschützen, im Oktober 2008 die offizielle Einweihung des Parcours. 2009 richtete man die Gaumeisterschaften aus - und Jörg Worbs, das muss erwähnt werden, holte drei Meistertitel und mehrere zweite Plätze. Es gäbe noch vieles zu erwähnen - das Blasrohrschießen, die Präsentation eines Replikats der alten Bataillonsfahne und die vielen Angebote, die auch noch neben dem Schießsport stattfinden. Fest steht: Die Schützen sind aus dem Leben Usingens nicht wegzudenken und engagieren sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen.

Die neue Chronik mit 192 Seiten ist für 20 Euro erhältlich im Schützenhaus Usingen, freitags ab 19 Uhr, in der Amts-Apotheke, bei Wilhelm Kraus oder über die Homepage www.sv-1422-usingen.de BUR

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Das Präsidium der Schützen mit Jens Kröger an der Spitze (rechts) hofft ein erfolgreiches Jubiläumsjahr. FOTOS: SCHÜTZENVEREIN © Red
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2015 trainierten die Bogenschützen noch im Bürgerhaus Kransberg. © Red

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