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Interview: Wie müssen Städte künftig gebaut werden, Herr Becker?

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?Man kann jemandem, der in der Innenstadt wohnt, auch einmal zumuten, zehn Minuten zu seinem Auto zu laufen?, sagt der Vorsitzende des Städtbaubeirats, Torsten Becker.
?Man kann jemandem, der in der Innenstadt wohnt, auch einmal zumuten, zehn Minuten zu seinem Auto zu laufen?, sagt der Vorsitzende des Städtbaubeirats, Torsten Becker. © ftv-Hamerski

Vor dem Hintergrund des Klimawandels müsse Frankfurt anders bauen, meint der Stadtplaner Torsten Becker. Im Gespräch mit Günter Murr erläutert er, warum es trotzdem keine Alternative zu neuen Baugebieten gibt.

In diesem Sommer haben wir gemerkt, wie sich die Stadt aufheizt. Ist es vor diesem Hintergrund vertretbar, weitere Flächen zu versiegeln?

TORSTEN BECKER: Es ist wohl notwendig. Aber wenn man Flächen versiegelt, ist es unumgänglich, für eine Kompensation zu sorgen. Wenn gebaut wird, muss man Grünflächen vorsehen und vielleicht auch versiegelte Flächen wegnehmen, die bisher zum Parken oder für Gewerbe genutzt werden. Um den Anforderungen des Klimawandels gerecht zu werden, müssen wir anders und besser bauen.

Was heißt anders bauen?

BECKER: Wir müssen grüner bauen und zum Beispiel ganz anders mit dem Thema Wasser umgehen. Unsere Städte müssen als Schwamm funktionieren und das Regenwasser aufnehmen, statt es in die Kanalisation zu leiten. Das geht mit Dachbegrünung oder mit Regenrückhaltebecken. Auch über Bäume kann mehr Feuchtigkeit im Quartier gehalten werden. Wenn mehr Wasser verdunstet, hat das positive Auswirkungen auf das Kleinklima. Im Ausland ist man da schon viel weiter als in Deutschland.

Welche Beispiele gibt es?

BECKER: In Frankreich ist bei vielen neueren Projekten der Umgang mit Bepflanzungen im Straßenraum generell ganz anders. Dort wird dafür viel mehr Geld ausgegeben als bei uns. Wir haben das in Lyon gesehen, dass die Straßen eine größere Aufenthaltsqualität und mehr Erholungswert haben. In Deutschland hingegen pflanzt man ein paar mickrige Bäume und stellt sonst alles voll mit Autos.

Wie sieht das aus in Lyon?

BECKER: Die haben breite Gräben mit Sickerflächen und Staudenbepflanzung angelegt. Das ist ein Stück Natur in der Stadt. Bei der Hitze ist das sehr angenehm. Es werden auch große Bäume gepflanzt, nicht so kleine wie bei uns, bei denen es viele Jahre dauert, bis sie Schatten spenden.

Ist es sinnvoll, über Nachverdichtung bestehender Wohngebiete zu sprechen? Oder müsste man nicht die vorhandenen Grünflächen erhalten?

BECKER: Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. In den Gründerzeitquartieren wie Sachsenhausen, Nordend oder Bornheim ist die Nachverdichtung schwierig. Dort muss man eher zu einer Entsiegelung kommen und zum Beispiel Garagenhöfe wegnehmen und ein paar Bäume pflanzen. In den 50er-Jahre-Siedlungen hingegen ist schon noch Luft für Nachverdichtungen.

Ein anderes Thema ist die Durchlüftung. Manchmal hat man den Eindruck, in der Stadt steht die Luft. Wie lässt sich das durch Stadtplanung verbessern?

BECKER: Bei neuen Quartieren am Stadtrand müssen Luftleitbahnen berücksichtigt werden, damit kühle Luft in die Innenstadt gelangt. Da geht es auch um die Frage, welche Bäume in den Straßen gepflanzt werden. Baumsorten mit einem feineren Blattwerk ermöglichen auch den Luftaustausch in stark belasteten Straßen.

Sind nicht auch hohe Gebäude ein Problem?

BECKER: Die Fachleute sagen, dass Gebäude mit einer abgestuften Höhe gut für die Durchlüftung sind, weil sie die Luftverwirbelung fördern. Das kann man bei Neubaugebieten berücksichtigen. Wenn man die Bebauung aber zu offen gestaltet, bekommt man häufig ein Problem mit dem Lärmschutz. Geschlossene Blocks sind oft besser. Es gibt keine Pauschallösung für guten Städtebau.

