+
Foto: dpa

Jagdsaison

Immer Ärger mit den Wildgänsen

  • schließen

Bis zu zwei Kilo Kot lassen Wildgänse pro Tag fallen. Im Sommer, wenn sie am meisten stören, darf man den ungebetenen Gästen nicht zuleibe rücken. Jetzt wäre es – bis zu Beginn der Jagdsaison im Januar – erlaubt. Doch diese Möglichkeit wird kaum genutzt, aus diversen Gründen.

Als hätten sie’s geahnt: Kaum war der Schießbefehl beschlossen, da verkrümelten sich die Gänse am Hattsteinweiher. Wie an vielen anderen Badegewässern gab es auch an dem See bei Usingen im Sommer morgens „kiloweise Häufchen“, erinnert sich Jürgen Friedrichs vom Usinger Bauamt. Es stammte von einem Gänsepaar mit sieben Jungen. Im Winter sollen die Jäger ran – sofern die Vögel wiederkommen.

Andere Kommunen sind nicht so forsch – obwohl das Problem durchaus da ist. Wo stehendes Wasser ist und sich Menschen aufhalten, sind oft auch Nil- und Kanadagänse zugegen. Sie koten Wege und Wiesen zu, Landwirten fressen sie die Jungpflanzen ab – besonders Mais mögen sie. Haben sie Junge, verteidigen sie aggressiv Brut und Revier. Im Bad Homburger Schlosspark etwa residieren viele Vögel – im wahrsten Sinne des Wortes. Je größer sie sind, desto höher in der Hierarchie innerhalb der Vogelschar.

Die Bedingungen für Nil- und Kanadagänse sind traumhaft: Flache Ufer, Gras und zusätzlich jede Menge Nahrung, die Menschen hinterlassen (siehe Box). „Im Sommer war es extrem“, berichtet Chef-Schlossgärtner Peter Vornholt. „Wegen der Trockenheit sind die Wiesen ohnehin schon grau, und dann noch die vielen Häufchen . . .“ Eine ausgewachsene Gans verliert pro Tag bis zu zwei Kilogramm Kot.

Die Gänse halten „alle anderen Vogelarten klein im Bestand“, weiß der Gärtner. In den vergangenen Jahren hatte die Schlösserverwaltung Tiere einfangen und auswärts umbringen lassen. Eine Jagdgenehmigung für den Park gibt es nicht – das wäre zu gefährlich, da man nie ausschließen kann, dass sich darin trotz verschlossener Tore Menschen befinden. Vornholt hat sich diesen Sommer zumindest einmal bei einer Falknerin erkundigt, wie es funktioniert, wenn Raubvögel die Jagd übernähmen. „Sie schießen mit 160 Kilometern pro Stunde herunter und brechen ihnen die Wirbelsäule.“

Oberursel hat einen solchen tierischen Einsatz schon hinter sich: Ein Bussard jagte Gänse am Maasgrund – jedoch erfolglos. „Sie zu töten bringt nichts“, sagt Friederike Schulze, Vorsitzende des BUND Hochtaunus. Auch wenn ein Jagdpächter Gänse schieße, würden sie sich in gleicher Zahl reproduzieren. „Wir werden die Nilgänse nicht mehr loswerden“, so Schulze. „Damit müssen wir uns abfinden.“ Was die Vermehrung betrifft, so gebe es allerdings eine „Sättigungsgrenze“.

Darauf vertrauen wohl auch die Jagd- und Landschaftsexperten in Bad Homburg, die vor drei Jahren einen „Runden Tisch Nilgänse“ ins Leben gerufen hatten. Nennenswerte Ergebnisse gab es nicht. Am Kurparkweiher lässt man die Tiere gewähren – und werden sie aggressiv wie im Mai dieses Jahres, als eine Gans Entenküken angriff, schalten sich ohnehin Passanten sowie der Tierschutzverein ein.

Die Tierschützer sind sich uneins, ob sie kleinere Wasservögel vor den Nilgänsen schützen wollen oder die Gänse selbst. „Wir sind grundsätzlich dagegen, Tiere umzubringen“, erklärt Renate Echterdiek, Vorsitzende des Homburger Tierschutzvereins. Sympathien hegt sie für eine Art Antibabypille für Vögel – die aber in Deutschland nicht zugelassen sei. „Auch ist nicht gewährleistet, dass die Gänse es auch fressen“, räumt Echterdiek ein.

In Kelkheim wurden jüngst Gelege gegen Attrappen ausgetauscht – offenbar mit Erfolg. Die Städte Frankfurt und Darmstadt setzten in diesem Sommer auf Plastikzäune, die den Vögeln die Sicht aufs Wasser versperren. Am Badesee „Woog“ in Darmstadt zumindest watschelten weniger Gänse über die Liegewiese. Glück hat auch das Kronberger Waldschwimmbad: Anders als in vorherigen Jahren blieb es in diesem Sommer von Gänsescharen verschont. Möglicherweise ist den Tieren das Areal wegen des angrenzenden Waldes zu unübersichtlich.

Es gibt aber auch Tierschutzaktivisten, die sich für Wildgänse einsetzen: Die Frankfurterin Martina Chane hat den Verein „Projekt Oase, Mensch und Tier im Einklang“ gegründet. Sie beobachtet die Vögel täglich, auch an den Homburger Weihern, pflegt kranke Tiere und meint: Nilgänse seien nicht aggressiv, sie hätten vorbildliche Elterneigenschaften, die viele Menschen mit Aggression verwechselten. „Die Nilgans ist für leider viele Menschen ein Sündenbock.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare