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Es ist geschafft! Mitch (oben links) und Patrizio haben Reporterin Sarah Bernhard dazu gebracht, am Trapez vom Podest zu springen.

Selbstversuch am Trapez

Mit Höhenangst hoch über der Zirkusmanege schweben

Der dreifache Salto mortale ist ihre Spezialität: Die „Flying Wulbers“ vollbringen hoch über der Manege verwegene Kunststücke. Redakteurin Sarah Bernhard hätten für Nervenkitzel und Adrenalin pur auch die ersten Sprossen der Strickleiter gereicht. Doch dann wäre ihr entgangen, was an diesem Job so einzigartig ist.

Ich stehe auf einem Podest in 9,50 Metern Höhe, klammere mich links und rechts an einen Haltegriff und bin mir sehr sicher, dass ich sterben werde, wenn ich diese Griffe loslasse. Denn anders als Mitch, das Oberhaupt der Trapezartisten-Familie vom Zirkus Charles Knie, habe ich Höhenangst.

Einen Tag als Trapezkünstler, samt Auftritt in der Show, das ist der Plan. Also habe ich am Vormittag zusammen mit Mitch (44) und seinem Kollegen Patrizio (30) das Sicherheitsnetz über die Manege auf dem Festplatz am Ratsweg gespannt, mich hinter der Bühne an einer Reckstange aufgewärmt und bin dann vorsichtig die Strickleiter bis auf Netzhöhe hochgeklettert: Erst einmal soll ich üben, richtig zu fallen.

Das Netz wabbelt, ich plumpse statt zu fallen. Egal, das Material ist nachgiebig genug für beides. Also weiter die Strickleiter hinauf. Auf halber Höhe ist meine Sportkleidung vor Angst durchgeschwitzt. „Schau nach oben, einen Griff nach dem anderen“, ruft Mitch. Links, rechts, links, rechts. Ich frage mich, warum ich mir das antue.

Hoch, Hände ans Trapez, ein paar Mal schwingen, fallen lassen. „Alles ganz einfach“, hatte Mitch zur Einführung gesagt. „Es gibt nur eine einzige Regel: In dem Moment, in dem ich ,Up!‘ schreie, musst du loslassen.“ Es ist der höchste Punkt der Bahn, an dem ich fast waagrecht in der Luft liege. Das ist wichtig, damit ich mit dem Hintern zuerst ins Netz falle statt mit den Füßen.

Doch so weit sind wir noch lange nicht. Denn ich werde die Griffe links und rechts nie wieder loslassen. „Die Leiter wieder runterzuklettern ist viel schlimmer als übers Trapez“, sagt Mitch. Dann umfasst er meinen Bauch. In der Ferne brüllt ein Löwe.

Patrizio, der mit aufs Podest geklettert ist, hält mir die Trapezstange hin. Man muss sich leicht vorbeugen, um sie zu greifen. Unter mir gähnt der Abgrund. „Ich halte dich“, sagt Mitch. Ich lasse die Griffe trotzdem nicht los. Gefühlte fünf Minuten stehen wir so, ich leicht vorgebeugt, meine Hände weiterhin fest um die Griffe geklammert, er mich haltend. Unter dem blauen Dach der Manege hat es schon jetzt 30 Grad. „Mann, muss der Kraft haben“, denke ich.

Und ja, die hat der 44-Jährige auch. Schließlich ist er seit mehr als 25 Jahren Trapezkünstler. Angefangen hat er mit Pferdeakrobatik: Mit 13 kam der gebürtige Bulgare zum Zirkus, seine Schwester hatte die Anzeige in der Zeitung gesehen. „Im Kommunismus war Zirkus das Größte. Man konnte reisen, man war frei, das war wie Fernsehstar.“ Einige Jahre später sah er in München das erste Mal eine Trapeznummer. „Ich habe mich sofort verliebt.“ Seitdem stand er fast jeden Tag auf einem Podest wie dem, auf dem ich jetzt stehe.

„Mach es einfach! Du wirst es lieben, den Wind, die Leichtigkeit. Ich liebe es!“, sagt er nun hinter mir. Ganz langsam greife ich mit der rechten Hand nach vorne. Dann ganz langsam die linke. Ich zittere. Damit ich nicht schief abspringe, muss ich meine Füße vom Podest hängen lassen, bevor Mitch mich loslässt. Es dauert weitere fünf Minuten. Doch plötzlich rauscht kühler Wind um mich. Ich fliege. Und schreie.

Nach dem vierten Vorwärtsschwung ruft Mitch: „Up!“ Doch ich kann nicht loslassen. Ich schwinge zurück. „Kein Problem, einfach in der nächsten Runde!“ Aber ich bin so panisch, dass ich mittendrin loslasse. Mit den Füßen voraus falle ich ins Netz, tue mir aber glücklicherweise nicht weh.

Dann liege ich da, zitternd wie Espenlaub – und lache hysterisch, bis Mitch sich über mich beugt, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. So voller Adrenalin schaffe ich nach ein paar Minuten auch die Rolle vorwärts über den Netzrand. Ich bin wieder unten!

Mitch hingegen blickt nach oben. Seine Spezialität ist der dreifache Salto mortale. Mehrere Jahre lang hat er ihn geübt, erst mit Haltegurt an der Decke, später, als er sich sicher genug war, ohne. Man kann bei dieser Nummer sterben, wenn man abrutscht und falsch im Netz aufkommt. Deshalb müsse man sich beim Auftritt „zu 120 Prozent“ konzentrieren.

Mitch ist ein „Flieger“, im Gegensatz zum „Fänger“, der auf der anderen Seite der Manege pendelt und die Flieger nach ihren Kunststücken auffängt. Vermutlich ist der 44-Jährige sogar der älteste Flieger Europas: „Normalerweise hört man spätestens mit 35 wieder auf. Aber für mich ist das kein Job, sondern pure Leidenschaft.“ Ich schiebe den Plan, das Projekt einfach abzubrechen, beiseite. Ich will diese Leidenschaft auch fühlen.

Erst einmal folgt aber Ernüchterung: Das Kostüm, das die Frauen im Team später tragen werden, ist, nun ja, etwas eng. Also nach Hause, passende Kleidung suchen.

Kurz nach drei stehe ich wieder vorm Zirkuszelt. Um vier beginnt die Vorstellung, Zeit fürs Make-Up. Vika (29) wartet schon. Eigentlich ist die Ukrainerin Showballetttänzerin, aber sie hat auch Schminkkurse belegt. 35 Minuten später sind meine Augen smoky, meine Lippen knallrot und der Schwung meiner unechten Wimpern macht es unmöglich, noch eine Brille zu tragen. „Wir tragen solche Wimpern neun Monate lang jeden Tag“, sagt Vika. „Alles für die Show!“

Geschminkt fühle ich mich gleich viel mehr wie ein Zirkusstar. Meine Zuversicht steigt. Die Musik setzt ein, auf der Bühne beginnt das Programm. Hinter der Bühne zeigt mir Gilda, Mitchs italienische Ehefrau, wie ich mich nach meiner Nummer verabschieden soll: Linken Fuß aufstellen, Brust raus, Hände seitlich nach oben strecken, lächeln. „Compliment“ heißt diese Pose. Ich übe zwischen Pferden, die von der Bühne abgehen, und den anderen Trapezkünstlern, die mittlerweile ihre neongelben Kostüme tragen und sich die Arme mit Magnesium einreiben. Alle sind sehr konzentriert, jeder Handgriff sitzt. Außer bei Clown Henry, der so lange mit mir herumalbert, bis meine Unsicherheit weggelacht ist. Alle wünschen mir viel Erfolg. Alle lächeln. Dann werde ich angesagt.

Gilda zieht mich ins grelle Licht. Lässig winke ich ins Publikum, lässig steige ich die ersten Sprossen hoch. Doch auf halber Höhe überfällt mich plötzlich wieder die Angst. Das Zittern meiner Hände überträgt sich auf die Strickleiter, die wackelnde Leiter macht mir noch mehr Angst.

Ich werde langsamer. Mehr als 1000 Menschen fangen an, im Rhythmus der Musik für mich zu klatschen. Vika fällt mir ein. Alles für die Show! Ich schaue nach oben, wie Mitch es mir beigebracht hat, links, rechts, links.

Die Menge jubelt, als ich das Podest betrete. Es ist noch heißer als am Vormittag. Ich klammere mich an die Haltegriffe. „Lass die Augen offen“, sagt Mitch. „Nur so kannst du sehen, wie großartig es ist!“ Dann umfasst er meinen Bauch und Patrizio hält mir das Trapez hin. Die Zirkusband hört auf zu spielen, damit ich Mitchs Kommandos hören kann. Die Menge schweigt erwartungsvoll. Ich muss jetzt umgreifen. Genau jetzt.

Alles für die Show! Ich ergreife das Trapez. Die Menschen jubeln. Nur noch die Füße. Nicht schreien, sonst erschrecken die Kinder. Dann gibt es nur noch den Wind, der die begeisterten Rufe der Zuschauer zu mir trägt, und den Triumph. Ich öffne die Augen und genieße, wie die Manege unter mir wegkippt. Plötzlich ist alles einfach. In der Sekunde, in der Mitch „Up“ schreit, lasse ich einfach los und falle, falle, falle, bis mich das Netz auffängt. Dieses Mal ist mein Lachen echt.

Nach seinem dreifachen Salto kommt Mitch noch mal zu mir, um sich zu verabschieden. „Jetzt weißt du, was ich meine“, sagt er. Und damit hat er völlig recht.

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