Plätze werden in Frankfurt meist sehr steinern gestaltet. Ist das gut für die Aufenthaltsqualität?

BECKER: Klar braucht man große, freie Plätze, auf denen Feste gefeiert werden können. Genauso braucht man aber auch Plätze mit einer hohen Aufenthaltsqualität. Und die fehlen gerade in der Innenstadt. Wir brauchen Bereiche, wo man sich auch mal im Schatten erholen kann. Die Platzfolge Roßmarkt, Goetheplatz, Rathenauplatz könnte man zum Beispiel ganz anders gestalten.

Auch in den Straßen gibt es unterschiedliche Interessen: Fahrspuren, parkende Autos, angenehme Gestaltung.

BECKER: An die parkenden Autos wird meist zuerst gedacht, aber eigentlich müssen die Fußgänger ganz vorne stehen. Die Autofahrer sind in den innenstadtnahen Lagen eine Minderheit. Deshalb verstehe ich nicht, warum man darauf einen so großen Fokus legt und warum ein paar Stellplätze wichtiger sind als ausreichend breite Gehwege. So ist die aktuelle Umplanung der Textorstraße schlecht, weil sie technokratisch gemacht ist und zulasten der Fußgänger geht.

Wohin sollen die Autos?

BECKER: Man kann jemandem, der in der Innenstadt wohnt, auch einmal zumuten, zehn Minuten zu seinem Auto zu laufen. Man braucht da andere Konzepte wie Quartiersgaragen. Es gibt kein Menschenrecht auf einen kostenlosen privaten Parkplatz im öffentlichen Raum. Beim Einkaufsverkehr würde ich differenzieren. Es gibt sicher Läden, die Parkplätze brauchen. Aber bei der Mehrzahl der Geschäfte und gastronomischen Einrichtungen kommen die Leute zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn. Bei der Gestaltung der Straßen gibt es noch viel Nachholbedarf. Das in Frankfurt verwendete rote Knochenpflaster ist einfach nur beschämend.

Was wäre besser?

BECKER: Größere und hochwertigere Platten, die fußgängerfreundlicher sind. An vielen Stellen sehen die Beläge schon sehr schäbig aus.

Gibt es auch Beläge, mit denen die Straßen nicht so stark aufgeheizt werden?

BECKER: Ja, man kann hellere Farben nehmen. Das geht auch mit gefärbtem Asphalt. Allerdings sollte man nicht wegen des Klimawandels die schwarzen Schieferdächer verbannen, denn die sind typisch für Frankfurt.

Was stellen Sie sich bei der Ausstattung des öffentlichen Raums vor?

BECKER: Andere Sitzgelegenheiten, nicht immer nur die gleiche Standardbank. Wir brauchen mehr attraktive Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Und was in Frankfurt fehlt, sind Trinkbrunnen. In Rom gibt es die an jeder Ecke. Herrlich im Sommer.

Wie sieht es bei den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs aus?

BECKER: Auch da gibt es viel Nachholbedarf beim Design. Derzeit setzt man in Frankfurt doch eher auf spartanische Lösungen. Man könnte die Anlagen auch so gestalten, dass sie eine höhere Aufenthaltsqualität haben. In Frankreich gibt es da sehr schöne Beispiele, etwa in Bordeaux. Dagegen ist die Planung der Haltestellen für die Regionaltangente West anachronistisch. Es wird ignoriert, dass Menschen auch vom Fahrrad in die Bahn umsteigen und dass Haltestellen wichtige öffentliche Orte sind, die einer schönen Gestaltung bedürfen.

Demnächst soll das Integrierte Stadtentwicklungskonzept für Frankfurt vorgestellt werden.

BECKER: Wir freuen uns alle darauf, wir haben lange genug darauf gewartet.

Was versprechen Sie sich davon?

BECKER: Wir versprechen uns Planungssicherheit. Über die Stadtentwicklung wurde bisher nicht strategisch gesprochen. Jetzt bekommen wir Klarheit, wo es Wachstum gibt und wo es eher ruhiger und gemächlicher bleibt.

Es wird aber weiter Widerstände geben gegen Wachstum und neue Baugebiete geben. Wie soll man damit umgehen?

BECKER: Man kann Entwicklungen nicht einfach aufhalten und den Zuzug stoppen. Frankfurt wird nicht so bleiben, wie es heute ist. Auch viele Planer hatten die Illusion, die Städte seien zu Ende gebaut. Das ist nicht der Fall, es geht immer weiter, gerade in Frankfurt. Man kann den Menschen ja nicht vorschreiben, wo sie wohnen.

