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Charlotte Link (rechts) war am Freitagabend in der ausverkauften Taunushalle in Oberstedten zu Gast und erzählte Moderatorin Kristine Zimmermann, dass sie ganz in der Nähe aufgewachsen ist.

Bestseller-Autorin Charlotte Link

Zurück in der Kindheit

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„Die Entscheidung“ heißt der jüngste Kriminalroman von Charlotte Link. Bei ihrer Lesung in Oberstedten erzählte eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart über Reisen, Zettel und die Rückkehr an einen ganz besonderen Ort.

24 Bestseller, die in zahlreiche Sprachen übersetzt worden sind, 26 Millionen verkaufte Bücher allein in Deutschland – Charlotte Link gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart, und da stehen Lesungen immer mal wieder auf der Tagesordnung. Der Termin am Freitag in der Oberstedter Taunushalle, auf Einladung der Buchhandlung Bollinger, ist dennoch ein ganz besonderer für die 53-Jährige: „Nur ein paar Meter entfernt habe ich Lesen und Schreiben gelernt“, verrät Link Kristine Zimmermann vom Hessischen Rundfunk im Plauderton. „Scheinbar eine gute Investition“, fügt die Erfolgsautorin hinzu und lacht.

Ihre Kindheit verbrachte sie in Oberursel – als sie anderthalb war, zogen die Eltern mit der Kleinen aus Frankfurt ins beschauliche Eichwäldchen. Erinnerungen an diese Jahre hat sie, wie sie erzählt, nur die schönsten – man ging vor die Tür und war im Grünen, durch das sie mit Horden von anderen Kindern tobte. Sie besuchte die Grundschule Oberstedten, in der alten Stedter Halle turnte sie.

Bei ihrer Rückkehr heute, mehr als vier Jahrzehnte später, erreicht sie die Taunushalle von der entgegengesetzten Seite aus, kommt aus Wiesbaden statt dem Eichwäldchen. Mitgebracht hat sie statt Turnsachen ihr jüngstes Werk, den im September erschienenen Kriminalroman „Die Entscheidung“, aus dem sie lesen, über den sie sprechen und den sie signieren wird. Die Schlange ihrer Fans vor dem kleinen Tisch wird später durch den halben Saal reichen.

Wo Link früher Sport machte, sitzt sie heute Zimmermann gegenüber, auf der Bühne, die an diesem Abend fast wie ein Wohnzimmer wirkt. Die zwei Korbsessel stehen auf einem flauschigen, klassisch gemusterten roten Teppich, zwischen den Frauen spendet eine Tischlampe mit silberfarbenem Fuß gedämpftes Licht, die Bühnenbeleuchtung stört die heimelige Atmosphäre nicht.

Die Veranstaltung ist ausverkauft. 400 Zuhörer sind gekommen, zum überwiegenden Teil weiblich, in jedem Alter und in kleinen Grüppchen.

Link-Lesen verbindet

. Vielleicht auch deshalb, weil die Autorin trotz des Ruhms bodenständig geblieben ist, im besten Sinne, weil ihre Leserinnen sich nicht nur mit ihren Figuren identifizieren können, sondern auch mit der Schöpferin selbst, wenn sie sie erleben. Charlotte Link ist keine, die das Rampenlicht sucht, wirkt bescheiden, sympathisch, unaufgeregt. So liest sie auch, und die Ruhe in ihrer Stimme stellt umso mehr die Spannung heraus, die in ihren Zeilen steckt.

Um Autorin zu werden, hatte die Mutter einer Tochter ehedem das Jurastudium abgebrochen. Über das Schreiben sagt sie: „Das ist eine fast banale Arbeit.“ Die wenigsten Autoren schrieben nachts mit Zigaretten, Rotwein und Eingebung. „Ich setze mich morgens an meinen Schreibtisch und fahre den Computer hoch, dann habe ich ein Limit, wie viel ich an diesem Tag schreiben will“, erzählt Link. „Und das oft ohne Eingebung.“

Meist falle ihr zunächst nichts ein, wie sie gesteht. Auch wenn es jeweils ein Konzept gebe – „aber das werfe ich hundertmal um“. Die Figuren seien Charaktere, nicht nur Papierstücke. „Da beginnt der spannende Prozess, dass ich mich als Autorin den Figuren unterordnen muss. Ich erkenne: Das würde dieser Mensch mit seiner bisherigen Entwicklung so jetzt nicht tun.“

„Altmodisch“ nennt Link ihre Arbeitsweise – ihre Einfälle notiert sie nach wie vor per Hand auf Papier. „Am Ende ist mein Schreibtisch voller kleiner Zettel.“ Auf ihnen kann „schlimmes Erlebnis in der Kindheit“ stehen, aber auch Augen- und Haarfarben. „Ich sitze ein Jahr an einem Buch. Wenn ich auf Seite zwei geschrieben habe, jemand habe blaue Augen, und im letzten Kapitel braune Augen, dann bekomme ich erzürnte Zuschriften.“

Daher gleiche sie am Ende zwei Wochen lang nur Details ab, von morgens bis abends. Solche Fehler könne sie selbst nicht haben beim Lesen – Link liest, was sie selbst schreibt, nämlich Krimis, am liebsten jene, die sie so packen, dass sie die Welt um sich herum vergisst, wie sie erzählt.

Akribisch ist Charlotte Link auch in der Vorbereitung. „Recherche ist für mich ganz wichtig. Ich bin immer an den Orten, über die ich schreibe.“ In der Regel unternimmt sie zwei Reisen – vor dem Schreiben, um ein Gespür für die Atmosphäre zu bekommen, danach mit einer Liste in der Hand, die es abzuarbeiten gilt. „Zum Beispiel: Welche Busverbindungen gibt es dort? Manchmal stört das meine Handlung. Wenn es keinen Bus gibt, dann muss ich mir etwas anderes überlegen, wie die Personen von A nach B kommen.“

Für „Die Entscheidung“ hat Link ihren bisherigen Lieblingsschauplatz England verlassen, die Handlung größtenteils nach Südfrankreich verlegt. Es geht um Mädchenhandel und um Simon und Nathalie, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind und in eine mörderische Geschichte hineingezogen werden. Kristine Zimmermann: „Ich möchte es nicht abends im Bett lesen.“

Charlotte Link: „Die Entscheidung“, Kriminalroman, 576 Seiten, erschienen im Blanvalet-Verlag. Erhältlich im Buchhandel, Preis: 22,99 Euro.

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