Wenn sie ins Umland ziehen, müssen sie zum Arbeitsplatz pendeln und erzeugen zusätzlichen Verkehr.

BECKER: Deshalb ist der Bau von großen Einfamilienhaussiedlungen in der Peripherie weit außerhalb keine Alternative zur Innenentwicklung in der Stadt und auch zum Bau eines neuen Stadtteils. Die ökologischen Gesamtkosten wären weitaus höher. Sinnvoll ist es, mit hoher Dichte an den Haltestellen der S-Bahn zu bauen. Aber auch das System des öffentlichen Nahverkehrs muss weiter ausgebaut werden. Es kommt jetzt die Regionaltangente West, aber es müssten noch viel mehr solche Projekte aufgesetzt werden. Wir müssen jetzt die Projekte planen, die in 10 oder 15 Jahren gebraucht werden.

Ist in Frankfurt noch Platz für Einfamilienhäusern?

BECKER: Eigentlich nicht. Vielleicht können am Rand noch ein paar Reihenhäuser entstehen. Sonst aber sollte der Geschosswohnungsbau als Standard verstanden werden. Der muss aber nicht so aussehen wie in den aktuellen Neubaugebieten.

Was kann man anders machen?

BECKER: Es gibt in der Schweiz gute Beispiele mit ganz anderen Gebäudetypen und Wohnungsgrundrissen. Man kann auch mit einer kleinteiligeren Vermarktung eine ganz andere Qualität erreichen. Das Europaviertel ist da kein gutes Beispiel, dort hat man alles dem Markt überlassen. Dabei hätte man dort über Konzeptvergaben mehr Einfluss nehmen können, es waren ja alles mal Bahn-Grundstücke, die der öffentlichen Hand gehörten. Leider hat man dort nicht auf eine soziale Mischung geachtet, es wurde nur für bestimmte Bevölkerungsschichten gebaut.

Gibt es denn ein Neubaugebiet in Frankfurt, das gelungen ist?

BECKER: Oft übersehen wird der Preungesheimer Bogen, eine Planung aus den 1980er Jahren. Dort gibt es eine Kleinteiligkeit mit Stadthäusern und Geschosswohnungen. Architektonisch ist es nicht immer gelungen, aber es gibt dort eine hohe Lebensqualität und es wirkt sehr lebendig. Wenn man vorbildliche aktuelle Projekte sucht, muss man eher ins Ausland schauen, nach Kopenhagen, Zürich oder in die Niederlande. Was Städtebau betrifft, haben wir in Deutschland noch viel zu lernen. Es gibt in Frankfurt auch viel zu wenig Möglichkeiten für Baugruppen, ein individuelles Haus zu bauen.

Wie wird sich Frankfurt durch das Wachstum verändern?

BECKER: Die soziale Durchmischung wird sich verändern, oft auch nachteilig. Es wird viele Wohnungen geben, die zeitweise leer stehen, weil die Bewohner nicht immer da sind oder jemand nur sein Geld angelegt hat. Es wird auch zur Verdrängung von Älteren und Finanzschwächeren kommen. Dass das gut ist, bezweifle ich. Dagegen hilft nur, weiter Wohnungen zu bauen.

Auch auf heutigen Gewerbegebieten?

BECKER: Wir brauchen schon noch Gewerbe in der Stadt. Aber wir müssen mit den Gewerbegebieten intelligenter umgehen. Eingeschossige Kisten und großflächige Lkw-Abstellplätze sind für Frankfurt nicht mehr zeitgemäß. Durch eine effizientere Nutzung lässt sich der Flächenverbrauch deutlich reduzieren. Auch durch Straßen haben wir einen riesigen Flächenverbrauch. Am Miquelknoten zum Beispiel könnte man sich eine ganz andere bauliche Entwicklung vorstellen. Dazu haben wir vor einigen Jahren mal eine Skizze zum „Grünen Y“ gemacht. Leider ist das im Sande verlaufen. Der Stadt fehlt es noch an Mut, solch komplexe Projekte anzugehen.

Brauchen wir in der wachsenden Stadt nicht eher mehr Straßen?

BECKER: Den Eindruck habe ich nicht. Wir brauchen eher einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Park-&-Ride-Anlagen am Stadtrand und attraktive Radrouten.

Hier finden Sie alle Folgen der Montagsinterviews.

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